Heft 247 April 2011
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Titelstory

Intensivtäter unter Dauerbeobachtung

Patenschaft für schwere Jungs


Kriminalhauptkommissar Jürgen Metz
»Wir sind keine Sozialarbeiter, aber wir zeigen Wege auf, bieten Hilfe zur Selbsthilfe. Das klappt auch in scheinbar hoffnungslosen Fällen.«

Ein trüber Frühlingsmorgen am Mainzer Hauptbahnhof. Kriminalhauptkommissar Jürgen Metz und sein Kollege Markus Papadopulos durchsuchen einen jungen Mann, wenig später klicken die Handschellen. Die Aktion verläuft unspektakulär, die Beamten sind in Zivil. Nur wenige Passanten werfen einen Blick auf das Geschehen und gehen dann rasch weiter. Artem P. hatte eine Handvoll Heroin-Plomben dabei - sein Versuch, sie schnell noch einem Kumpel in die Tasche zu stecken, schlug fehl, jetzt muss er mit aufs Präsidium. Er steht auf der Liste der PG MITTE - einer Sondereinheit der Mainzer Polizei, die sich speziell um Intensivtäter kümmert.

Gegründet wurde die Projektgruppe im Herbst 2007. Anlass war die Erkenntnis der Polizei, dass nur 0,5 Prozent der Strafttäter für ein Fünftel aller aufgeklärten Straftaten verantwortlich sind. Bezieht man die Dunkelziffer mit ein, dürften die Zahlen noch beunruhigender sein. Überall in Deutschland beschäftigen sich Ermittler mit dem Intensivtäter-Problem. Es gibt viele Strategien, doch das Konzept, das Jürgen Metz für das Mainzer Polizeipräsidium entwickelt hat, ist bundesweit etwas Besonderes.

Nirgendwo in Rheinland-Pfalz ist das Vorgehen der Beamten so intensiv und so exakt auf den Einzelfall zugeschnitten wie in Mainz. Es reicht von sozialer Betreuung und Hilfe zur Selbsthilfe (Prävention) bis hin zur knallharten Strafverfolgung (Repression). Das Gespräch suchen, solange es Sinn macht, energisch durchgreifen, wenn es nicht mehr anders geht, das ist das Erfolgsrezept der PG MITTE.

Ein kurzer Draht zur Staatsanwaltschaft sorgt dafür, dass kriminelles Verhalten sofort bestraft wird - oder aber, dass der Betreffende eine weitere Chance bekommt, so wie Artem P., der wenig später wie ein Häufchen Elend im Vernehmungszimmer sitzt. Er hängt an der Nadel und soll in wenigen Tagen eine Therapie antreten. Deshalb wurde seine Gefängnisstrafe zur Bewährung ausgesetzt. Jetzt steht alles auf dem Spiel. Der Fluch der Droge - die meisten Intensivtäter haben ein Rauschgiftproblem.

Obwohl er eigentlich wenig Hoffnung hat, legt Jürgen Metz beim Staatsanwalt ein gutes Wort für Artem P. ein. Der schätzt die Arbeit der PG MITTE und folgt dem Vorschlag des erfahrenen Beamten. Der junge Mann darf gehen, die Therapie ist voerst gerettet. Er kann sein Glück kaum fassen.


Erzieherische Effekte


Rund 200 Mehrfach- und Intensivtäter, sogenannte MIT, stehen im Focus der Kriminaldirektion Mainz, 20 von ihnen sind zur Zeit im Programm der PG MITTE. Meist junge Männer mit einer traurigen Biografie und falschen Freunden. Jeder von ihnen bekommt einen Beamten als »Paten« zugeordnet. Der ist fortan in allen Belangen der einzige Ansprechpartner, trägt alles zusammen, was über diesen speziellen Straftäter bekannt ist, kennt jedes biografische Detail, sucht ihn mehrmals wöchentlich auf und hält Kontakt zu seinem Umfeld - zur Familie und zu den »Freunden« aus dem Milieu. Im besten Fall hat das einen erzieherischen Effekt, doch der Erfolg entsteht schon allein dadurch, dass das kriminelle Netzwerk des Betroffenen zusammenbricht und er in die Isolation gerät, wenn er weiter Straftaten begeht. Mit einem, der ständig die Polizei an den Hacken hat, wollen die »Kumpels« nichts mehr zu tun haben.

Anders als bei Artem P. scheint bei Patrick N. der präventive Ansatz der Intensivtäter-Einheit zu greifen. Seit ihn die Beamten im Visier haben, hat er keine Straftat mehr begangen. Patricks Eltern waren Alkoholiker und trennten sich, als er 11 war. Damals hat er zum ersten Mal Haschisch geraucht, fing an zu Klauen. Dreimal brach er die Lehre ab, schlug sich mehr als sein halbes Leben mit Dealen, Stehlen und Einbrechen durch.

Jetzt ist er im Programm der PG MITTE, hat einen festen Job und will nur noch raus aus dem kriminellen Sumpf. Sein Traum: ein »ganz normales Leben«. Björn Ephan, sein polizeilicher Pate, hilft ihm dabei. Patrick sei auf einem guten Weg, sagt er. Er sei klug, weg von den Drogen und habe verstanden, worum es geht. Trotzdem nimmt er sich ihn an diesem Abend zur Brust, als er ihn in einer Spielhalle aufstöbert. Keine gute Umgebung für einen, der mit dem Milieu brechen will. Hier werden illegale Geschäfte getätigt, Mittäter für den nächsten Bruch organisiert, Hehlerwaren vertickt und Drogen verkauft. »Es macht mir Bauchschmerzen«, sagt Björn Ephan, »wenn Du Dich hier rumtreibst.«. »Ich hab's im Griff«, beruhigt ihn Patrick, »ich weiß, was auf dem Spiel steht.«

Trotz ihres Engagements sind die Beamten keine Sozialarbeiter, und wenn es sein muss, bringen sie ihre Schützlinge gnadenlos ins Gefängnis. Ein schwieriger Spagat. Doch es lohnt sich: ähnlich wie Patrick reagieren viele »schwere Jungs« - positiv auf das Gesprächsangebot der Polizei - sie sind es schlicht nicht gewohnt, dass sich jemand für sie interessiert und oft sind die Beamten die einzig verlässliche Konstante in ihrem Leben.

Bei der PG MITTE laufen polizeiintern und behördenübergreifend alle Fäden zusammen. Wer im Programm ist, kann nicht mal einen Kaugummi klauen, ohne dass es sein Pate erfährt. Diese Bündelung von Informationen ist unüblich im Polizeialltag. Schutz- und Kriminalpolizei haben unterschiedliche Zuständigkeiten, was ausserhalb der Landeshauptstadt passiert, erreicht die Mainzer Kriminalermittler in der Regel nicht. Oftmals sind unterschiedliche Dienststellen und Kommissariate, mit einem Strafttäter befasst, ohne voneinander zu wissen.


Positive Auswirkungen


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»Normalerweise kommt die ­Polizei immer dann, wenn was passiert ist - wir werden schon im Vorfeld tätig. Wir verhindern Straftaten, und das macht ­unsere Arbeit so sinnvoll.«

Das Team um Kriminalhauptkommissar Jürgen Metz hingegen ermittelt personenbezogen, stellt den Täter, nicht die Taten in den Mittelpunkt. Häufige Straffälligkeit allein reicht noch nicht aus, um in der Intensivttäter-Kartei der PG MITTE zu landen. Es kommt auch auf die Qualität der Straftaten an und darauf, wie sie sich mit der Biografie des Straftäters verknüpfen.

»In den langen Jahren meiner Polizeiarbeit,« sagt Jürgen Metz, »habe ich noch keinen erlebt, der sagt, so, ich möchte jetzt Drogen nehmen, ich möchte jetzt Dealen und ich möchte jetzt Einbrechen gehen. Dazu kommt man irgendwie, durch die Vita, die Umstände, die Menschen, die einen prägen. Keine Frage, wenn einer im großen Stil mit Drogen dealt, oder einer Oma die Handtasche klaut, dann sind das sozial schädliche Straftaten und da können wir als Polizeibeamte nicht zuschauen. Aber die Lebensgeschichte eines Straftäters, das Wissen um Hintergründe, die ihn dazu bringen das Gesetz zu brechen, helfen uns dabei, mit einem ganz individuellen Maßnahmenpaket gegenzusteuern. Schema F. - die sind böse, und die muss man alle einsperren - das funktioniert nicht. Ein sehr viel sensibleres, sehr individuelles Vorgehen ist zielführend, das zeigen unsere Erfolge.«

Und die haben auch Polizeipräsident Karl-Heinz Weber überzeugt. »Wir sind auf dem richtigen Weg,« sagt er, »denn der Erfolg dieses Bekämpfungsansatzes spiegelt sich in konkreten Zahlen«. Schon im ersten Jahr des Bestehens der Intensivtäter-Einheit verzeichnete die polizeiliche Kriminalitätsstatistik bei PKW-Aufbrüchen einen Rückgang um mehr als 40%. Auch Raubdelikte und andere Formen der Straßenkriminalität, seien spürbar zurückgegangen. Außerdem habe sich die Zusammenarbeit mit Behörden, Gerichten, Staatsanwaltschaft, Therapieeinrichtungen oder Haftanstalten deutlich verbessert und letztlich wirke sich die Arbeit der Beamten äußerst positiv auf das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung aus.

Für Patrick N. sind solche Statistiken uninteressant. Im März wurde er aus dem Programm der PG MITTE entlassen, weil er seit mehr als einem halben Jahr keine Straftat mehr begangen hat. Beim Abschlussgespräch weiß er noch nicht so recht, ob er sich freuen soll. »Dann bin ich also raus aus der Pole Position« sagt er, und grinst schief. Auch sein Pate Björn Ephan muss lachen: »Das kann man so sagen, aber das heisst nicht, dass Du uns komplett los bist. Wir gucken trotzdem nach Dir. Ruf uns an, wenn Du in Schwierigkeiten steckst, Hilfe brauchst oder einfach nur einen guten Rat!« Patrick bedankt sich und geht. Frei, aber nicht völlig allein. Seinem Traum vom »ganz normalen Leben«, ist er an diesem Tag ein gutes Stück näher gekommen.

Trudy Magin

Der Film über die Poilzeitruppe wird gesendet:
Mittwoch, 6.4. um 0.35 im ZDF »Paten­schaft für schwere Jungs« (45 Minuten), vorab läuft er schon am Dienstag, 5.4. um 21 Uhr im ZDF-Infokanal