Heft 254 November 2011
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Mogunzius

Mogunzius, Stadtschreiber DES MAINZERs

Der Stoff, der neue Seitenhiebe nährt


»Ach ja - Mainz wie es singt und lacht!« Haben angesprochene Mainzer früher über derartige Reaktionen auf ihre Heimatstadt die Nase gerümpft, erhält die Anspielung mittlerweile eine ganz andere Aktualität. Seit der Untreueprozess gegen die Wohnbau angelaufen ist, könnte man meinen, in Mainz gehe es tatsächlich nur närrisch zu. Die besondere Brisanz des Prozesses offenbart sich schon beim Blick, welche Prominenz im Zeugenstand zu den Anschuldigungen in Richtung des früheren Geschäftsführers Rainer Laub befragt wird. Der Oberbürgermeister, sein früherer Stellvertreter, die CDU-Fraktionschefin, die Vereinsspitze von Mainz 05 - alle sind geladen, um mehr Licht in die Vorfälle rund um die stadtnahe Gesellschaft zu bringen, die am Ende in einer desaströsen finanziellen Bauchlandung endete.

Den Anfang machte der einstige Geschäftsführer Laub selbst und brach damit sein mehrjähriges Schweigen. Erwartungsgemäß war der Tenor seiner Ausführungen: Laub will nicht der Buhmann für die Fehlentwicklung sein, die imposante 20 Umzugskartons voller Akten füllt. Und ganz falsch liegt der einstige Wohnbau-Chef trotz eigener hoher Fehlerquote dabei nicht. Denn die Rolle des Aufsichtsrats der Gesellschaft, der immerhin von OB Beutel und seinem damaligen Bürgermeister Schüler geführt wurde, ist mehr als fragwürdig.

Viele Entscheidungen hat das Gremium mitgetragen, für die jetzt der Geschäftsführer in Koblenz vor Gericht steht. Zudem ist es längst ein offenes Geheimnis, dass die Mainzer Kommunalpolitik und Stadtspitze die Wohnbau immer dann in die Pflicht nahm und zu Projekten nötigte als sie selbst mit dem Latein (oder den Finanzen) am Ende war. Das ist Fakt und schwebt über allem, was die Koblenzer Richter in Sachen Wohnbau-Affäre zu verhandeln haben. So wenig Laubs Feder Auftritt und Prozesstaktik eine Überraschung war, so wenig Erhellendes wollte auch der Oberbürgermeister selbst beitragen.

Vielmehr stützte sich Beutel auf Erinnerungslücken. Ob Rechnungen für Privatreisen oder millionenschwere Großprojekte - alles vergessen. Ebenso der Bau der VIP-Tribüne im Bruchwegstadion, über dessen Konditionen und Rolle der Wohnbau OB Beutel als Aufsichtsratschef nicht informiert gewesen sei. Obwohl das Kontrollgremium das Projekt gekannt und mehrheitlich gebilligt habe - so beharren zumindest die Anwälte von Laub.

Und mitten in den mit Spannung erwarteten Prozessauftakt platzte noch eine Nachricht, die das Image des stets lachenden und singenden Städtchens noch mehr festigte. Angeblich hat der Oberbürgermeister auf eine Ruanda-Reise im vergangenen Monat eine Rechnung an der Hotelbar nicht beglichen. Da fehlten selbst Koalitionären des Ampelbündnisses im Rathaus die Worte, weil sich selbstverständlich der kausale Zusammenhang zum Wohnbau-Prozess förmlich aufdrängt.

Und die mit 80 Tagessätzen geahndete Teilnahme des Oberbürgermeisters an einer privaten Capri-Reise der Stadtwerke ist schließlich auch noch nicht vergessen. Welches politische Beben dieser Vorfall noch auslöst, bleibt abzuwarten. Doch über die Peinlichkeit sind sich selbst Politiker unterschiedlichster Couleur ausnahmsweise mal einig. Zumal in diese Affäre rund um die Ruanda-Zeche ausgerechnet noch der rheinland-pfälzische Minister Lewentz hineingezogen wurde. Der gilt nicht nur als politischer Saubermann, sondern wird auch hartnäckig als möglicher Nachfolger von Ministerpräsident Beck gehandelt.

Jetzt musste Lewentz nicht nur die Rechnung für den Mainzer OB begleichen, sondern auch noch das Verhalten eines SPD-Parteifreund auf Reisen kommentieren. Und dabei wurde schnell klar, dass die Landes-SPD längst den Stab über den Oberbür- germeister der Landeshauptstadt gebrochen hat. Und Mainz muss mit der nächsten Affäre leben, die Stoff für neue Seitenhiebe gibt. Traurig.

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