Heft 248 Mai 2011
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Titelstory

Kontroverse um den Mombacher Pfarrer:

Kokolores und Zusammenbruch der Deutschordenswerke


Pfarrer Gottfried Keindl
Pfarrer Gottfried Keindl

»Wissen Sie, ich habe den Pfarrer wenige Tage nach seinem Fernsehauftritt auf einer Beerdigung erlebt und hatte ständig das Bild im Kopf, wie er in der Badewanne sitzt und zotige Sprüche macht. Das hat mich als Katholik zutiefst verletzt. Das gehört sich nicht.«

Der Pfarrer heißt Gottfried Keindl und leitet seit September 2006 die neu konstituierte Gesamtgemeinde von Mainz-Mombach, St. Nikolaus.

Der aufgebrachte Anrufer, dessen Namen wir für uns behalten, erinnert gleichzeitig daran, dass derselbe Pfarrer sich für die katholische Kirchengemeinde in Mombach einsetze, auf sein Engagement gehe u.a. der Bau des neuen Kirchturms zurück, der bei einem Brand 1942 zerstört wurde und in dem die damals »heimatlos« gewordenen Glocken endlich wieder ein Zuhause gefunden hätten. »Er hat wirklich tolles geleistet und wahrscheinlich ist er auch ein guter Seelsorger - aber muss er sich deshalb zum Äffchen in der Bütt machen und diese frauenfeindlichen Sprüche von sich geben?«

Außerdem, so fügt der Anrufer hinzu, habe eben jener Pfarrer durch seine »Unachtsamkeit« fast den Deutschen Orden »finanziell an die Wand gefahren«.

Deutscher Orden? Mombacher Pfarrer?

»Anfang dieses Jahrhunderts gab es einen großen Finanzskandal im Deutschen Orden und Gottfried Keindl hat da eine maßgebliche Rolle gespielt«, weckt der Anrufer die Neugier. Das wollen wir denn doch genauer wissen.

Im Internet findet sich reichlich Material: Abgesehen von einem umfänglicheren Bericht im Spiegel (Nr. 25/2000), berichten von diesem »Fall« u.a. die Katholische Nachrichtenagentur (KNA), die Frankfurter Rundschau (FR), Die Welt, die Süddeutsche Zeitung und der Münchner Merkur zwischen 2000 und 2003.

Nachfolgend einige Auszüge, die erhellen, was damals geschehen ist und was der heutige Mombacher Pfarrer damit zu tun hatte.

Die KNA meldete am 30.11.2000: »Der Deutsche Orden (DO) war zahlungsunfähig. Ordenssprecher Michael Graf wollte über die genaue Höhe der Verbindlichkeiten keine Angaben machen. Dazu werde sich die Geschäftsleitung in der kommenden Woche äußern.«

Am 1.12.2000 schreiben Monika Maier-Albang und Matthias Dobrinski in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung:

»Der DO hatte mit 250.000 Mark Startgeld begonnen, die Anfang der 90er Jahre der Trierer Caritas-Manager Hans-Joachim Doerfert dem umtriebigen Ordensmann und Ex-Polizeiseelsorger Gottfried Keindl lieh - jener Doerfert, der sich vor dem Koblenzer Landesgericht wegen Untreue in Millionenhöhe verantworten muss.

Keindl machte den überalterten Deutschen Orden zu einer professionellen Trägergesellschaft, unterstützt vom Ex-Manager Werner Conrad. 1998 zogen die Nachfahren der Ordensritter von Frankfurt am Main ins bayerische Weyarn. In Bayern hatte Keindl einen wichtigen Förderer: Ministerpräsident Edmund Stoiber.

Er ist »Familiar« des Ordens, gehört also zum exklusiven Unterstützerkreis, dessen Mitglieder bei feierlichen Anlässen einen schwarzen Samtmantel mit weißem Kreuz tragen dürfen. Stoiber sorgte dafür, dass der Freistaat dem Orden schnell den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verlieh - nun war die Gemeinschaft von Körperschafts- und Gewerbesteuer befreit, Bankkredite flossen einfacher.

So gefördert, entstand ein Sozialimperium, das vor allem in Bayern kaufte, was sich kaufen ließ: Krankenhäuser, die alt gewordene Nonnen nicht mehr führen konnten, Altenheime, die als unrentabel galten, Drogeneinrichtungen wie Daytop. Alles, was die geschäftstüchtigen Ordensmänner anpackten, schien zu Gold zu werden - ausgewiesene Gewinne vervielfältigten sich, von 1993-1999 stieg der Umsatz von unter 50 Millionen auf fast 500 Millionen (D-Mark - Anm.d.Red.)

Die Konkurrenz beobachtete dies mit einer Mischung aus Furcht, Neid und Bewunderung. Der Deutsche Orden hat sich übernommen, ist zu schnell und unkontrolliert gewachsen, was Kritiker auch schon mal »Größenwahn« nennen. Zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts pleite - ohne dass sie Konkurs anmelden könnte, eine rechtlich komplizierte Situation.«

In weiteren Berichten und Meldungen bis Juli 2002 geht es hauptsächlich darum, wie der DO gerettet werden könne, ob die katholische Kirche Gelder für die Sanierung zur Verfügung stellen müsse oder der Freistaat Bayern und die Erzbistümer; diskutiert wurde die Aberkennung der Gemeinnützigkeit und die Mitschuld der bayerischen Staatsregierung.

Im Juli 2002 beschreibt Iris Hilberth in der Frankfurter Rundschau das Ende und die Kosten des Sanierungsprozesses (9.7.2002 und 13.7. 2002).

Zu den staatsanwaltschaftliche Ermittlungen schreibt Der Münchner Merkur am 29.11.03:

»Knapp drei Jahre nach der Fast-Pleite des Deutschen Ordens hat die Staatsanwaltschaft München II die Ermittlungen eingestellt. Der Verdacht auf Steuerhinterziehung und Untreue habe sich nicht bestätigt, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Rüdiger Hödl.

Was sagt Pfarrer Gottfried Keindl dazu?

Soweit die Informationen aus zweiter Hand. Was sagt Pfarrer Gottfried Keindl dazu? Wenige Tage vor Ostern schickten wir ihm die folgenden Fragen. Seine schriftlichen Antworten geben wir in Gänze wieder.

Ihren Auftritt in der Mainzer Fastnacht, gemeinsam mit Heinz Meller in der »Waschbütt« fanden nicht alle gut, insbesondere Katholiken fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Halten Sie dieses Verhalten vereinbar mit den moralisch-religiösen Grundsätzen der katholischen Kirche?


Pfarrer Gottfried Keindl: »Beiträge und Auftritte in der Fassenacht zu kommentieren ist unbestrittenes Recht freier Meinungsäußerung. Natürlich darf man dabei auch völlig anderer Meinung sein als die Aktiven. Dieses Recht nehmen aber auch wir Bohnebeitel in Anspruch. Aber anscheinend wurde die Ironie auf das Thema und des Rollenwechsels zwischen mir und Heinz Meller von einigen Wenigen nicht verstanden. Kokolores bleibt eben Kokolores und die Selbstironie, für andere den Kasper zu machen, ist anscheinend auch in der Fassenacht für einen Pfarrer in manchen Augen ein schwerwiegendes Vergehen. Was aber dabei ein Verstoß gegen moralisch-religiöse Grundsätze der katholischen Kirche sein soll, bleibt mir verborgen. Wahrscheinlich bin ich doch nur ein Narr.

Es sei denn, die Meenzer Fassenacht unterliegt der Zensur selbsternannter Moralhüter. Dann bin ich erst recht ein Narr, denn einer Zensur in der Fassenacht beugt sich kein Mombacher Bohnebeitel und schon gar nicht der Seelebeitel!«

Außer der Empörung über zotige Bemerkungen und frauenfeindliche Witze, wird Ihnen vorgeworfen, Sie seien zu Beginn dieses Jahrhunderts für den Finanzskandal des Deutschen Ordens verantwortlich gewesen und für die Vernichtung zahlreicher Arbeitsplätze in den sozialen Einrichtungen des Ordens. Was sagen Sie dazu?

Pfarrer Keindl: »Die Empörung über »zotige Bemerkungen« nehme ich zur Kenntnis (geht es dabei um die Bemerkungen selbst??? oder weil es der 'Präsident' oder der 'Pfarrer' gesagt haben??). Wer meinen Auftritt bei der Fassenacht (was war daran frauenfeindlich?) aber mit einem völlig sachfremden Ereignis vor elf Jahren verknüpft, der will bewusst die öffentliche Beschädigung meiner Person.

Deutschherrenhaus in Koblenz
Das Deutschherrenhaus in Koblenz, nahe dem Deutschen Eck.

Als Provinzial des Deutschen Ordens hatte ich damals in der Tat die volle Verantwortung zu tragen, doch das heißt nicht, dass ich persönlich kriminell wurde oder gar Schaden verursacht habe. Sonst wäre ich heute nicht mit Begeisterung katholischer Priester und als Pfarrer in Mombach tätig.

Abgesehen davon, dass die Recherche lückenhaft und falsch ist (es wurden keine Arbeitsplätze vernichtet), wundere ich mich über die Erhabenheit des Kritikers, der meine Entlastung nicht zur Kenntnis nimmt und offensichtlich mehr weiß als der Vatikan, die Staatsanwaltschaft und ich selbst. Respekt! Aber wie gesagt, in der Karwoche Stellung beziehen zu müssen zur Fassenacht, das ist eben auch Meenzer Kokolores!«

SoS

DER DEUTSCHE ORDEN


Er ging 1198 aus einer Bruderschaft zur Pflege und Betreuung von kranken und verletzten Kreuzfahrern im Heiligen Land hervor. In dem Jahr wandelte Papst Innozenz III. die Gemeinschaft in einen Ritterorden um, der direkt dem Heiligen Stuhl unterstellt war. Das Ordensgewand zeigt ein schwarzes Kreuz auf weißem Grund. 1230 entstand in Preußen ein eigener Ordensstaat, d er im 16. Jahrhundert - wie viele andere Ordensprovinzen - aufgelöst wurde.

Napoleon verbot im Zuge der Säkularisation 1806 die Gemeinschaft in den Rheinbundstaaten; der österreichischen Kaiser Franz I. belebte den Orden 1840 wieder. 1929 wurde der über Jahrhunderte dominierende Ritterbrüder-Zweig aufgelöst und von Papst Pius XI. in einen rein geistlichen Orden der »Brüder des deutschen Hauses Sankt Mariens in Jerusalem« umgewandelt.

1945 wurde die Deutsche Ordensprovinz wiederbegründet. 1990 entstand das Deutsch-Ordens-Hospitalwerk. Zu diesem Komplex gehörten 2001 mehr als 120 sozial-karitative Einrichtungen wie Krankenhäuser, Altenhilfe- und Behinderteneinrichtungen mit rund 5.500 Mitarbeitern.
(Quelle: KNA , 17.2.2001; weitere Informationen: www.deutschordenswerke.de).

In Koblenz gründeten die Ritter des Deutschen Ordens 1216 am Zusammenfluss von Rhein und Mosel ihre erste Niederlassung im Rheinland, dort wo noch immer das Deutschherrenhaus steht.

KOMENTAR:


Auch in der Katholischen Kirche sind nicht alle einer Meinung. Neben großer Zustimmung in der Gemeinde und im ganzen Land gibt es auch Meinungsäußerungen, die sich kritisch damit auseinandersetzen, dass ein katholischer Priester in die Mainzer Fastnachtsbütt steigt. In der bewussten Rollenverkehrung »Priester und Präsident« steigen beide runter von ihren hohen Ämtern und machen Kokolores.

Hier wird ein Konflikt deutlich: Dürfen Menschen in würdevollen Ämtern das machen, was Otto Normalverbraucher auch macht? Darf ein Priester nicht nur zum Lachen auffordern, sondern sich selbst sogar zu einer »Witzfigur« machen? Darf ein Priester über das Zölibat witzeln? Fassenacht war einmal Revolution, Aufbegehren gegen herrschen­de Zustände. Wobei die katholische Kirche immer zu den Bewahrern der herrschenden Zustände gehört.

Nicht von der Hand zu weisen sind die Bemerkungen von Pfarrer Keindl, dass die Ereignisse um den Deutschen Orden elf Jahre her sind und es nach intensiven Untersuchungen zu keinerlei Anklagen kam. Weshalb also das Erinnern an längst ausgestandene Vorkommnisse?

Ob ein witzereißender Pfarrer in die Bütt kann, das soll die Kirche mit sich ausmachen, den Mombachern hat es offensichtlich gefallen.

WHO