Heft 254 November 2011
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Straße

Überbleibsel der »Saarabstimmung«

Die Saarstraße


Saarstrasse
Beginn der Saarstraße- von der Binger Straße aus

Autofahrer aus dem Mainzer Umland kennen sie vielleicht besser als ihnen lieb ist: die Mainzer Saarstraße. Jeden Morgen stehen sie dort in langer Schlange und gerade an der Kreuzung zur Binger Straße haben die Pendler dann ausgiebig Zeit, den Straßenverlauf, das benachbarte Arbeitsamt und wer weiß - vielleicht auch das Straßenschild zu begutachten. Der ein oder andere mag da schon ins Grübeln gekommen sein: Warum heißt eigentlich mitten in Mainz eine Straße «Saarstraße«? Und nicht nur in Mainz! Auch in Wiesbaden, Trier, Kaiserslautern, Worms, München, Hamburg, Berlin und zig anderen deutschen Städten gibt es Saarstraßen. Spätestens wenn man sich das Datum der Namensgebung anschaut, wird klar, dass das kein Zufall ist. Nahezu alle diese Straßen bekamen ihren Namen im Jahr 1935. Hintergrund ist die so genannte ,Saarabstimmung' in eben diesem Jahr. Nachdem Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren hatte, wurde das Saarland Mandatsgebiet des Völkerbundes. Für das geschlagene Deutschland bedeutete dieser Gebietsverlust eine große Schmach, wie überhaupt der gesamte Versailler Vertrag.

Saarstrasse
Ende der Saarstraße: Europakreisel

Die Schmach gipfelte darin, dass Frankreich vom Völkerbund die Leitung der zuständigen Saar-Kommission übertragen wurde, inklusive der Rechte an den Saar-Zechen. Am 13. Januar 1935 durften dann rund 540.000 stimmberechtigte Saarländer per Volksabstimmung darüber entscheiden, zu wem sie nun gehören wollten: zu Frankreich, Deutschland oder keinem von beiden. Um das Saarland «heim ins Reich« zu holen rührte das junge NS-Regime im Vorfeld massiv die Werbetrommel, allen voran Joseph Goebbels mit dem einprägsamen Slogan «Deutsch ist die Saar, immerdar!«. Das Ergebnis war eindeutig: 90,5 Prozent der Saarländer sprachen sich für Deutschland aus. Am 1. März 1935 war es soweit: das Saarland wurde wieder deutsch. Ganz im Sinne der nationalsozialistischen Propaganda wurde dieses Ergebnis als riesiger Erfolg gefeiert und damit die Deutschen das historische Ereignis immer vor Augen behalten sollten, wurden kurzerhand in jeder größeren Stadt ,Saarstraßen' benannt. Das Saarland erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg noch eine sehr wechselvolle Geschichte: erst US-Besatzung, dann französische, Eigenständigkeit als ,Sarrois' und letztlich die Wiedereingliederung in die Bundesrepublik Deutschland Ende der 50er Jahre. Heute, gut 50 Jahre später, zweifelt kaum noch jemand daran, dass das Saarland tatsächlich zu Deutschland gehört. Und davon zeugen nach wie vor: jede Menge Saarstraßen.

Ilona Hartmann