Heft 250 Juli 2011
Werbung




Montagsspaziergang

Tobias Gramowski dreht den Spieß(bürger) um

»Zeit des Stillhaltens ist vorbei«


Tobias Gramowski

Dass die Veränderung des deutschen Gemütszustandes ausgerechnet von den als behäbig verschrienen Schwaben ausgehen würde, hat wohl keiner gedacht. Was so ein Bahnhof doch für Auswirkungen haben kann. Seit die Stuttgarter für ihre Meinung auf die Straße gehen, seit sie sich an Bäume ketten und aus Protest vor Baustellenzäunen sitzen, hat sich etwas in der deutschen Seele gerührt. 2010 wurde der erste »Wutbürger« geboren und inzwischen hat er viele Nachkömmlinge bekommen. Auch in Mainz.

Einer, der sich schon seit vielen Monaten mit den Missständen in Politik und Medien auseinandersetzt, ist Tobias Gramowski. Auch wenn er nicht gerne als Wutbürger bezeichnet wird, ist er einer. »Der Spiegel hat diese Bezeichnung im Oktober letzten Jahres zum ersten Mal benützt - allerdings war das diffamierend gemeint«, erklärt Gramowski seine Abneigung. »Aber wenn man es jetzt betrachtet, ist das Wort inzwischen positiv besetzt.« Für ihn und für viele andere sind »Wutbürger« nämlich einfach Menschen, die nicht alles mit sich machen lassen. Die Fragen stellen und für ihre Überzeugungen eintreten. »Die umfassende Protestwelle erwächst nicht aus irrationalem Zorn, sondern aus der nackten Verzweiflung vieler Menschen.«


Verbesserungen durch höhere Volksbeteiligung

Tobias Gramowski aufm Montagsspaziergang

Und genau diese Verzweiflung treibt Gramowski auf die Straße. Seit September vergangenen Jahres ist er beim allwöchentlichen Anti-Atom-Montagsspaziergang dabei - und schreit laut heraus, was ihn an der Atompolitik der Bundesregierung so stört. Und das lange vor Fukushima. »Ich gehöre zu den neuen Atomkraftgegnern«, definiert er. »Ich habe einfach im letzten Jahr gemerkt, dass da etwas schief geht, war bei einigen Demos, auch im Wendland und in Biblis. Ich wollte etwas tun.« Und so war er bei der Gründung der Montagsspaziergänge dabei, gehört zum Mainzer Organisationsteam und vertritt seine Interessen auch beim Open Ohr.

»Die modernen Atomkraft-Gegner sind nicht so institutionalisiert wie in den späten 1970ern. Auf unsere Demo kommen einfach Menschen, die es satt haben. Kein Verein, keine große Organisation, das sind ganz normale unzufriedene Bürger.« Wutbürger eben. Das ist ja auch ein wenig das Geheimnis des Erfolges: Interessierte Bürger die sich zusammentun um etwas zu bewegen. Deshalb findet man bei den kleinen Mainzer Demos auch nur wenige »langhaarige Protestler«, sondern Familien mit kleinen Kindern, ältere Damen und schicke Studentinnen. »Wir erleben hier den Beginn von etwas, das Philosophen und Staatsrechtler in Bewegung setzten sollte - nämlich das Aufeinandertreffen zweier Definitionen des Begriffs Demokratie«, erklärt der 36-Jährige.

»Die meisten Berufspolitiker halten sich weiter an der ,Repräsentativen Demokratie' fest, während viele Bürger die in diesem System unlösbaren Probleme wahrnehmen und sich deswegen von höherer Volksbeteiligung Verbesserungen erhoffen.« Doch seitdem immer mehr Menschen mit Sozialen Netzwerken wie Facebook arbeiten, seitdem man twittert und Mailings verschickt, hat sich laut Gramowski, die Einstellung zum Thema Demokratie verändert. »Die Zeit des Stillhaltens ist vorbei.«

»Wir müssen uns mehr eigene Gedanken machen«

xyz

Aber Gramowski ist nicht nur auf die Bundesregierung und ihre Atompolitik wütend. Er ist auch auf die Medien wütend. Aus diesem Grund ist er Teil des Bürger-Informationsnetzwerk gegen mediale Desinformation und verschickt an alle, die in seiner Adressenliste stehen regelmäßig Mailings. Natürlich geht es hauptsächlich um den Atomausstieg, aber auch um die »Lobbykanzlerin« oder um »Mogelpackungen«. »Ich habe inzwischen auch bei so traditionsreichen Blättern wie dem Spiegel einfach nur noch das Gefühl, das dort Lobbyarbeit betrieben wird«, meint der ehemalige Abonnent, den eines Tages ein Freund auf ein Ungleichgewicht in der Berichterstattung aufmerksam machte.

»Seither glaube ich nur noch wenig von dem, was geschrieben steht. Das bedeutet für uns Bürger aber eben auch, dass wir uns wieder mehr eigene Gedanken machen müssen.« Und dann, wenn uns nicht gefällt was wir sehen, auch auf die Straße gehen sollen. »Und so wird aus dem deutschen Spießbürger auch der deutsche Wutbürger.«

Daniela Tratschitt

Infos zu den Montagsspaziergängen:
www.montagsspaziergang.de/montagsspaziergaenge/mainz/