Heft 253 Oktober 2011
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Wochenmarkt

Wochenmarktbesucher entscheiden sich fürs »Blühende« - Aber:

Die »Klassiker« sind Obst und Gemüse


Horst Stahl
Landwirt Horst Stahl verkauft mit Begeisterung, was er anbaut.
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Wahre »Hingucker«: Werner Scholles und Moritz. Der Hahn (dessen Schwanzfedern ein Wiesel raubte) zählt zu den beliebtesten Wochenmarkt-Fotomotiven von Schulklassen und Touristen. Scholles verkauft nicht nur Eier und Nudeln, er leistet auch Aufklärungsunterricht und erklärt gerne, warum Moritz keine Eier legt.
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Die Idee, dem Mainzer Wochenmarkt von Seiten der Mainzer Wirtschaftsförderung öffentlichkeitswirksam unter die Arme zu greifen, ist mindestens lobenswert. Was dabei heraus kam, ist mindestens ungewöhnlich. Der Reihe nach.

In einer »Umfrage« zwischen dem 19. Juli und 10. August, ausgelobt von der Marktverwaltung und der Wirtschaftsförderung, sollten die Käufer und Besucher des Wochenmarkts ihre Favoriten ermitteln. Sie bekamen an den Marktständen Postkarten in die Hand gedrückt, auf denen Kreuzchen in vier Kategorien gemacht werden konnten:

  1. Klassisches (Obst, Gemüse, Blumen, Backwaren)
  2. Kulinarisches (Gewürze, Nüsse, Oliven, Honig)
  3. Tierisches (Fleisch, Wurst, Käse, Fisch)
  4. Weiteres (Kaffee, Kuchen, Wein).

Eingefleischte Marktbesucher hatten mit diesen Kategorien ihre Probleme. Wer seinen Lieblingsobststand, seinen bevorzugten Gemüselieferanten, den besten Brötchenbäcker und den hübschesten Blumenstand auszeichnen wollte, musste sich für einen einzigen seiner Favoriten entscheiden. Denn ausgerechnet diese »klassischen« Wochenmarktangebote waren in einer Kategorie zusammengefasst. Schade. Dass unter den Gewinnern keiner der »traditionellen« Obst- und Gemüsestände zu finden ist, überraschte dann zusätzlich. Die ersten beiden Plätze in der »klassischen« Kategorie belegten Blumenstände. Was durchaus nachvollziehbar ist, denn vom Frühjahr bis zum Herbst sticht insbesondere deren üppig-bunte Farbenpracht ins Auge. Den Gästen, die auf ihrer Stadtbesichtigung oft geradewegs in das Marktgeschehen hineinlaufen, sieht man häufig ihre Verzückung an, stehen sie vor der Blütenfülle. Dieser Wochenmarkt ist tatsächlich schön und vielseitig dazu.

Nur: Der Mainzer Wochenmarkt sieht nicht nur schön aus der Blumen wegen und riecht gut, weil es frisch gebrühten Kaffee gibt. Stellen wir uns die Markttage vor, ohne Salaltköpfe, Tomaten und Karotten. Ohne Kohl von spitz bis rot. Ohne hellbraune Kartöffelchen und dunkelvioletten Kartoffeln. Ohne den Geruch von Basilikum und Thymian, frisch geerntet von den Äckern der Umgebung. Ohne frisches Beeren, Kern- und Steinobst, von Bäumen und Sträuchern gepflückt, die nur wenige Kilometer von ihrem Verkaufsort unsere Kulturlandschaft prägen.

Der Wochenmarkt auf dem Markt- und Liebfrauenplatz hat, wie die Stadtteilmärkte auch, eine wichtige Funktion. Die heißt: Nahversorgung. Im doppelten Wortsinne. Die Obst- und Gemüsehändler kommen - überwiegend - aus der näheren Umgebung und bringen, nicht nur, aber auch, ihre selbst angebauten Waren mit. Und viele Einkäufer müssen nicht weit laufen, radeln, mit Bus oder Auto fahren, um sich mit diesen Waren einzudecken.

Genau das funktioniert auch dann noch, wenn die Temperaturen gen Null fallen, wenn der kalte Wind über den Platz peitscht. Dann sind meist nur die »hartgesottenen« unter den Marktbeschickern jeweils dienstags, freitags und samstags anzutreffen. Sie gewährleisten die »Nahversorgung« das ganze Jahr. Das sieht dann nicht mehr so schön bunt aus. Aber es erfüllt einen ganz praktischen Zweck. Es entspricht außerdem der ursprünglichen Tradition eines »Marktes«.

Zugegeben, für die Organisatoren der Aktion war die Kategorisierung der vielen Angebote keine einfache Sache. Den unterschiedlichsten Käuferinteressen gerecht zu werden, ist sowieso schwierig.

Aber vielleicht gelingt es, zusammen mit dem Verein der Marktbeschicker, bei einer Neuauflage der Aktion im kommenden Jahr die »Kategorien« zu überdenken. Und wenn die nächste Befragungsrunde rechtzeitig angekündigt, die Marktbeschicker entsprechend vorbereitet sind, wird die öffentliche Wahrnehmung der zeitintensiven und aufwändigen Aktion mit Sicherheit noch wirkungsvoller sein!

SoS