Heft 253 Oktober 2011
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Handwerk

Bunt gewickelte Allerheiligen-Tradition

Stirbt der Mainzer Newweling bald aus?


Newwelinge
Newwelinge sind eine Mainzer Tradition. Sie werden nur noch in der »Lorenz Werner Wachs­- warenfabrik« hergestellt.

Maria Theresia Tusar nimmt vier Wachsschnüre zur Hand, einen roten, einen weißen, einen blauen und einen gelben. »Die Fastnachtsfarben sind die beliebtesten«, sagt sie und lächelt. Mit geübten Griffen rollt sie die dünnen, farbig umhüllten Dochte nebeneinander über einen Holzkegel. »Die Hände dürfen nicht zu kalt und nicht zu warm sein, sonst hält es nicht«, erklärt sie. Nach kaum zwei Minuten sind die Schnüre am unteren Teil des Holzes angekommen. Tusar greift mit der ganzen Hand um die gestreifte Wachsschicht, zieht sie ab und stellt den bunten, hohlen Wachskegel vor sich auf den Werkstatttisch. Fertig ist ein Newweling.

Wenn es Oktober wird, kommt die Rentnerin regelmäßig in die »Lorenz Werner Wachswarenfabrik«, deren Inhaber ihr Bruder Franz Hubertus Tusar ist. Es ist die letzte Wachswarenfabrik in Mainz und die einzige im Umkreis von fast 50 Kilometern. In den Wochen vor Allerheiligen wickelt Marie Theresia Tusar jedes Jahr mehr als 1000 Newwelinge aus 3000 Metern Wachsschnur, die ihr Bruder auf der Kerzenzugmaschine gezogen hat. Sie sind auch die letzten, die diese Mainzer Traditionskerze noch herstellen.

Dochte spenden Licht am Grab

Franz Hubertus Tusar
Auf der Kerzenzugmaschine stellt Franz Hubertus Tusar jedes Jahr im Oktober rund 1000 Meter farbig umhüllte Dochte für Newwelinge her.

Der Newweling wird an Allerheiligen in Mainz - und nur hier - an die Gräber mitgenommen. Dort dreht man die Schnüre auf und wickelt sie einzeln um einen Stock oder einen kleinen Ast und zündet die Dochte an. Man behält den Stock in der Hand oder steckt ihn in die Erde, so dass man am Grab bei nebligem Novemberwetter den Newweling als Lichtquelle hat.

Wenn es windig ist, sucht man sich noch ein großes, nicht zu trockenes Blatt als Windschutz. »Man­­che stellen auch den ganzen Newweling auf das Grab und zünden den obersten Docht an«, sagt Franz Hubertus Tusar. »Dann gibt es eine große Stichflamme und der Newweling brennt in kurzer Zeit ab.«

Zum ersten Mal urkundlich erwähnt ist der Newweling im Jahr 1347. Eine Dame namens Richhilde von Sobernheim verfügte in ihrem Testament, »dass von ihrem Nachlass zwanzig Pfund Wachs gekauft und zu ihrem Gedenken in Wachskerzen und Nebelingen verbraucht werden sollen.« Franz Hubertus und Maria Theresia Tusar begannen schon als Kinder, die Schnurkerzen zu drehen, als die Wachswarenfabrik noch ihrem Vater gehörte. »Da haben wir einfach mitgemacht, weil es uns Spaß machte«, sagt der Bruder. Warum die Newwelinge so farbenfroh sind, weiß er nicht. »Früher waren sie meist auch einfarbig«, erinnert er sich.

Eine zweite Familie ist traditionell ebenfalls mit dem Newweling verbunden. Die Krohns, die heute überwiegend in Rheinhessen wohnen, verkaufen die bunten Kerzen zu Allerheiligen in der vierten Generation. »Mit sieben Jahren habe ich zum ersten Mal mit meinem Vater am Hauptfriedhof gestanden«, erinnert sich Wolfgang Krohn aus Bubenheim.

Der heute 63-Jährige hat den Stand vor zwei Jahren an seine Söhne Dirk und Dennis übergeben. Sein Bruder Peter verkauft Newwelinge am Mombacher Waldfriedhof, seine Nichte Heike Gaschler am Gonsenheimer Friedhof. An nur zwei Tagen im Jahr verkauften sie an die 1000 Newwelinge am Hauptfriedhof, an den anderen beiden Stationen jeweils rund 150.

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Maria Theresia Tusar wickelt Newwelinge seit ihrer Kindheit.

Viele Kunden kämen schon seit Jahrzehnten und gäben die Tradition an die Nachkommen weiter, sagt Krohn. »Manche habe ich zum ersten Mal als Kind mit ihrer Oma Newwelinge kaufen sehen, und heute kommen sie mit ihren eigenen Kindern.« Es kämen auch ehemalige Mainzer, die heute in Bad Kreuznach oder Frankfurt wohnten.

Manche kauften die Kerzen auch, um sie an befreundete und verwandte Exil-Mainzer in den USA, Australien oder Japan zu schicken. Ein Stammkunde kaufe jedes Jahr einen 50 Zentimeter hohen Newweling für seine Sammlung zu Hause. Die übergroßen Schnurkerzen waren ursprünglich nicht zum Verkauf gedacht, sondern als Werbung, die man von weitem sehen kann. Aber weil es jedes Jahr mehrere Interessenten für sie gibt, wickeln die Tusars immer auch ein paar große Newwelinge mehr.

Ein Mainzer Original war die Kerzenverkäuferin Georgine Heil. Seit der Nachkriegszeit bis zu ihrem Tod Ende der 1970er Jahre hatte sie einen Stand am Dom, an dem sie Kerzen verkaufte. In der Zeit vor Allerheiligen kam sie auch an den Hauptfriedhof, um dort Newwelinge anzubieten. »Sie hat bei uns nur die Schnüre gekauft und die Newwelinge selbst gedreht«, erinnert sich Franz Hubertus Tusar.

Wie lange es den Newweling noch gibt, ist unklar. »Offiziell habe ich noch fünf Jahre bis zur Rente«, sagt Tusar. Ob er dann auch wirklich aufhört, lässt er offen. Bisher sei jedenfalls kein Nachfolger für die Wachswarenfabrik in Sicht. »Und selbst wenn ein Nachfolger kommt, ist nicht gesagt, dass er auch die Newweling-Produktion fortführt«, gibt Tusar zu bedenken. Die Krohns jedenfalls wollen weitermachen, so lange es die Schnurkerzen noch gibt. »Wir halten den Tusars auf jeden Fall die Treue«, sagt Wolfgang Krohn.

Alice Gundlach

Infos:
Die Familie Krohn verkauft den Newweling am 31. Okt. (9-17.30 Uhr)
und am 1. Nov. (8-17.30 Uhr) vor dem Hauptfriedhof, dem Waldfriedhof und dem Gonsenheimer Friedhof.