Heft 254 November 2011
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Fastnachter

Günter Schenk, Kulturpreisträger der deutschen Fastnacht

Die Lust auf Unterhaltung war selten so gross


Fotos: Bund Deutscher Karneval/Herbert Gabriel
Günter Schenk , Foto: Bund Deutscher Karneval/Herbert Gabriel

Im September wurde der Mainzer Publizist Günter Schenk in Augsburg mit dem Kulturpreis der Deutschen Fastnacht ausgezeichnet. Es ist die höchste kulturelle Auszeichung des Bundes Deutscher Karneval, in dem Millionen Fastnachter organisiert sind. Mit dem nur alle drei Jahre vergebenen Preis werden Persönlichkeiten geehrt, die sich um das Fest besonders verdient gemacht haben. Rechtzeitig zur neuen Kampagne erscheint das neuste Werk des Journalisten: ein »Mainzer Fastnachts-ABC -Fakten, Anekdoten und Legenden«. DER MAINZER sprach mit dem Autor über das Buch und aktuelle Entwicklungen des größten Mainzer Volksfestes.

DER MAINZER: Zunächst herzli- chen Glückwunsch zu Ihrem Preis. Was bedeutet er für Sie?

Schenk: Es ist die bundesweite Anerkennung meiner Arbeit, die der Bund Deutscher Karneval mit dem Kulturpreis der Deutschen Fastnacht gewürdigt hat. Darüber freue ich mich natürlich besonders.

Was ist es, was Karnevalisten und Fastnachter an ihren Thesen anspricht?

Schenk: Ich glaube, es ist die Hoffnung, die ich Ihnen für die Zukunft des Festes mache. Ich gehe von einer Neubelebung des Festes in den nächsten Jahren aus, einem Zurück zu den närrischen Wurzeln: Stadtteilumzüge und Stammtischfastnachten werden verstärkt nachgefragt werden, in Kindergärten und Schulen wird sich neues närrisches Leben regen. Schließlich führt kein anderes Volksfest die Menschen so hautnah zusammen.

Worauf stützen sie diese Hoffnung?

Schenk: Die Lust auf Unterhaltung, nach Kommunikation, war selten so groß. Das spiegeln nicht nur die sozialen Netzwerke im Internet, sondern auch die vielen Wein- und Oktoberfeste in un- serer Region. Die Leute haben das Bedürfnis nach Gesellschaft, wollen zusammensitzen, ein bisschen feiern. Und genau da liegt in einer globalisierten Gesellschaft auch das Potential der Fastnacht. Sitzungen und neuerdings ja auch »Stehungen« bringen die Menschen zusammen, tragen zur Stärkung ihrer Identität bei. Immer mehr Mainzer suchen zu Fastnacht einfach nur Anschluss an andere Menschen. Deshalb ist der Zulauf zu Partys, Sitzungen, Stammtischvereinen, zu Hausbällen und anderen Fastnachtsformaten auch so groß. Auch die Stra- ßenfastnacht in den Vororten wird immer lebendiger, wenn sie nur nach Mombach, Kastel oder Finthen schauen.

Regionalisierung als Antwort auf die Globalisierung?

Schenk: Ja! Und Rückbesinnung auf die eigene Kultur, auf Dialekt und Mundart. Auf lokale Politik, die immer wichtiger wird, wie die Diskussionen um Fluglärm und neue Einkaufszentren in Mainz zeigen. Das Bürgertum ist heute ein anderes als früher, das mischt sich offen ein. Davon wird auch die Fastnacht profitieren. Die unverbindlichen Kalauer-Späßchen werden immer weniger Interesse finden, die austauschbaren Witzchen, die man von Kiel bis Oberammergau erzählen kann. Das ist Oktoberfest-Niveau, keine Meenzer Fassenacht!

Gibt es noch andere Gründe für die Neubelebung der Fastnacht?

Schenk: Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation vor allem. Der Kapitalismus, der nach dem Zusammenbruch des Sozialismus seine schlimmsten Kräfte entfaltet hat, steht sehr, sehr schlecht da. Denn jeder weiß im Grunde: So kann es auf Dauer nicht weitergehen! Politiker stolpern von einer Krise in die nächste, getrieben von den sogenannten Märkten. Anonymen Bösewichten, denen man die Schuld an der jetzigen Situation leicht zuschieben kann. Zurück bleiben ratlose und hilflose Menschen, die nach Orientierung suchen. Doch weil es die nicht gibt, suchen sie vor allem Trost. Menschen, mit denen sie ihre Sorgen und Befürchtungen teilen können. Da kann die Fastnacht helfen! Dem Fest ging es eigentlich immer gut, wenn die Zeiten schlecht waren. Da hat man zwar nicht groß gefeiert, aber mit ganz, ganz viel Herzblut. Heile, Heile Gänsje....

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Ein geschnitzter Moriskentänzer ist der Preis, mit dem der Bund Deutscher Karneval seine Kulturpreisträger auszeichnet. Günter Schenk ist der siebte Träger der höchsten kulturellen Auszeichnung des BDK. Foto: Bund Deutscher Karneval/Herbert Gabriel

Was heißt das für die Sitzungsfastnachter?

Schenk: Auf keinen Fall, die Saalveranstaltungen noch weiter zu professionalisieren, die Menschen nicht ernst zu nehmen. Viele Mainzer suchen zu Fastnacht immer weniger die perfekte Show wie bei anderen Events das Jahr über, sondern vor allem ein Stück Heimat. Mehr das Wir als das Ich, vor allem aber das DU. Denn Fastnacht ist eine Begegnung der Seelen, der größte Mainzer Emotions-Parcours. Der reicht von der Altweiberparty am Schillerplatz bis zur Fastnachtsbeerdigung samt Heringsessen. Die Menschen wollen singen, tanzen, vor allem aber lachen.

Warum ist Lachen so wichtig?

Schenk: ...weil uns das La- chen sonst vergeht. Lachen ist nämlich mehr als lustig sein. Oft ist es die einzige Form zur weiterführenden Kommunikation. Denken sie nur daran, wie man noch sprachlose Kleinkinder kitzeln und damit zum Lachen bringen kann. In den 1950er Jahren, so hat die Lachforschung herausgefunden, lachten die Menschen täglich noch 18 Minuten - heute gerade einmal sechs. Je besser es uns wirtschaftlich geht, so scheint es, desto weniger wird gelacht. Für die närrische Werterneuerung kommen Krisen also nicht ungelegen. Wer weiß, ob uns sonst das Lachen vielleicht ganz vergangen wäre!

Gibt es weitere Hoffnungszeichen?

Schenk: Die Frauen sind auf dem närrischen Vormarsch. Genau betrachtet sind sie ja die eigentlichen Fastnachter. Nicht nur, dass sie häufiger als Männer lachen, auch Schminken, Verkleiden, Tanzen, was ja die Fastnacht ent- scheidend mit ausmacht, liegt ihnen viel, viel mehr als Männern. Das belegen seriöse wissenschaftliche Studien und Meinungsumfragen. Und je mehr Frauen sich in den Vereinen engagieren, umso lebendiger wird das Fest.

Lassen Sie uns zum Schluss über ihr neues Buch sprechen, das diesen Monat in den Buchhandel kommt. »Mainzer Fastnachts-ABC« heißt es, mit dem Untertitel »Fakten-Anekdoten-Legenden«. Was erwartet uns Neues?

Schenk: ...viele interessante Geschichten rund um das älteste Mainzer Volksfest. Vor allem aber geht es darum, mit Mythen und Halbwahrheiten aufzuräumen, mit alten Geschichten, die noch immer erzählt und vor allem im Internet immer häufiger verbreitet werden.

Haben Sie Beispiele?

Schenk: Nehmen sie den Narrhallamarsch, der in Mainz ja als »Ritzamban« bekannt ist. Dessen Namen schreiben viele noch immer einem französischen General zu, den es leider nie gegeben hat. Die Narrenzahl Elf leiten andere immer noch von den Anfangsbuchstaben der Parolen der Französischen Revolution ab, von Egalité, Liberté und Fraternité, obwohl auch das nachweislich falsch ist. Und auch die Mainzer Fastnachtsfarben haben nichts mit der französischen Fahne zu tun, sondern erinnern eher an die Kostüm- farben der Harlekins und Hanswurste. Mehr als hundert Schlüsselbegriffe der Mainzer Fastnacht habe ich so im Buch genauer erläutert und erklärt.

Wie lange haben Sie an dem neuen Werk gearbeitet?

Schenk: Geschrieben habe ich es in diesem Jahr, aber insgesamt stecken mehr als 30 Jahre intensiver Arbeit drin. Quellen sind die neueste Fastnachtsforschung und viele Tausend Mainzer Zeitungsbände, die ich im Stadtarchiv über Jahrzehnte ausgewertet habe. Vor allem auch hat mir die Arbeit gezeigt, dass Fastnacht in der Tat ein gewichtiges Stück Kultur ist. Kultur aber ist wie die Mode von gesellschaftlichen Strömungen abhängig, von Aufs und Abs, von städtischer und internationaler Politik, in erster Linie aber von den Menschen in der Stadt und ihren Vororten. Darüber sollte sich jeder Mainzer im Klaren sein. Er allein auch wird die Zukunft der Fastnacht gestalten, die Vereine können da nur Angebote und Vorschläge machen!

Was wünschen Sie sich für die Mainzer Fastnacht?

Schenk: Dass sich die Men- schen des närrischen Stellenwertes im Leben bewußter werden. Fastnacht endet am Aschermittwoch. Dann ist Schluß mit der Narretei! Wer das ganze Jahr Fastnacht feiert, verliert die Bodenhaftung. Und noch etwas ist wichtig: Freude und Leid haben in dem Fest ihren Platz. Fastnacht ist eben kein Oktoberfest, sondern eine über Jahrhunderte gewachsene Feier, die sich die Menschen selbst gegeben haben und die ihnen nicht aus welchen Gründen auch immer gegeben worden ist. Ein echtes Volksfest also, das die Kultur bestimmen sollte, nicht der Kommerz.

Vielen Dank für das Gespräch!