Heft 252 September 2011
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Mainzer Köpfe

Burkhard Geibel-Emden

Andau-Wirt aus Leidenschaft


Burkhard Geibel-Emden

Es ist genau zehn Jahre her, dass DER MAINZER Burkhard Geibel-Emden als »Mainzer Kopf« vorstellte. Drei Jahrestage waren damals der Anlass. Die stehen nun erneut an - nur die Zahlen vor den Nullen haben sich erhöht. Und: Der Andau-Wirt dürfte von diesem Porträt überrascht sein, es entstand »in geheimer Mission«. Die Recherchen waren allerdings einfach. Schließlich ist der Jubilar Dreh- und Angelpunkt der »Andau« und steht mitten im Mainzer ­Leben. Diese Kneipe hat eine ganz eigene Kultur. Selbst Fremde, also Touristen, auch aus der Umgebung, spüren das relativ schnell. Kontakt zu finden ist hier nicht schwer. Scherze, manche gerade noch oberhalb der Gürtellinie, gehören dazu. Kommentare und längere Stellungnahmen zu aktuellen politischen Ereignissen ebenso - sachlich durchaus, bissig allemal. Kneipenkultur, man könnte auch »Flair« sagen, entsteht durch die Menschen in einer Kneipe. Als Wirt spielt Burkhard Geibel-Emden die zentrale Rolle. Selbst wenn er gar nicht anwesend ist. Sein »Geist« schwebt über allem. Seine Fähigkeiten halten alles zusammen. Wörtlich. Die gesamte Organisation ist seine Sache, von Einkauf über Personaleinteilung bis Keller aufräumen. Hat ein Gast das wasserlose Pissoir für seinen dickflüssigen Mageninhalt zweckentfremdet hallt der Ruf »Bu, kannst Du mal.?« durch die Kneipe. Fließt der Gerstensaft nicht wie gewünscht, ebenso. Wobei, der Wirt verhilft lieber dem Bit ins Glas. Nachvollziehbar. Von Beruf ist Burkhard Geibel-Emden Starkstromelektriker. Sein handwerkliches Können nutzt er ausgiebig bei der täglichen Kneipenarbeit. In der Andau hat sich der aus Berglangenbach (Kreis Birkenfeld) stammende Wahl-Mainzer regelrecht »hochgedient«. Als »Z-12« kam Burkhard 1978 zum Wehrbereichskommando IV nach Mainz. Donnerstags abends war immer Bit-Trinken angesagt, in der Andau. Seinerzeit die einzige Mainzer Kneipe, in der das Eifeler Bier ausgeschenkt wurde. Neben dem Thekeneingang als »Eckensteher« beobachtete er das Treiben. Schüchtern sei er damals gewesen, behauptet Burkhard. Kaum vorstellbar - längst ist er mit den »Mainzer Größen« auf Du und Du. Drei Jahre nach dem ersten Andau-Bit fing er - 1981- als Aushilfe an, das ist dreißig Jahre her. Seit zwanzig Jahren ist er alleiniger Geschäftsführer und im Sep­tember wird er sechzig Jahre alt. Der Namenszusatz »Emden« stammt übrigens von »Seiner Majestät Schiff Emden«, auf dem Burkhards Großvater am 9. November 1914 als einer der wenigen das letzte Gefecht gegen die Engländer bei den Kokosinseln überlebte und dafür vom Kaiser mit dem vererbbaren Namenszusatz belohnt wurde.

Kümmern gehört zum Handwerk

Als Beruf Wirt - hat er das jemals bereut? »Ich kann mir nix anderes mehr vorstellen« lautete die eindeutige Antwort vor zehn Jahren. Daran hat sich, allem Anschein nach, nichts geändert - auch wenn der rund-um-die-Uhr-Einsatz zehrt. Babbelt er mit seinen Gästen, wirkt er zufrieden. Aktueller als andere »Medien« bringt der Andau-Wirt Hochzeit, Todesfall, Jobwechsel und »wer-mit-wem-gerade-wo-unterwegs« ist schnell an die »richtige« Adresse. Das ist Teil seines bevorzugten Kneipen-Handwerks: Sich kümmern. Wenn die organisatorischen Alltagsarbeiten erledigt sind. Und die Frikadellen gebacken. Die schmecken am Besten, hat Burkhard die Masse gemischt. Er verwendet zwar die gleichen Zutaten wie die Köchin, aber viele Gäste behaupten erschmecken zu können, wenn sie von den Chef-Händen geformt wurden. Eine Devise, die Burkhard gut durch die Jahre zu bringen scheint, lautet: Nur nicht die Ruhe verlieren. Vor allem wenn Gäste sich streiten, Betrunkene nicht einsehen, warum ihr Glas nicht wieder gefüllt wird. Wobei: ab und an platzt dem »Wirt aus Leidenschaft« doch der Kragen. Wenn Fußball-Fans rumpöbeln - egal, welchem Verein sie zugetan sind. Respekt gegenüber dem anderen ist Voraussetzung, um in dieser Kneipe und von diesem Wirt angenommen zu werden. Dazu passt, dass »der »Geibel-Emden« geradeheraus sagt, was ihm missfällt. Manch politisch Etablierter hat sich an seinem Bit schon verschluckt, wenn der Wirt ihm verbal den Marsch bläst. Die Stammgäste können viele Lieder singen von klaren Ansagen, das Personal sowieso. Hat er gesagt, was er denkt, ist die Sache meist erledigt. Nachtragend ist »Bu«, wie ihn sein Personal und manche Gäste liebevoll nennen, nicht. Auch deshalb ist ihm keiner wirklich gram. Zumindest nicht lange. Bei dem Wirt weiß jeder relativ schnell, woran er ist. Das ist gut so. Eine Rarität zudem.

Bekannt wie ein bunter Hund

Längst funktioniert eine Kneipe nicht mehr nur mit gutem Bier, schmackhaftem Essen, flott-freund­lichem Personal und einem Burkhard als Wirt. Vier Fernseher, bei gutem Wetter zusätzlich noch einer im Freien, zeigen, wo welcher Ball von wem getreten wird. So ziemlich jeden Tag. Ob das der »Babbel-Kultur« auf Dauer gut tut? Die Meinungen gehen auseinander. Klar ist: Fußball bringt dieser, wie anderen Kneipen Umsatz. Der ist auch nötig, um »Events« zu organisieren und zu finanzieren: Live-Musik, Lesungen oder »Denke an der Tränke«. Obwohl in den letzten Jahren häuslicher geworden, ist »Bu« kein »Stubenhocker«. Das hat Folgen: »Mit dem Mann kannst Du nirgends hingehen, ohne dass er jemanden kennt.« Janine, seine Frau, findet es nicht immer lustig, wenn auf Flughäfen oder in Restaurants irgendwo in Europa der Ruf erschallt: »Hallo Burkhard - was machst Du denn hier?« Tatsächlich kehrt der Wirt der eigenen »Wertschaft« ab und an ein paar Tage den Rücken. Und muss dann, selbst in fernen Landen, doch wieder über die Nullfünfer, die »Handkäsmafia« und andere Mainzer Geschichten plaudern. Ihm macht das nicht wirklich was aus. »Bu« lebt mehr nach dem Motto: Ein Wirt, der nicht ansprechbar ist, hat den Beruf verfehlt.
Übrigens: Alles Gute zum Geburtstag, lieber Burkhard, wünscht Dir auf diesem Wege Marion.

SoS