Heft 249 Juni 2011
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Verfremdet

Bistro:

Eine Besonderheit?


Bistrotische

Die Krönung ist das Bistro im Supermarkt: ein wackeliger hoher Tisch, daneben ein Schild: Coffee to go. Bistro? War da nicht was? Ja. Etwas ganz anderes. Frankreich, irgendwann, irgendwo in den 90ern. Ein Café au lait zwischendurch, ein Pastice, mit und ohne Zigarette, ein kurzer Plausch, des abends auch ein Glas Wein auf dem Weg nach Hause und immer ansprechende Kleinigkeiten zum Essen - mal deutlich sichtbar in der Glasvitrine, mal dezent auf der Anrichte platziert.

Wo Platz war halt. Es kam mir immer vor, wie eine Eckkneipe. Es war nicht nur ein Bistro, es waren Dutzende. Anlaufpunkte. Vertraut. Einladend. Nie überkandidelt. Einfache Einrichtung. Aber eingerichtet.

Und nun dieser Tisch vor dem Supermarkt - »Bistro«. Frechheit. Oder Anpassung? Die Welt wandelt sich. Die Begriffe auch. Außerdem ist Deutschland nicht Frankreich. Wenn nicht Bistro, wie sonst soll das genannt werden? Was eigentlich? Ein Tisch und etwas Trinkbares für unterwegs? Braucht es dafür überhaupt eine Kennzeichnung? Geschmackssache - oder handelt es sich gar um eine »Gaststättenrechtliche Besonderheit«?

Laut Mainzer Ordnungsamt, das auch für Gaststättenkonzessionen zuständig ist, gibt es keine Definition für Bistro. Für Gaststätte, Wirtschaft, Restaurant, Café und so weiter und so fort aber auch nicht. Die Behörde unterscheidet zwischen »erlaubnisfrei und erlaubnispflichtig«. Letztere sind alle Lokale, die Alkohol ausschenken, dafür braucht es eine Konzession. Und eine Toilette. Welchen Namen ein Kaffeeausschank mit angegliedertem Brötchenverkauf trägt, interessiert die Hüter der Ordnung nicht.

Übrigens die Bistro-Recherche förderte auch zu Tage, dass diese Schnellrestaurants, die »Burger« und Konsorten verkaufen, keine Toiletten vorhalten müssen. Denn sie schenken keinen Alkohol aus. Womit wir beim nächsten Thema wären: Was hat der »Genuss« von Alkohol mit dem Gang auf die Toilette zu tun? Die ganze Stadt ist voll mit Stehcafés, Bistros, Imbissen. keiner hat ein Klo. Wo bringen deren Kunden dann Wasser, Cola, Kaffee hin, wenn diese Flüssigkeiten aus der menschlichen Blase heraus wollen?


SoS