Heft 251 August 2011
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Mogunzius

Mogunzius, Stadtschreiber DES MAINZERs

Die »Lu« streift ihren Nachkriegscharme ab.

Die drei Buchstaben ECE stehen für die gravierendste Neuorientierung, die die Einkaufsstadt Mainz in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. Der Hamburger Einkaufszentren-Betreiber ist der neue Eigentümer des Karstadtkomplexes an der Ludwigstraße und hat Großes für das Areal zwischen Gutenbergplatz und Weißliliengasse vor. Von 30.000 Quadratmetern Verkaufsfläche ist bisher die Rede, was logischerweise bei Bürgern wie auch in der Geschäftswelt lebhafte Diskussionen ins Kraut schießen lässt. Etwa bei Einzelhändlern geht die Angst nach Bekanntwerden des Verkaufs um, sie könnten von der neuen Shopping-Mall erdrückt und in ihrer Existenz gefährdet werden. Gerade erst ist die Diskussion um die Folgen der Ansiedlung von Möbel Martin im Hechtsheimer Gewerbegebiet etwas abgeebbt, da kommt der nächste dicke Brocken auf die verunsicherten Geschäftsleute zu. Es wird eine zentrale Heraus­forderung des Rathauses, diese Ängste zu zerstreuen und die ECE-Pläne entsprechend zu moderieren.

Dass die Ludwigstraße ihren Nachkriegscharme abstreifen muss, dürfte unbestritten sein. Im Direktvergleich mit dem optisch sanierten Brandzentrum fiel die »Lu« seit Jahren immer mehr ab und war alles andere als eine Visitenkarte für die Einkaufsstadt Mainz. Jetzt darf man gespannt darauf sein, welchen Mix aus Einzelhandel, Gastronomie und Büros im neuen Ludwigstraßen-Zentrum entstehen. Schon heute steht fest, dass Karstadt mit 15.000 Quadratmetern sozusagen der Ankermieter in dem ECE-Projekt bleibt.

Feder

Bereits vor dem Zuschlag an ECE hat sich das Mainzer Rathaus zu größtmöglicher Bürgernähe entschlossen und bindet die Bevölkerung in die Debatten um die »Lu«-Planung ein. Der Verkauf an ECE macht genau diesen Prozess nicht unbedingt einfacher. Die Hamburger Gesellschaft ist europäischer Marktführer in Sachen Shoppingzentren und hat derzeit 132 Projekte unter ihrer Regie. Dies offenbart schnell, dass es Mainz mit einem absoluten Schwergewicht zu tun hat, das sein Vorhaben mit glasklaren Vorstellungen realisieren will. Zumal ECE mit dem Investment in Mainz auch seine Stellung im Rhein-Main-Gebiet stärken möchte. So bleibt es die alles entscheidende Frage, ob die Verhandlungen zwischen der Stadt und ECE auf Augenhöhe laufen werden.

In jedem Fall wird die Ludwigstraße sich optisch so gravierend verändern, wie es sich schon seit anderthalb Jahrzehnten in der öffentlichen Diskussion andeutet. Viele Debatten wurden geführt und viele Zeilen in den Printmedien produziert, die sich mit der napoleonischen Platz- und Straßengestaltung beschäftigten. Von der wird man sich, das zeichnet sich bereits ab, scheibchenweise verabschieden können. Ein Beispiel hierfür ist der sogenannte Pavillon des Chinarestaurants, der nach ersten ECE-Plänen einer Rotunde weichen soll. Genau dies deutet darauf hin, dass die bisherige Platzgestaltung optisch aufgeweicht wird. In den Bürgerforen zur Ludwigstraße werden derartige Planspiele noch für muntere Diskussionen sorgen, in denen der neue Investor ECE viel Geduld brauchen wird.

Ob sich die Skepsis im Einzelhandel im Blick auf die sich anbahnende übermächtige Konkurrenz eindämmen lässt, wird auch an der Informationspolitik aller Beteiligten liegen. Transparenz heißt auch hier das Zauberwort. Und spätestens seit Stuttgart 21 wissen wir, wie wichtig dies ist. Die neue Aufwertung der »Lu« ist aber ein Projekt, das alle Mühen wert sein wird.



SoS