Heft 250 Juli 2011
Werbung




Strasse

Leichhof

Die über Leichen gehen


Der Leichhof in Mainz hinnerm Dom

Jetzt, wo der Sommer Einzug hält, wird auch der Mainzer Leichhof wieder zu einem der beliebtesten und meist besuchtesten Plätze der Stadt. Bei schönem Wetter tummeln sich dort regelrechte Menschenmengen. Sie schlendern auf dem Weg in die Augustinerstraße über den Platz oder entspannen bei einem Gläschen Wein oder Wasser in einem der Cafés. Wohl kaum einem der Besucher des Leichhofes dürfte dabei bewusst sein, dass er es sich gerade auf einem ehemaligen Friedhof gemütlich macht!

Und doch ist es so. Der Leichhof hat seinen Namen tatsächlich von den Leichen, die hier in früheren Zeiten begraben lagen. Auf dem Areal befand sich im frühen Mittelalter der Domfriedhof. Historiker vermuten, dass dort die Toten des gesamten damaligen Stadtgebietes beigesetzt wurden. Im 12. Jahrhundert wurde der Domfriedhof dann aufgegeben, als auch die einzelnen Pfarrkirchen eigene Friedhöfe bekamen. Die auf dem Leichhof begrabenen sterblichen Überreste aber blieben. Und wie das so ist in Mainz: alles, was in der Erde verborgen liegt, taucht irgendwann wieder auf. So auch die Knochen der ehemaligen Domfriedhofs-»Bewohner«.

Im Jahr 1777 grub man auf dem Gelände Fundamente aus. Sie gehörten zu dem so genannten ,Paradies', einem Säulengang, der die Kirche St. Johannis mit dem Willigis-Dom verbunden hatte und der später abgebrannt war. Bei diesen Ausgrabungen machten die Arbeiter eine gruselige Entdeckung: sie buddelten einige uralte Skelette aus. Außerdem fand man in der Nähe der Nasengasse Überreste eines antiken Bleisarges. 1978 wurde der Leichhof dann mit dem heutigen Kopfsteinpflaster versehen und zur Fußgängerzone gemacht. Und eins ist wohl klar: Sollte jemals jemand auf die Idee verfallen, den Platz wieder aufzureißen, um dort irgendetwas zu bauen, sollte er sich schon mal auf die ein oder andere makabre Begegnung gefasst machen.

Ilona Hartmann