Heft 254 November 2011
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Gesundheit

Kommunikation zwischen Patienten und Arzt

Kann der »Arztnavigator« helfen?


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Die »zeit.fenster« (ein Projekt der »Stadt der Wissenschaft 2011«) vor der Römerpassage demonstrieren: Das Verhältnis zwischen Patienten und Ärzten wurde bereits in der Antike thematisiert.

Neulich im Supermarkt. Eine Frau, so zwischen 40 und 50 fragt »Kennen Sie vielleicht einen guten Hausarzt?« Mit Tomaten in der einen und Knoblauch in der anderen Hand wusste ich nicht so recht, ob sie mich auf den Arm nehmen will. Zum Glück erkannte die Frau meine Verwirrung und erklärte, sie lebe noch nicht lange in Mainz und es sei furchtbar schwer einen Arzt zu finden, mit dem man klar komme. Damit steht sie nicht alleine, dachte ich mir - aber ausgerechnet im Supermarkt nachzufragen, darauf muss man erst einmal kommen! Den Gedanken behielt ich für mich, nannte ihr stattdessen den Namen meiner Hausärztin - »ohne Gewähr« selbstverständlich, denn was ich gut finde an einem Arzt, geht anderen vielleicht ziemlich auf den Wecker. Es dauerte noch eine Weile bis ich auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Supermarkt und Hausarzt kam: Wer im Ökolebensmitteldiscounter einkauft, muss wohl eine bestimmte Vorstellung von einem »guten Arzt« haben? Eine andere, vielleicht schnellere Möglichkeit, Ärzte zu finden, die (zu) einem passen, ist das Internet. »Arztfinder« lautet ein Stichwort, das zu den Webseiten verschiedener Krankenkassen oder der Kassenärztlichen Vereinigung führt. Nach Eingabe der Postleitzahl und des gewünschten Fachgebietes erscheinen Namen und Anschriften der jeweiligen Arztpraxen und, sofern vorhanden, die Weiterleitung zu deren Webseite. Einen großen Schritt weiter geht die »Weiße Liste«: Ein gemeinsames Projekt der Bertelsmann Stiftung und der Dachverbände der größten Patienten- und Verbraucherorganisationen, sowie des AOK-Bundesverbands und der Barmer GEK. Seit Mai dieses Jahres haben Versicherte der beiden Krankenkassen, nach entsprechender Registrierung, die Möglichkeit online 30 Fragen zu beantworten. Sauberkeit der Praxisräume, Freundlichkeit des Praxispersonals, Vertraulichkeit von Patienteninformationen, Kompetenz, Einfühlungs- und Vermittlungsvermögen des Arztes sind u.a. zu bewerten: von »trifft voll und ganz zu« bis »trifft überhaupt nicht zu« reicht die Benotungsskala. Die Eingaben werden anonymisiert weiterverarbeitet. Angekündigt wurde das Projekt bereits 2009, Ärztevertreter sprachen damals von unzulässiger »Schmähkritik« und Diffamierungsversuchen. Nachdem die Initiatoren das Konzept überarbeitet hatten (u.a. ist die Bewertung in Form von Schulnoten geändert worden), bescheinigte die Bundesärztekammer diesem »Arztnaviga- tor«, die von der Ärzteschaft geforderten Qualitätskriterien weitestgehend zu erfüllen.



arztnavigator

Ausprobieren ist angesagt

Nun denn, ich klicke mich auf https://weisse-liste.arzt.aok-arztnavi.de ein (was auch über https://weisse-liste.arzt.barmer-gek.de/ möglich ist) und suche nach Arztbewertungen im Postleitzahlenbereich von Mainz. Ergebnis: Viele Namen und Adressen - aber in der Rubrik »Weiterempfehlung« die Mitteilung: »Noch keine zehn Beurteilungen vorhanden.« Das heißt, die Voraussetzung für die Freischaltung einer Bewertung, dass mindestens zehn Patienten den Online-Fragebogen ausgefüllt haben müssen, ist noch nicht erfüllt - für keinen der Mainzer Ärzte! Warum nicht? Der Arztnavigator sei bundesweit erst im Frühjahr 2011 an den Start gegangen, sagt Jürgen Cronauer , Pressereferent der AOK in Rheinland-Pfalz. Aufgrund der Erfahrungen aus den Pilotregionen Berlin, Hamburg und Thüringen wisse man, dass solche Projekte eine gewisse Vorlaufzeit bräuchten, um allgemein bekannt und entsprechend genutzt zu werden. Cronauer rechnet damit, dass bis Ende des Jahres auch die ersten Arztbewertungen in Kommunen von Rheinland-Pfalz frei geschaltet werden. Da die Neugierde, wie eine solche Bewertung ausschaut, groß ist, gebe ich auf der Startseite »Arztsuche« eine Postleitzahl aus der Pilotregion Thüringen in Verbindung mit dem Fachgebiet »Allgemeinmedizin« ein und siehe da, durch Klicken auf einen der Arztnamen erscheint eine detaillierte Bewertung (siehe oben). Das augenfälligste Merkmal ist die »Weiterempfehlungsbereitschaft«, die, laut Initiatoren, abbildet, wie viele Patienten den Arzt weiterempfehlen würden und so einer Art »Rangliste« entspreche. Die Begründungen für die »Weiterempfehlungsbereitschaft« lassen sich an den Details der Kriterien (»ausklappbar«) ablesen - hier können die eigenen Vorlieben, z.B. geringe Wartezeiten oder gutes Zuhören erkundet werden. Enttäuschend ist der nächste Suchschritt für das Fachgebiet »Augenheilkunde«, wiederum mit Thüringer Postleitzahl - hier gibt es keine einzige Bewertung! Allerdings haben zwei Ärzte der Beurteilung widersprochen, weshalb sie nicht veröffentlicht wurde. Aha, das geht also auch. Überhaupt können die Ärzte diese Plattform selbst nutzen und sich im »persönlichen Arztbereich« zu den Bewertungen ihrer Leistungen äußern. Klar wird, nach diesem Ausprobieren, der Arztnavigator lebt von der Beteiligung der Patienten. Also lasse ich mich registrieren, gehe im Geiste meine Ärzte durch und beantworte die Fragen. Diese sind verständlich und weitestgehend realtitätsnah, die Beantwortung geht flott. Sicher, die Zustimmungskriterien von »überhaupt nicht zutreffend« bis »voll und ganz zutreffend«, sind zuerst ungewöhnlich, die Abwägung und Differenzierung fällt manchmal schwer und dass sie nie hundertprozentig zutreffen kann, ist auch klar. Ob dieser Arztnavigator tatsächlich die Suche nach Ärzten erleichtert, die (zu) einem passen, wird die Zukunft zeigen müssen. Er könnte ein Instrument werden, das die Kommunikation zwischen Patienten und Ärzten verbessert - wenn viele Patienten bereit sind, ihre Erfahrungen auf diesem Wege mitzuteilen.

SoS