Heft 253 Oktober 2011
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Strasse

Der Binger Schlag

Abschlag nach Bingen


Der Binger Schlag

Der Binger Schlag ist eine der ganz wenigen Straßen in Mainz, die wirklich niemand als Adresse angibt. Und sie ist - zumindest was ihren Namen angeht - eine der jüngsten Straßen der Stadt. Der Binger Schlag besteht aus drei Abzweigen von der Binger Straße, jeder vielleicht 100 Meter lang. Der erste läuft als kurzer Fußweg oberhalb der Bahngleise zum Bahnhof. Die anderen beiden bilden gemeinsam den Bahnhofsparkplatz unterhalb der Mombacher Straße. Häuser stehen an keiner der drei Stichsträßchen, tatsächlich gibt es dort - abgesehen vom Bahnhof - überhaupt keine Gebäude. Offenbar haben alle drei einfach deshalb einen Namen, weil Straßen eben einen Namen haben müssen.

Aber das war nicht immer so. Früher gab es hier Weinberge, Schrebergärten und sogar ein Haus! Eine Gaststätte mit dem naheliegenden Namen »Zum Binger Schlag« stand oberhalb des Bahnhofes. Allerdings wurde sie zur Jahrtausendwende abgerissen. Damals wurde der komplette Bereich um den Hauptbahnhof neu gestaltet und damit auch dieser Verkehrsknotenpunkt. Woher aber kommt die Bezeichnung »Binger Schlag«? Sie erinnert ein bisschen an historische Ereignisse wie den »Prager Fenstersturz« oder den »Kniefall von Chiavenna«.

Der Binger Schlag War der »Binger Schlag« möglicherweise auch solch ein historisches Ereignis, ein schicksalsträchtiger Handschlag vielleicht, ein entscheidender Ritterschlag oder gar eine Schlägerei mit weitreichenden Folgen? Nein, nichts von alledem. Tatsächlich handelt es sich bei dem Schlag um eine Art Schlagbaum, eine Schranke, die je nach Bedarf herunter gelassen werden konnte. Der Binger Schlag war sozusagen der Anfang der Straße Richtung Bingen. Lange Zeit war dies deshalb die inoffizielle Bezeichnung für die Straßenkreuzung, an der der Schlagbaum stand.

Er war Teil der so genannten Mainzer Landwehr - einer Gemarkungsgrenze, die im Abstand von rund zwei Kilometern rund um Mainz verlief. Die Landwehr bestand aus einem Graben, hinter dem eine kleine Böschung aufgeschüttet war. Sie taugte nicht wirklich als Verteidigungswall. Vielmehr ging es darum, durch diese Begrenzung die Händler und andere Besucher, die vom Land in die Stadt wollten, zu bündeln und nur über bestimmte vorgeschriebene Wege und Tore in die Stadt zu lassen. Und so mussten eben alle, die aus Richtung Bingen nach Mainz strömten, den Binger Schlag passieren. Als 2003 der Bahnhofsumbau abgeschlossen war, erinnerte man sich an diese historische Bedeutung der Stelle und zum ersten Mal bekam der »Binger Schlag« ganz offiziell seinen Namen.

Ilona Hartmann