Heft 255 Dezember 2011
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Kinder

Jugendhilfe und Gesundheitssystem sind gefordert zum Schutz von

Kindeswohl und Kindergesundheit


Kinder
Alle müssen dazu beitragen, dass sich alle Kinder entwickeln, entfalten und besonderen Schutz genießen können.

In Berlin wird ein Neugeborenes aus dem Fenster im 5. Stock eines Hochhauses geworfen. Ebenfalls in Berlin verabschiedet der Bundestag das »Gesetz zur Stärkung eines aktiven Schutzes von Kindern und Jugendlichen« (Bundeskinderschutzgesetz) und Rheinland-Pfalz stimmt, mit der Mehrheit der Bundesländer, gegen dieses Gesetz.

In Mainz schreiben Mitarbeiterinnen des Amtes für Jugend und Familie Briefe, damit Eltern an den Früherkennungsuntersuchungen U1 bis U9 teilnehmen und koordinieren die Zusammenarbeit des lokalen Netzwerks, das durch Früherkennung und durch rechtzeitige Förderung und Hilfe einen wirksamen Schutz von Kindern vor Vernachlässigung, Missbrauch und Misshandlung erreichen soll.

Was hat das alles miteinander zu tun? Eine Annäherung an das Thema Kindeswohl und Kinderschutz.

Es sind immer wieder die spektakulären Fälle, die für kurze Zeit die Nachrichten beherrschen.

Warum nur gelingt es nicht, den grausamen Tod von Kindern zu verhindern? Warum erkennt manch­mal niemand, wenn einem Baby Gefahr droht - von den eigenen Eltern?

»Es gibt kein hundertprozentig funktionierendes System, das jede Form von Kindeswohlgefährdung ausschließen würde«, sind sich Hiltrud Göbel und Silke Kröhl einig. Göbel ist Sachgebietsleiterin im Mainzer Amt für Jugend und Familie, Abteilung Allgemeiner Sozialer Dienst, Hilfen zur Erziehung, Kröhl ist als ASD-Mitarbeiterin u.a. auch Netzwerkkoordinatorin für das Landeskinderschutzgesetz.

Beide haben mit Instrumentarien und Verfahren zu tun, die Kinder schützen sollen. In vielen Bundesländern sind zu diesem Zweck Kinderschutzgesetze in Kraft, so auch in Rheinland-Pfalz seit 2008. Eines seiner Bausteine will die primäre Gesundheitsprävention von Kindern sicherstellen: sie sollen gesund und ihrem Alter entsprechend entwickelt aufwachsen. Deshalb sollen Eltern animiert werden, die Früherkennungsuntersuchungen U1 bis U9 in Anspruch zu nehmen. Die Teilnahme an diesen Untersuchungen ist in Rheinland-Pfalz freiwillig.

Aber nicht alle Eltern gehen mit ihren Kindern deshalb zum Kinderarzt. Manche vergessen es einfach. Manche interessiert das vielleicht auch nicht. Es könnte aber auch ein Hinweis sein, hier stimmt etwas nicht. Es muss sich jemand darum kümmern. Genau das sieht das standardisierte Verfahren im Landeskinderschutzgesetz vor: sich kümmern! Das zuständige Gesundheitsamt schreibt die Eltern an, die nicht zu den Früherkennungsuntersuchungen kommen und schlägt einen Termin für einen Hausbesuch vor. Reagieren die Eltern nicht, erfolgt ein zweites Anschreiben - bleibt dies ebenfalls ohne Reaktion, wird der »Fall« an das Jugendamt weiter geleitet.

Hiltrud Göbel sagt, im vergangenen Jahr hätten 150-180 solcher Fälle bearbeitet werden müssen. Diese Anzahl habe sich im Vergleich zum Vorjahr kaum verändert. Allerdings sei der größte Teil dieser Fälle auf falsche Meldedaten zurückzuführen, d.h. die Eltern konnten gar nicht reagieren, weil sie unter der bekannten Adresse nicht erreicht wurden. In allen Fällen hätten keine Anzeichen von Kindeswohlgefährdung vorgelegen, so Göbel.

Klar ist, dass diese zusätzliche Aufgabe zusätzliche Arbeit für die Mitarbeiter von Jugendämtern bedeutet: Sie prüfen, ob die Familie beim Jugendamt bekannt ist, sie schreiben die Eltern an, überprüfen letztlich die Meldedaten. Eventuell machen sie ein oder mehrere Hausbesuche, dokumentieren den Fall und erfassen die Daten für die Statistik.

Die Sachgebietsleiterin hält diesen Aufwand dennoch für sinnvoll: Die Teilnahme an den Früherkennungsuntersuchungen sei von knapp unter 80 auf fast 100 Prozent gestiegen!

Das ist gut für die Kinder. Vor allem auch für deren Gesundheit. Und es ist eine Möglichkeit, vielleicht Anzeichen zu entdecken, die solch grausamen Tragödien wie in Berlin verhindern könnten.

Finanziert wird der Aufwand der Gesundheits- und Jugendämter sowie der Kinderärzte für die Ausfüllung von Meldebögen vom Land Rheinland-Pfalz.

Kinder
Alle müssen dazu beitragen, dass sich alle Kinder entwickeln, entfalten und besonderen Schutz genießen können.

Ein zweiter Baustein des Landeskinderschutzgesetzes heißt »Frühe Hilfen«: möglichst alle Familien sollen erreicht werden. Um eventuellen Überforderungen von Eltern rechtzeitig entgegenwirken zu können, um Risiken für das Kindeswohl erkennen und wirksame Hilfe anbieten zu können. Dazu ist die Kooperation zwischen den Professionen, die während der Schwangerschaft und den ersten Lebensjahren mit den (werdenden) Eltern und Kindern in Kontakt kommen, erforderlich und soll mithilfe eines weitreichenden Netzwerks gefördert und ausgebaut werden.

Das heißt, Kinderärzte, Kinderkrankenschwestern, Hebammen, Sozialämter, Schulen, Polizei- und Ordnungsbehörden, Agenturen für Arbeit, Krankenhäuser, Sozialpädiatrische Zentren, Beratungsstellen, Einrichtungen und Dienste zum Schutz gegen Gewalt in engen sozialen Beziehungen, Familienbildungsstätten setzen sich zusammen mit Mitarbeiter von Jugend- und Sozialämtern, von Kinderschutzvereinen etc.

Koordiniert wird diese Kooperation vom Jugendamt, in Mainz eine Aufgabe von ASD-Mitarbeiterin Sigrid Kröhl. Der Kinderschutzgedanke müsse in allen Berufen verbreitet, alle Menschen dafür sensibilisiert werden, skizziert sie den Grundgedanken. Je mehr Menschen genauer hinschauen, je mehr Menschen wissen, wohin sie sich wenden können, wenn ihnen etwas »komisch« vorkommt, am Verhalten, am Aussehen eines Kindes, umso besser könne Kindern geholfen, könnten sie geschützt werden.

Diese interdisziplinäre Kooperation finanziert die Landesregierung mit rund 1,4 Millionen Euro im Jahr.

Kinderschutz: Ja! Bundeskinderschutzgesetz nein?


Kinderschutz ist nicht nur eine Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe und die ausschließliche Finanzierung über die Etats von Sozial- und Familienministerien und- ämtern greift zu kurz. Präventiver Kinderschutz mittels Früherkennungsuntersuchungen und interdisziplinärer Kooperation dient auch der Gesundheit von Kindern. Deshalb, so die Argumentation der rheinland-pfälzischen Ministerin Irene Alt, ist präventiver Kinderschutz auch Aufgabe der Gesundheitshilfe, er muss von ihr mitfinanziert werden. Entsprechende Regelungen fehlen im Bundeskinderschutzgesetz. Die Mehrheit der Bundesländer akzeptiert das nicht und lehnte das Gesetz ab.

SoS