Heft 248 Mai 2011
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Straßen

Keine Herberge für Zwerge:

Die Zwerchallee


Strasse

Wenn man Kinder fragt, was sie sich unter einer ,Zwerchallee' vorstellen, dann gibt es zwar sehr unterschiedliche Antworten, aber eines haben sie alle gemeinsam: sie haben mit Zwergen zu tun. Vielleicht eine Straße mit ganz kleinen Häusern? In denen auch nur ganz kleine Leute wohnen? Oder: Bestimmt gibt's die in einem Märchen. Stimmt aber nicht: die Zwerchallee gibt's mitten in Mainz und sie hat überhaupt nichts mit Zwergen zu tun. Die Silbe ,Zwerch' kommt vielmehr aus dem Mittelhochdeutschen und bezeichnet etwas schräg verlaufendes, auf die Seite gerichtetes. Im Hochdeutschen wurde ,quer' daraus, in der Mundart blieb man beim ,zwerch'.

Im 18. Jahrhundert wurde die Mainzer Zwerchallee quer zur Rheinallee angelegt, als ein Abschluss der damaligen städtischen Bebauung. Und sie muss richtig schick ausgesehen haben damals: es gab ein Rondell und am Wochenende flanierten dort Adelige und Bürger. Heute ist das zugegebenermaßen eher schwer vorstellbar. Die Zwerchallee ist zweifelsohne keine sehr prachtvolle Ecke von Mainz. Fest steht jedenfalls: Zwerge wurden hier tatsächlich nie beherbergt. Dafür kann die Zwerchallee mittlerweile auf eine lange Geschichte einer anderen Beherbergung zurückblicken: Nämlich die bedürftiger Mainzer. Schon in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg existierte in der Zwerchallee ein Barackenlager für obdachlose Familien.

Anfang der 60er wurde es abgerissen. Damals gab es ein eigenes ,Sonderbauprogramm zur Beseitigung von Elendsquartieren', in dessen Rahmen viele Barackenlager aufgelöst wurden. Allerdings mussten die Verantwortlichen schnell feststellen, dass ihr Sonderprogramm zwar schön gemeint war, aber nicht ganz der Lebensrealität entsprach. Zwar gab es in den 60ern nicht mehr eine so breite Massenobdachlosigkeit wie in den ersten Jahren nach dem Krieg. Aber mittellose Familien ohne Dach über dem Kopf gab es immer noch. Deshalb entschloss man sich, eine neue Notunterkunft für diese Bedürftigen zu bauen: eben in der Zwerchallee. Eigentlich war diese Notunterkunft als Übergangslösung gedacht. Letztlich aber hatte sie 40 Jahre Bestand. Erst im Sommer 2009 wurden die verbliebenen 42 Familien in neue Wohnungen - über die Stadt verteilt - vermittelt. Nach dem Willen der Stadtverwaltung soll das Gelände der ehemaligen Obdachlosensiedlung in Zukunft gewerblich genutzt werden. Man sucht noch nach einem Investor für das Areal. Vielleicht findet sich ja eine interessierte Gruppe von Zwergen? Die an der Zwerchallee eine winzig kleine Siedlung für bislang heimatlose Artgenossen errichten wollen, mit Rondell und Flaniermeile? Zugegeben - eine reichlich fantastische Idee. Aber Fantasie sollte ein möglicher Interessent tatsächlich mitbringen, wenn aus der Zwerchallee irgendwann mal wieder eine halbwegs ansehnliche Mainzer Straße werden soll.

Ilona Hartmann