Heft 254 November 2011
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Kirchturm

Damit der Dom nicht wackelt:

Rettungsaktion für die Westturmspitze


Die Westturmspitze des Mainzer Doms

Der Mainzer Dom beherrscht alles - das Stadtbild genauso wie die Herzen der Mainzer. Viele schauen als erstes nach einer Reise nach seinen Türmen. Einfach um zu sehen, ob er noch steht. Dass das auch die nächsten 1000 Jahre so bleibt, daran arbeiten unermüdlich die Steinmetze der Dombauhütte. Zurzeit haben sie einen wirklich großen Auftrag - die oberste Spitze des Westturmes. 1774 wurde sie komplett ausgetauscht, nachdem das Holzkonstrukt und die umliegenden Dächer durch einen Blitzschlag abgebrannt waren. Ignaz Neumann, der Sohn des bekannten Barock-Architekten Johann Balthasar Neumann, bekam die Anweisung einen neuen, feuerfesten Westturm helm zu gestalten. Der Architekt entschied sich für Stein - eine Entscheidung die anfangs nicht auf viel Gegenliebe stieß.

Heute besteht das Innere des Turmes aus Tuff-, das Äußere aus rotem Sandstein. Für Michael Schmitt , Stein metzmeister am Westturm, eine logische Alternative: »Das macht das Ganze sehr viel leichter.« Doch eine der innovativen Hinterlassenschaften von Neumann macht heute Ärger. Um nämlich noch mehr Stabilität zu garantieren, setzte Neumann die Spitze enbloc auf einen eisernen Ringanker. »Er hat das wirklich raffiniert gemacht, denn die sogenannte Laterne ist durchbrochen und innen hohl«, erklärt Domdekan Prälat Heinz Heckwolf . »Im Teleskopverfahren wurde dann das gesamte Stück auf den Ringanker gestellt.« Was keine einfache Sache gewesen sein dürfte: immerhin wiegt die 7,5 Meter hohe Spitze rund 22 Tonnen. Aber selbst ein so fortschrittliches Verfahren hält nicht für immer. Der Ringanker rostet. Das bedeutet unter anderem, dass er die Steine rundherum aufsprengt. »Es könnte passieren, dass das Ganze ins Wackeln kommt und herunterfällt.

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« Weil man sich der Gefahr bewusst ist, haben die Verantwortlichen im Bistum schnell eingegriffen. »Das ist ein richtiger Gewaltakt«, weiß der Chef des Mainzer Dombauamtes. Sowohl vom Arbeitsaufwand her als auch von der finanziellen Seite. Immerhin kostet die Rettungsaktion rund 120.000 Euro. Die Steine für die neue Spitze sind übrigens schon aus dem Berg heraus gesprengt und werden gerade in Form gebracht. Die Firma Zeller Natursteinwerke, die ihren Sitz in Umpfenbach bei Miltenberg in Unterfranken hat, liefert die großen Brocken, die Mainzer Dombauhütte macht den Feinschliff.

»Die haben in Miltenberg genau die richtigen Steine für unseren Dom«, freut sich Schmitt. »Rot- Weiß, genau wie die Originale.« Wo genau der Sandstein letztendlich behauen und zusammengefügt wird, ist noch nicht klar. »Der Hof der Dombauhütte ist zu eng, wir suchen noch nach einem Platz zum Arbeiten«, sagt Heckwolf. Wenn alle sieben neuen Steine behauen und zusammengefügt sind, wird es spektakulär.

Die alte Spitze muss dann in einem Stück herunter, um für ihren Nachfolger Platz zu schaffen. Beides passiert in einem Schwung. Wo und wie der Wechsel stattfinden soll, ist noch nicht endgültig geklärt. Da der Westturm mit 83 Metern der höchste Turm des Mainzer Domes ist, braucht es einen riesigen Kran.

Tobias Janz (vorne) und Michael Schmitt
Befördern die Steine für die »Rettungsaktion« auf den Westturm: Tobias Janz (vorne) und Michael Schmitt

Tobias Janz , auch Steinmetz am Westturm, schätzt den Kran auf über 96 Meter mit einem Gegengewicht von ca. 100 Tonnen. »Anders ist das nicht machbar.« Allerdings wird es noch eine ganze Weile dauern bis es so weit ist. Die ersten Steine aus Franken sind zwar schon da, aber die Steinmetze der Mainzer Dombauhütte müssen erst einmal eine Kopie der kom pletten Domspitze erstellen. Im nächsten oder übernächsten Jahr soll dann die Turmspitze mit Hilfe des Spezialkrans in einer mehrtägigen Aktion ausgetauscht werden. Die Gesamtsanierung des Westturms wird voraussichtlich rund fünf Jahre dauern.

So lange müssen die Mainzer noch mit einem eingerüsteten Westturm leben. Im Rahmen der letzen Domsanierung, die 1975 endete, wurden die Schäden an den Steinen nicht wie heute durch Steinaustausch behoben, sondern durch Auftragen der Steinersatzmasse Mineros. Weil sich die aber, wie man heute weiß, nicht mit den Steinen verträgt, wird jetzt wieder alles herunter gekratzt.

Seit zehn Jahren wird der Dom schon saniert, insgesamt verschlingt die Gesamtsanierung 25 Millionen Euro. »Wir hoffen, nach 15 Jahren die Außensanierung abgeschlossen zu haben«, sagt Heckwolf. Aber ganz egal, ob eingerüstet, verhüllt oder ohne Spitze, der Dom beherrscht in Mainz alles. Und so lange er nicht wackelt, ist alles in Ordnung.

Daniela Tratschitt