Heft 249 Juni 2011
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Märkte

Mittelalter leben:

Eine Abwechslung zum Hier und Jetzt


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Von Bacharach bis Heidelberg auf Zeitreise: Christine Köhler und Günther Löbert

Das »echte« Zeitreisen bislang nur im Film funktionieren, weiß jeder. Allerdings will sich nicht jeder damit abfinden. Und so suchen manche eine Möglichkeit, trotzdem in die »gute alte Zeit« abzutauchen. Das ist auch nicht weiter schwierig. Seit einigen Jahren schießen die Mittelalter-Märkte überall aus dem Boden. Jedes Städtchen, das etwas auf sich und seine jahrhundertealte Geschichte gibt, veranstaltet dann und wann einen solchen Markt. Und wenn noch eine Burg, ein Turm oder ein Gehöft aus der Zeit vor Ort zu finden ist, hat man gleich doppelt so viel Grund, ein Wochenende lang die Neuzeit Neuzeit sein zu lassen und ins Mittelalter zurückzukehren.

Allerdings würde solch ein Aufwand nur halb so viel Spaß machen, wenn sich nicht genügend Menschen finden würden, die mitmachen. Aber nicht nur aus professionellen Gründen - etwa um Schmuck, Tee, Bier, Holzwaren oder Kerzen an den Mann zu bringen - sondern wegen ihres Hobbys. Für einen gar nicht so geringen Teil der deutschen Bevölkerung gehört es zum schönsten Teil ihres Privatlebens, auf Zeitreisen zu gehen. So wie für Christine Köhler und Günther Löbert. Das Paar aus Worms zieht es schon seit Jahren zu den schönsten Mittelalter-Märkten der Region. Wobei sich »Region« nicht nur auf den Wonnegau und den Kreis Mainz-Bingen bezieht.

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Typisches »Lagerleben«: Aussteller und Besucher von Mittelaltermärkten reisen gerne von Markt zu Markt und in der Zeit.
Von Bacharach bis Heidelberg erstreckt sich in diesem Jahr ihr Zeitreisegebiet. »Im Sommer sind wir so etwa auf zehn Märkten. Meistens einer pro Wochenende«, erklärt die 48-Jährige. »Manche gehören schon zu unserem Standardprogramm und manche testen wir erst.« Natürlich hat man als echter Fan auch Lieblingsmärkte. »Der in Worms ist inzwischen richtig toll und auch der im Angelbachtal gehört zu unseren Favoriten. Bei einigen sind wir auch nur einmal und dann nie wieder.«

Als echter Mittelalterfan hat man nämlich Ansprüche. Das Lagerleben muss ausgeprägt sein, die Verkaufsstände umfangreich, das Ambiente stimmig. Nur so kann man sich neue Accessoires kaufen, und diese dann gebührend vorführen. Denn wer diesem Hobby ernsthaft nachgeht, der braucht einiges an Material. Für die Männer gehören Kettenhemden, Schwerter, Dolche, Strumpfhosen und manchmal sogar Helme zur Ausrüstung. Bei den Damen sind es lange Gewänder, Mieder, Hauben, Schleier und viel Schmuck. Köhler hat sieben komplette Garnituren, ihr Lebensgefährte kann sich insgesamt fünf Mal umziehen - von den Schnabelschuhen bis zur Kappe. »Wir haben zuhause einen separaten Schrank für die mittelalterliche Kleidung und eine kleine Truhe für den Schmuck«, berichtet die kaufmännische Angestellte.

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Weiblicher Teil des »mittlalterlichen Lagerlebens«: Frauen flechten Körbe aus Weidenzweigen
»Meine Waffen hängen aber zu Hause an der Wand«, wirft ihr »Ritter« ein. »Da ist wenigstens Platz dafür.« Sich alles auf einmal zuzulegen wäre zu kostspielig. »Das macht man nach und nach«, meint der 60-Jährige. »Daheim überlegt man, was man noch braucht, und dann zieht man von Markt zu Markt, von Stand zu Stand, um das Richtige zu finden.« Manches wird maßgeschneidert. »Aber das ist ja das Besondere. Mit dieser Kleidung zieht man auch eine andere Einstellung an. Ich gehe anders, fühle mich anders - selbst wenn ich auf der Straße manchmal komisch angesehen werde.« Am besten fühlt man sich natürlich in der Gruppe. »Wir haben viele Freunde, die dasselbe Hobby haben, so Günthers Bruder und dessen Frau. Viele sind bei unseren Verabredungen gewandet.« Ein Traum der beiden wäre es, ein Mittelalter-Essen mit allen Freunden zu machen. »Allerdings geht das nur in einer großen Gruppe. Aber da einen Termin zu finden ist schwer.«

»Zeitreisen« sind also ein zeit- und kostenintensives Hobby. »Aber es macht uns doch Spaß. Wenn nicht, würden wir das gar nicht machen«, sind sich beide einig. »Auch wenn wir beide gerne im Hier und Jetzt leben, ist es für uns einfach mal eine Abwechslung ins Mittelalter einzutauchen.« Nach ein paar Stunden allerdings ist dann auch gut. »Ich bin froh, wenn ich mich daheim ganz einfach unter die heiße Dusche stellen kann«, lacht Köhler. »Wissen Sie, mein Mann macht dass schon seit fast 20 Jahren, ich erst, seitdem ich ihn kenne. Für ihn ist das ein wirklich wichtiger Teil seines Lebens. Ich denke, dass hat schon als kleiner Bub angefangen, als er Ritter gespielt hat.« Und die Liebe zu dieser längst vergangenen Zeit wird laut Löbert auch noch lange weitergehen. »Meine Beerdigung soll auf jeden Fall mittelalterlich sein.«


Daniela Tratschitt

Mittelalterliches Spectaculum,
3. bis 5. Juni, Stadtpark Wormser Wäldchen, Worms,
www.spectaculum-worms.de