Heft 253 Oktober 2011
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Bestattung

Muslimisches Trauergebäude

Ein Zeichen für Integration, die aus der Seele kommt


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Yilmaz Atalay, Sprecher der muslimischen Gemeinden in Mainz, betont die gute Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsbetrieb beim Bau der Gasilhane.

Nach islamischem Glauben ist der Mensch aus Erde erschaffen und wird nach seinem irdischen Leben auch wieder zu Erde. Hieraus resultiert der Wunsch einer schnellen Beisetzung des Leichnams, der eine rituelle Waschung vorausgeht. Jahrzehntelang wurde diese Zeremonie an verstorbenen Muslimen in Mainz jedoch mangels entsprechender Räumlichkeiten in der Universitätsklinik durchgeführt. Seit der Eröffnung der Gasilhane auf dem Waldfriedhof in Mombach am 9. Mai können Musliminnen und Muslime dort nicht nur beigesetzt, sondern auch gewaschen werden.

Das arabische Wort Gasilhane bedeutet »Stätte der rituellen Waschung«, und die befindet sich in dem neuen Trauergebäude neben den muslimischen Grabfeldern. »Es ist eine große Freude, dass wir jetzt dieses Gebäude für die rituelle Waschung in Mainz haben«, sagt der türkischstämmige Yilmaz Atalay, »sie ist ein Zeichen der Anerkennung der Deutschen gegenüber den Muslimen in Mainz und ein Zeichen von Integration, die aus der Seele kommt.« Vor fünf Jahren beriefen die Vertreter von 27 muslimischen Vereinen in Mainz Atalay zum Sprecher ihres Anliegens, der Errichtung einer Gasilhane.

Nach der Antragstellung bei der Stadt folgten die Verhandlungen mit dem Vorstand des Wirtschaftsbetriebes, »der sehr offen und kooperativ gewesen ist.« Ein türkischer Ingenieur erstellte eine Skizze für das Gebäude, das von einem Architekten der Verwaltung »detailorientiert überarbeitet wurde und das schöne Haus entstehen ließ«, bemerkt der 78-Jährige. Dieses stehe aber nicht allein den Mainzer Muslimen das ganze Jahr rund um die Uhr zur Verfügung, sondern auch allen anderen aus ganz Deutschland. Aus diesem Grund erhält auf Anfrage jeder Bestatter bundesweit eine Zugangskarte.

Vorbereitung, dem Schöpfer zu begegnen

der Gebetsraum und die barrierefreien Sanitäranlagen
Neben dem Raum für die rituelle Waschung befinden sich in dem Rundbau ein Gebetsraum und barrierefreie Sanitäranlagen.

Die rituelle Waschung ihrer Toten ist für Muslime so wichtig, da die körperliche Sauberkeit der Verstorbenen auf die symbolische Vorbereitung hinweist, dem Schöpfer zu begegnen. Von Rezitationen aus dem Koran begleitet wird der Leichnam, der nur von Verwandten, Personen oder Imamen des gleichen Geschlechts gereinigt werden darf, dreimal mit fließendem Wasser übergossen. Beim ersten Vorgang wird Lotus, im zweiten Campher zugesetzt, der dritte erfolgt mit reinem, fließendem Wasser. Ungefähr eine Stunde dauert diese Prozedur. Danach wird der Tote in ein großes weißes Tuch ohne Saum gehüllt und in einen einfachen Sarg gelegt. Bei der anschließenden Aufbahrung werden erneut Totengebete gesprochen.

Laut Koran ist den Muslimen nur eine Erdbestattung erlaubt, die ist seit 1978 auf dem Waldfriedhof möglich. Dafür ist Atalay dankbar, der ehrenamtlich den multikulturellen Verein Gesundheitsprävention in Mainz und Umgebung (GPM) unterstützt und mit dem er auch die Pflege der Grabfelder organisiert. »Ein Transport in das Heimatland des Verstorbenen ist nicht immer schnell realisierbar, denn man muss eine Fluggesellschaft finden, die zeitnah fliegt und den Sarg transportiert«, erklärt er. »Hier können wir innerhalb von 48 Stunden beisetzen, und der Verstorbene muss in Mainz noch nicht mal seinen Wohnsitz gehabt haben. Das ist wirklich sehr kulant von der Stadt.«



Plakat Tag des Friedhofs Der Tag des Friedhofs
Trifft den Nerv der Mainzer

Anno 2004 wurde in Mainz erstmals an Allerheiligen ein »Tag des Friedhofs« organisiert. Seither ist dieser Informationstag zu den Themen Trauern, Bestatten und Begleiten selbstverständlicher Teil im alljährlichen Veranstaltungskalender. Jahr für Jahr strömen am 1. November mehr Menschen auf den Mainzer Hauptfriedhof zum ökumenischen Gottesdienst (um 13 Uhr in der Trauerhalle), zu den Führungen (zum Beispiel: »Historische Grabmale, Denkmale, Gruften«), zu Vorträgen im Historischen Krematorium (zum Beispiel: »Sehnsucht nach Unsterblichkeit - Fluch und Segen einer uralten Idee«) oder zur »Engelswerkstatt«, in der große und kleine Besucher Kerzen verzieren, dabei Geschichten hören und erzählen.

Unter Federführung des Mainzer Wirtschaftsbetriebs, der auch für das Friedhofswesen in Mainz zuständig ist, informieren zahlreiche Verbände und Institutionen, wie die Mainzer Hospizgesellschaft , das Evangelische und Katholische Dekanat, der Verein TrauerWege e.V., Mainzer Bestattungsunternehmen, die Fachgemeinschaft Friedhof, der Wirtschaftsbetrieb und das Mainzer Denkmal- und Sanierungsamt.
Das gesamte Programm finden Sie unter: www.wirtschaftsbetrieb.mainz.de, »Tag des Friedhofs«.

SoS



Bundesweit einzigartig

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Vor der Waschung der Toten müssen Familienangehörige und Gäste ihre eigenen Füße, Hände und das Gesicht säubern.

Der ehemalige Sozialarbeiter weiß die unkomplizierte Zusammenarbeit mit der Behörde zu schätzen. In den 1970er Jahren arbeitete er für die Arbeiterwohlfahrt und kümmerte sich um Migranten. In dieser Funktion baten ihn Muslime um Hilfe, einen Ort für die rituelle Waschung und Beerdigung eines Türken zu finden, der in Mainz gestorben war, jedoch keine Verwandten hatte. »Wir erhielten dann recht bald die Genehmigung, ihn im Klinikum zu waschen und auf dem Waldfriedhof zu beerdigen. Das war die erste Waschung eines Muslimen in unserer Stadt«, erinnert sich der aktive Senior.

»Dieser Fall hat mich sehr berührt und zugleich wuchs der Gedanke, dass natürlich mehr Muslime in Mainz sterben würden.« Seitdem ist die heute rund 800 Quadratmeter große Anlage mehrmals erweitert sowie um ein Kindergrabfeld ergänzt worden. Die 250 Gräber sind traditionell eher schlicht gehalten, denn die Hinterbliebenen sind nach dem Koran aufgefordert, den Pflegeaufwand auf ein Minimum zu reduzieren und das so eingesparte Geld armen und hilfsbedürftigen Mitmenschen zu spenden. Mit den Grabfeldern und der Gasilhane hat sich im Laufe der Jahre laut Yilmaz Atalay sehr viel für die muslimische Trauerkultur in Mainz getan.«

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Hier wird der Leichnam dreimal mit frischem Wasser, das weder zu kalt noch zu heiß sein darf, gewaschen.

Ein Ansinnen hat er allerdings noch vor Augen, und für dieses wird er wieder im Namen der muslimische Vereine sprechen: »Unser nächstes Ziel ist die Anfrage für eine Erdbestattung ohne Sarg, so wie es unsere Religion vorsieht. Das wäre schön. Die Landeshauptstadt Mainz, der Wirtschaftsbetrieb Mainz als Eigentümer der städtischen Friedhöfe und die muslimischen Gemeinden in Mainz sind gleichermaßen beteiligt an der Entstehung des 150 Quadratmeter großen Trauergebäudes, das bundesweit einzigartig ist. Selbst Expertengremien wie der Zentralrat der Muslime, das Institut für Islamfragen oder der Deutsche Städtetag konnten ein weiteres Projekt dieser Art nicht bestätigen.



KH