Heft 254 November 2011
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Mainzer Köpfe

Kunst und Umwelt im Museum

Zwei Welten treffen aufeinander


Dr. Andrea Stockhammer

Gut ein Jahr ist es her, dass Dr. Andrea Stockhammer die Leitung des Landesmuseums Mainz übernommen hat. »Es war ein sehr arbeitsreiches Jahr«, blickt die gebürtige Wienerin zurück. Das Landesmuseum möchte die Direktorin für weitere Zielgruppen öffnen und von Mainz ist sie sichtlich begeistert.

Von Wien nach Mainz - ist das nicht ein Kulturschock? »Die beiden Städte kann man nicht miteinander vergleichen, schon aufgrund der Größenverhältnisse nicht, es ist klar, dass das Kulturangebot in Wien viel umfangreicher ist.« Andrea Stockhammer sieht es realistisch und wirkt zugleich ehrlich begeistert, wenn sie sagt: »Mainz ist unheimlich grün und der Dom, der ist einfach toll, auch die vielen Fachwerkhäuser - mir gefällt das alles sehr gut.« Außerdem hat das wesentlich kleinere, wohl auch beschaulichere Mainz für die junge Mutter den großen Vorteil der kurzen Wege: »Es ist einfacher Beruf und Familie zu vereinbaren, wenn nicht schon der Weg zum Kinderarzt eine Stunde quer durch die ganze Stadt erfordert.« Die gesellige Mentalität der Mainzer kommt der Kunsthistorikerin ebenfalls entgegen: »Die Weinstuben hier erinnern mich an die Heurigen in Wien, da sitzen auch alle zusammen und man kommt leicht ins Gespräch miteinander.«

Fachübergreifend zusammenarbeiten


Fast sechs Jahre pendelte Andrea Stockhammer zwischen Wien und Mainz, bis vor zweieinhalb Jahren ihr Sohn in Mainz auf die Welt kam. Seither ist Mainz Lebensmittelpunkt und seit 2010 für Andrea Stockhammer auch der Arbeitsort.

In Wien, bzw. in Österreich wirkte die Kunsthistorikerin bei zahlreichen Ausstellungen mit sowie beim Aufbau eines virtuellen Niederösterreichischen Landesmuseums im Rahmen des Instituts für Realienkunde des Mittelalters und der Frühen Neuzeit in Krems. arbeitete u.a. am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am interdisziplinären Projekt »Inschriftenlandschaften« an der oberen Donau.

Interdisziplinäres Arbeiten ist Stockhammer ein Anliegen: »Es kostet mehr Zeit, die unterschiedlichen Kenntnisse und Betrachtungsweisen zusammenzuführen, aber die Ergebnisse sind entsprechend weitreichender«, ist sie überzeugt.

Wissenschaftliches Neuland


Das Interesse für und die Liebe zu Kunst und Kultur wurden im Elternhaus geweckt. Die Eltern nahmen Andrea Stockhammer und ihre beiden Schwestern mit in Ausstellungen und Museen. »Ich habe mich früh für Kunstgeschichte begeistert und als ich das Fach zu studieren begann, war klar, ich will in einem Museum arbeiten«, blickt sie zurück. Wobei diese Zielstrebigkeit durchaus dem Wunsch der Eltern entsprach, die Investitionen in die Ausbildung ihrer Tochter zu einem fundierten Broterwerb zu führen.

Von Haus aus musisch begabt (»meine Großmutter spielte Geige und sang sehr gut, zwei meiner Onkel waren bei den Wiener Sängerknaben«) favorisierte Stockhammer, nach musikalischen Gehversuchen mit Gitarre und Gesang, das Tanzen: auf die Ballettausbildung folgte der Flamenco. Der komme aus Zeitgründen nun schon eine Weile zu kurz, bedauert sie und hat den festen Vorsatz gefasst, wieder eine Flamenco-Lehrerin zu finden. Freizeit bedeutet für Andrea Stockhammer in erster Linie, mit ihrem Sohn zu spielen (»da kann ich wunderbar abschalten«) und an den Wochenenden mit Ehemann Falko Daim, dem Direktor des Römisch- Germanischen Zentralmuseums, und Sohn die Umgebung zu erkunden.

Mit ihrer Promotion (»Landschaftsmalerei als Spiegel gesellschaftlichern Naturverständnisses. Interdisziplinäre Studie zur Bildproduktion der Holländer im 17. Jahrhundert«) betrat Andrea Stockhammer als Kunsthistorikerin Neuland. Sie verknüpfte die Kunst- mit der Umweltgeschichte, die geisteswissenschaftliche mit der naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise. Eine, wie sie sagt, nicht nur spannende interdisziplinäre Verbindung, sondern auch unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten sehr fruchtbare Kombination.

Abbildungen hinterfragen


Die sich, laienhaft, am Beispiel der Niederländischen Landschaftsmalerei im 17 Jahrhundert, wie folgt zusammenfasst lässt: Die Lebensbedingungen in den Niederlanden, in einer von Wasser umgebenen Umwelt waren bereits im 17. Jahrhundert von Wassermanagement, Deichbewirtschaftung etc. beeinflusst. All das hat auch in den Gemälden dieser Zeit seinen Ausdruck gefunden - was erkennt, wer um die tatsächlichen Lebensverhältnisse dieser Zeit weiß. Kunst- und Umwelthistoriker können so das Verhältnis zwischen Mensch und Natur, wie es auf den Gemälden dieser Bildgattung dargestellt ist, gemeinsam entschlüsseln.

Am Konzept der Ausstellung »Wasser im Spiegel der Kunst« im Landesmuseum (die bis zum 4. März verlängert wurde) lässt sich diese Betrachtungsweise veranschaulichen: Die Gemälde von »Wasserlandschaften« werden auch als Quelle, wie Menschen dieses wesentliche Element erleben, wahrgenommen, sie bilden das Verhältnis vom Menschen zum Wasser mit all seinen Gegensätzlichkeiten ab. So lässt sich das Verhältnis der Menschen zu ihrer Umgebung hinterfragen und mit Ereignissen der jüngeren Geschichte (z.B. dem Tsunami in Thailand) verknüpfen.

Stockhammer stellt allerdings klar, dass diese Ausstellung bereits vor ihrem Amtsantritt auf den Weg gebracht worden war. Gleichwohl trug sie dazu bei, die umwelthistorische Betrachtungsweise mit einfließen zu lassen. Im November startet im Landesmuseum die nächste fachübergreifende Ausstellung: »Wege nach Byzanz«, eine Kooperation mit dem Römisch-Germanischen Zentralmuseum und dem Arbeitsbereich Christliche Archäologie und Byzantinische Kunstgeschichte am Institut für Kunstgeschichte der Universität Mainz, die Wissenschaftsgeschichte und Kulturgeschichte miteinander verbindet.

Interdisziplinarität, Kooperation, attraktive Angebote für verschiedene Besuchergruppen, Fortentwicklung der Museumspädagogik - langweilig wird die weitere Arbeit für Andrea Stockhammer nicht. Gleichzeitig weiß sie: »Wir operieren personell am Limit und müssen dennoch auf die gestiegenen Ansprüche der Besucher eine adäquate Antwort finden.«

SoS