Heft 254 November 2011
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Menschenrechte

Gewalt gegen Frauen

Das Problem ist noch nicht aus der Welt


Eva Jochmann (links) und Katja Boy
Eva Jochmann (links) und Katja Boy vom Frauennotruf helfen Opfern sexualisierter Gewalt und deren Vertrauenspersonen.

Immer wieder schlägt und demütigt er sie, droht, sie umzubringen, falls sie sich von ihm trennt. Mirjam S. ist seit vier Jahren mit Jens S. verheiratet und der Gewalt ihres Mannes hilflos ausgesetzt. Die Hausfrau und Mutter will sich weder ihrer Familie noch ihrer besten Freundin anvertrauen, obwohl diese sie auf ihre Verletzungen anspricht. Zu groß ist die Scham. Mirjam S. ist kein Einzelfall. Unzählige Gewaltakte erleben Frauen täglich, deutschland- und weltweit. Um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf diese Menschenrechtsverletzung zu richten, haben die Vereinten Nationen den 25. November zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen deklariert.

Im Zentrum stehen dabei die Themen Zwangsprostitution, sexueller Missbrauch, Sextourismus, Vergewaltigung ebenso wie Genitalverstümmelung, Häus-liche Gewalt und Zwangsheirat. Auch den Mainzer Einrichtungen für Opfer von Gewalt ist das Datum von großer Bedeutung. Eva Jochmann vom Verein Notruf und Beratung für vergewaltigte Frauen und Mädchen: »Dieser Tag ist so wichtig, weil das Problem weltweit in der Öffentlichkeit angesprochen wird. Vor allem aber ist die offizielle Anerkennung durch die Vereinten Nationen bedeutsam.«

Der Notruf, der 1997 als einer der ersten in Deutschland gegründet wurde, kümmert sich speziell um Opfer sexualisierter Gewalt, zu der etwa Vergewaltigung, sexueller Missbrauch und sexuelle Belästigung gehören. »Die Zahl an Beratungen hat in den letzten Jahren zugenommen. Das ist einer- seits gut, weil wir es geschafft haben, die Frauen zu ermutigen, über das zu sprechen, was sie erlebt haben«, sagt die Pädagogin. »Andererseits wünschen wir uns natürlich, dass die Gewalt an Frauen abnimmt.« Im letzten Jahr haben 140 Frauen und Mädchen telefonisch oder per E-Mail Kontakt mit dem Notruf aufgenommen sowie persönliche Beratungen erhalten, außerdem meldete sich dieselbe Anzahl an Vertrauenspersonen von Betroffenen. Zu den am häufigsten registrierten Gewaltformen zählen sexueller Missbrauch in der Kindheit und Vergewalti- gung. Die Täter sind überwiegend Ehemänner oder Partner, aber auch Bekannte und Freunde der Frauen.

Daher träfen sie die Angriffe unmittelbar, sie seien nicht darauf vorbereitet, dass ihnen so etwas in vertrauter Umgebung von Männern zugefügt werde, die sie kennen, erklärt Jochmann. Meist suchten die Frauen die Schuld bei sich selbst und sprächen nicht über die Gewalterlebnisse.

Traurige Zahlen

Zimmer im Frauenhaus
Das Frauenhaus des SKF ist für viele misshandelte Frauen und ihre Kinder einziger Zufluchtsort.

Dieselben Täter und ähnliche Opferreaktionen bestätigt Gabriele­Hufen vom Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF), der ein Frauenhaus, eine Fachberatungsstelle und Interventionsstelle unterhält, für den Bereich Häusliche Gewalt. In Rheinland-Pfalz umbenannt in Gewalt in engen sozialen Beziehungen (GesB) findet sich diese »in allen Gesellschaftsschichten, Bildungsständen und Kulturkreisen«, erzählt die SKF- Vorsitzende.

»Betroffen sind vorwiegend 28- bis 40-jährige Frauen.« Durchschnittlich 100 wohnen pro Jahr in dem 1979 eröffneten Frauenhaus, ein Rückgang ist seither nicht erkennbar. Auch bei der Interventionsstelle sind die Zahlen mit jährlich 360 Meldungen konstant geblieben. Dabei handelt es sich um die Frauen, die bei einem GesB-Einsatz der Polizei eingewilligt haben, dass die Einrichtung sie zwecks Hilfe kontaktieren darf. Andere verweigern aus Angst. Nahezu »explodiert« ist die Zahl der Fälle bei der Fachberatungsstelle mit inzwischen 500 pro Jahr.

»Eine traurige Zahl, aber es zeigt, dass wir die Frauen erreichen«, bemerkt Gabriele Hufen. Der 25. November sei essentiell, weil er immer wieder auf Häusliche Gewalt aufmerksam mache. »Aber trotz rechtlicher Verbesserungen ist das Problem der Gewalt an Frauen nicht aus der Welt geschafft worden.« Hintergrund für die Entstehung des Aktionstags war die Verschleppung, Vergewaltigung und Ermordung der Schwestern Patria, Minerva und Maria Teresia Mirabal am 25. November 1960 in der Dominikanischen Republik von Soldaten des ehemaligen Diktators Trujillo. Zunächst wurde der Aktionstag 1981 nur von karibischen Frauengruppen begangen, die damit an die Gräueltat erinnern wollten.

Die Vereinten Nationen übernahmen 1999 offiziell den Protesttag. Weltweit wird mit Veranstaltungen von Frauenprojekten und Initiativen, aber auch von staatlicher Seite zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen aufgerufen. In Mainz hisst das städtische Frauenbüro seit 2001 auf der Ludwigsstraße, dem Schillerplatz und vor dem Rathaus blaue Fahnen, die eine stilisierte Frauenfigur mit dem Slogan »frei leben - ohne Gewalt« zeigen. Diese Fahnenaktion wurde von der Frauenorganisation Terre des Femmes im Jahr 2000 ins Leben gerufen und findet auch im Ausland immer mehr Beteiligung.

Kerstin Halm

INFOS:
Frauennotruf: 06131 221213,
info@frauennotruf-mainz.de

SKF: Frauenhaus u. Fachberatungsstelle: 06131 279292;

Interventionsstelle: 06131 6176570

Ansprechpartner und Anlaufstellen auch unter:
www.mainz.de, Suchbegriff: »Wege bei Gewalt«

VERANSTALTUNGSTERMINE
25.11. Film: Anonyma - Eine Frau in Berlin. 14.00 Uhr, Residenzkino
30.11. Projekt: Verschwiegene Gewalt - Entlastung durch Verstehen,
Vortrag: Sexualisierte Gewalt in der Lebensgeschichte heute alter Frauen. 16.00 Uhr, Frauenklinik der Universitätsmedizin