Heft 253 Oktober 2011
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Mogunzius

Mogunzius, Stadtschreiber DES MAINZERs


Schon alles gesagt - aber nicht von allen. Was ist eigentlich »mainzverträglich«? Das neue Zauberwort in der politischen Diskussion werden wir in Zukunft noch öfters hören. Mainz erwartet eine stadtplanerische Debatte, wie sie seit der epochalen Umgestaltung der südlichen Altstadt mit der Malakoffpassage und der Gegend um den Südbahnhof nicht mehr geführt wurde. Zugleich wird diese Weichenstellung der Lackmustest für die Politik. Hat sie genügend Entscheidungskraft, kann sie Projekte bei Bürgern (wie Wählern) durchsetzen? Entdeckt das Rathaus mit seinem Stadtvorstand wieder seine eigentlich angestammte Funktion und übernimmt die Führung bei Meinungsfindung und Moderation der Themen?

Es sind im wörtlichen Sinn gleich mehrere Baustellen, für die es Konzepte zu finden gilt. Nach zähem Genehmigungsprozess hat das Möbelhaus Martin im September endlich mit seinem ersehnten Spatenstich den Start seines Großprojekts initiieren können. Dass den Investoren aus dem Saarland nicht zwischendurch bei allen politischen Scharmützeln die Lust an Mainz vergangen ist, kann man der umtriebigen Firmenchefin Silvia Martin gar nicht hoch genug anrechnen. Zeitweise konnte man während der langwierigen Debatte um das 50 Millionen-Projekt den Eindruck gewinnen, Mainz hätte die Lust am Zerreden entdeckt. Ganz nach dem Motto: Es ist schon alles gesagt - aber nicht von allen.

Feder Immerhin wird mit dem Möbelhaus endlich der Hechtsheimer Wirtschaftspark vorangebracht - vielleicht nimmt das Gelände nun eine ähnlich rasante Entwicklung wie der Kisselberg, auf dem eine Unternehmensansiedlung gewissermaßen der Katalysator für andere Firmen war. Wer mit offenen Augen in Mainz unterwegs ist, sieht gleich mehrere Schwachpunkte, die dringend überplant werden müssen. Das Entree am Binger Schlag mit einem früheren Autohaus könnte mit einem Ärztezentrum und dem Rotkreuz-Kreisverband eine Funktion übernehmen, die der zentralen Lage entspräche. Der französische Sportartikelhersteller Decathlon möchte das Postareal oberhalb des Hauptbahnhofs nutzen, so dass auch hier eine leerstehende und wenig ansprechende Immobilie anderweitig genutzt werden könnte. Nur: Diejenigen, die in der Stadt das Sagen haben, müssen über derartige Projekte auch entscheiden und dürfen sie nicht in zähen öffentlichen Diskussionen verwässern.

Schwieriger wird eine Lösung in der Großen Langgasse, die zusehends als Geschäftsstraße heruntergestuft wurde. Viele Schaufenster bieten gähnende Leere und die Einzelhändler, die noch durchhalten, beklagen deutlich die Tatenlosigkeit der Stadt. Zumal die Geschäftsleute an dieser Stelle mit großer Konkurrenz rechnen müssen, wenn das ECE-Einkaufszentrum in der Ludwigsstraße an den Start im Kampf um Kunden geht.

Was die Umgestaltung der »Lu«, die optisch größtenteils ein städtebauliches Provisorium ist, angeht, droht Mainz schon jetzt in Anlehnung an Stuttgart ein kleines »MZ 21«. Denn: Jede Meinung löst wiederum alternative Ansichten aus. Der eine befürchtet eine Gigantomanie, die eben genau nicht »mainzverträglich« sei - andere wollen mindestens 80 Läden, um in der Mainzer Innenstadt ein völlig neues und breitgefächertes Shoppingerlebnis haben zu können.

Und mittendrin in diesem Spannungsfeld steht ein Investor, der - dies zeichnet sich schon jetzt ab - nicht die Geduld des Saarbrücker Möbelhauses haben wird. Mit ECE könnte Mainz einen wirklich dicken Fisch angeln. Doch in Mainz diskutiert man noch mit einer gewissen Naivität, welche Angel man eigentlich nutzen will.

SoS