Heft 253 Oktober 2011
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Fluglärm Mainz und Rheinhessen

Fluglärm in Mainz und Rheinhessen:

Leider keine Eintagsfliege


Isolde Korch-Miosga
Isolde Korch-Miosga

Vor gut einem halben Jahr fiel es Isolde Korch-Miosga zum ersten Mal auf. Sie saß in ihrem Garten in Laubenheim und wollte die ersten Frühlingsstrahlen der Märzsonne genießen. Aber daraus wurde nichts. Fast jede Minute brauste ein Flugzeug über ihren Kopf hinweg. »Ich merkte eigentlich sofort, dass sich etwas verändert hatte. Es waren nicht nur viel mehr als sonst, sie flogen auch deutlich tiefer, ich schätze, die waren nur ca. 500-600 Meter hoch,« erinnert sich die Rezeptionistin der Stadtbibliothek. Da bekommt das Wort »Vogelgezwitscher« plötzlich eine ganz andere Bedeutung. Vor allem als Korch-Miosga anfing, sich mit dem Thema näher zu beschäftigen und schnell klar wurde, dass es sich hier leider um keine »Eintagsfliege« handelte. Infolge der Inbetriebnahme der Nordwest-Landebahn war die Änderung der Flugrouten erforderlich (siehe nebenstehenden Artikel). Bereits seit März dieses Jahres hatten sich die sogenannten Gegenflugstrecken bei Ostwind geändert. Landende Flugzeuge, die von Osten aus ankommen, fliegen über Rheinhessen in einem Bogen den Flughafen an. Betroffene dieses Fluglärms sind in Mainz insbesondere die Bewohner der Stadtteile Laubenheim, Weisenau, Lerchenberg und Hechtsheim. Durch die stetig wachsenden Flugbewegungen, im letzten Jahr gab es allein in Frankfurt über 464.000, kommt es immer häufiger vor, dass »die Flieger erst noch über uns eine Warteschleife drehen, bevor sie landen«, beobachtet die 53-Jährige. Spätestens seit der Genehmigung der Südumfliegung Anfang August ist es traurige Gewissheit, dass ab 21. Oktober, wenn die neue Landebahn in Betrieb genommen wird, eine ununterbrochene Verlärmung von Mainz stattfinden wird. Selbst bei Westwind gibt es dann keine Verschnaufpausen mehr fürs Trommelfell, dann werden auch die startenden Flugzeuge zu hören sein. Die offizielle Rechtfertigung der Südumfliegung aus Sicherheitsgründen, ist laut Korch-Miosga vorgeschoben: »In Wahrheit soll hier nur die Taunus-Region verschont werden.« »Nachtruhe« ist für sie zum Fremdwort geworden. Durch die vielen nächtlichen Frachtflüge schreckt sie oft aus dem Bett hoch

Durchschlafen geht nicht

Für die Mutter einer Tochter sind das genug Gründe, nicht mehr wegzuschauen und selbst aktiv zu werden. »Ich schrieb zuerst Leserbriefe, ich habe sogar Frau Merkel persönlich einen Brief geschickt, der auch beantwortet wurde«, berichtet sie stolz. Allerdings stehe die Bundeskanzlerin hinter dem Ausbau und für die Flugrouten sei sie gar nicht zuständig- so fällt das eher nüchterne Ergebnis des Schreibens aus Berlin aus. Aus der Zeitung erfuhr Korch-Miosga auch von der »Bürgerinitiative Mainz Laubenheim«, welche von Irmgard Beck gegründet wurde und mittlerweile ein eingetragener Verein ist. »Ich nahm natürlich gleich Kontakt auf. Beim ersten Treffen war ich beeindruckt vom Engagement und der Einsatzbereitschaft der Leute. Es herrscht ein unheimlich starkes »Wir-Gefühl« dort. Ich war aber entsetzt, dass nur um die zwölf Personen da waren«, gesteht sie. »Ich fliege doch selbst in Urlaub, da kann ich mich doch nicht dagegen stellen«- ist eines der Hauptargumente für das passive Verhalten vieler Betroffener, das Korch-Miosga zu hören bekommt. Hinzu kommt, dass die meisten resigniert haben. Bei der Demonstration am 18. Mai konnten in ihren Augen viel zu wenige Teilnehmer mobilisiert werden. Auch auf finanzielle Unterstützung sind die Ehrenamtlichen angewiesen. »Wir investieren zwar viel Zeit und Geld in Werbeaktionen wie Plakate, Flyer und Informationsstände, aber von den Massen wie bei Stuttgart 21 sind wir noch weit entfernt«, stellt Korch-Miosga fest. In Baden-Württemberg waren allerdings Eventagenturen eingeschaltet, die die Protestaktionen professionell in die Wege leiteten. Eine solche Vorgehensweise ist eventuell auch in Laubenheim geplant. Schon jetzt gehen die Arbeitskreise der verschiedenen Bürgerinitiativen gezielter vor, treten immer mehr in die Öffentlichkeit, sind in den Medien präsenter und suchen den Kontakt zu den Politikern. Der rheinland-pfälzische Innenminister Lewentz habe, so Korch-Miosga angekündigt, gegen die Genehmigung der Flugrouten rechtlich vorzugehen. Die studierte Juristin sieht das realistisch: »Es gab noch nie den Fall, dass genehmigte Flugrouten wieder rückgängig gemacht werden konnten.« Mehr Erfolg könne eher eine private Klage der Anwohner haben, da die sich auf ihr Eigentumsrecht und ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit berufen können. Das Ziel der Bürgerinitiative ist es nicht, den Ausbau des Flughafens zu verhindern, sondern geräuschärmere Verfahren anzustreben. Nach Angaben der Deutschen Flugsicherung ist es aber nicht möglich, die Flugroute der Flieger nach oben zu verschieben, da in drei Stufen übereinander geflogen wird. Ein Ansatzpunkt könnte aber der Sinkflug darstellen, wie er in London Heathrow praktiziert wird. Sollten die schlimmsten Befürchtungen ab dem 21. Oktober wahr werden, weiß Korch-Miosga, dass sie die Lärmbelästigungen unmöglich länger aushalten kann: »Wie die meisten aus der Bürgerinitiative habe auch ich einen Makler beauftragt, aber ich will eigentlich nicht wegziehen, ich weiß auch gar nicht wohin«, seufzt sie. Bleibt nur zu hoffen, dass es nicht soweit kommt. Und solange kämpft Korch-Miosga weiter, für sich und alle anderen Betroffenen.

Stefanie Gundel