Heft 247 April 2011
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Mainzer Köpfe

Von Ghana über Northeim nach Mainz - im Gepäck:

Hilfe zur Selbsthilfe


Gifty Rosetta Amo-Antwi
Gifty Rosetta Amo-Antwi

Gifty Rosetta Amo-Antwi ist eine schwarze Deutsche. Geboren 1983 in Ghana, lebt sie seit 1988 in Deutschland. »Manche Menschen sagen mir, ich sei zu sensibel, wenn ich als Rassismus empfinde, was andere eigentlich nur gut meinen«, ­erzählt die 28-Jährige. Zum ­Interview kommt sie fast eine Stunde zu spät - ihr erster Satz lautet: »Sie sind doch bestimmt nicht überrascht, denn ich bin ja eine Schwarze.« In unserem Gespräch dreht sich fast alles um »Wie gehen wir mit Menschen um, die anders aussehen« - ein Thema, das schon lange keines mehr sein sollte. Es aber ist. Deutlich werden unterschwellige Rassismen und viele Klischee-Vorstellungen, die wir, die Weißen, von den Schwarzen mit uns herumtragen.

Fünf Jahre war Gifty Rosetta Amo-Antwi alt als sie mit ihrer Mutter und zwei Geschwistern dem als politischer Flüchtling anerkannten Vater nach Deutschland folgte. Im niedersächsischen Northeim lebte die Familie, nahe der 1988 noch vorhandenen innerdeutschen Grenze. »Ich kann mich gut an dieses kindliche Empfinden vom Ende der Welt erinnern - man konnte ja in eine Richtung nicht weiter fahren, deshalb war für mich die Welt dort zu Ende, einfach abgeschnitten, so als falle man an dieser Stelle runter.«

Dass sie anders ist, weil schwarz, fiel Gifty Rosetta Amo-Antwi in ihrer Kindheit nicht so sehr auf - obwohl sie meist die einzige Schwarze in Northeim war. »Ich habe im Orchester Waldhorn gespielt, im Kirchenchor gesungen - die Menschen in meiner Umgebung hatten sich längst an mich gewöhnt, ich war nichts außergewöhnliches, musste keine Fragen beantworten.«

Außerhalb dieser Gemeinschaften von Schule, Kirchengemeinde und deutscher »Zweitfamilie« (die Mutter kehrte nach dem Tod des Vaters nach Ghana zurück) gab es durchaus »eigenartige« Erlebnisse: Im Supermarkt passte das Personal genau auf, weil es davon ausging, dass die schwarze Familie klaut, dem »armen schwarzen Mädchen« wurde häufiger Geld zugesteckt .

»Vieles ist wohl gut gemeint, aber im Laufe der Jahre habe ich hinter diesem ,Gutmeinen' ein Schema entdeckt, das herabsetzt, das rassistisches Verhalten kaschiert.« Diese »Entdeckung« war ein Auslöser für ihre bewusste Auseinandersetzung mit Rassismus.


»Sie können aber fein rechnen!«


Seit 2001 hat Gifty Rosetta Amo-Antwi die deutsche Staatsbürgerschaft, seit 2003 lebt sie in Mainz, studiert an der Mainzer Uni Ethnologie, Politik und Soziologie. Ihre Magisterarbeit dreht sich um »die Entwicklung von Coupé Decale«, eine Musikrichtung der Elfenbeinküste.

Im »Weltladen Unterwegs« in der Christofsstraße hat die schwarze Deutsche eine halbe Stelle als Bildungsreferentin für Schulen, organisiert außerdem den Lebensmitteleinkauf, arbeitet ehrenamtlich im Verkauf der fair gehandelten Waren und im »Entwicklungspolitischen Landesnetzwerk Rheinland-Pfalz« (ELAN) als Multiplikatorin.

Mit 15 Jahren begann die 28-Jährige im Northeimer Weltladen zu arbeiten, angeregt vom Diakon der Kirchengemeinde. Die Beschäftigung mit anderen Ländern ist für sie selbstverständlich - nicht nur aufgrund ihrer Biographie. »Ich bin im Grunde sehr hilfsbereit, auch schon lange politisch interessiert und der Ansatz, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, der für den »Fairen Handel« bestimmend ist, den finde ich gut.« In Mainz war deshalb der Weg in den »Weltladen Unterwegs« fast selbstverständlich. Doch selbst dort, wo fair gehandelte Waren auch die Botschaft einer weltweiten Gesellschaft von gleichen Rechten für alle Menschen transportieren, wird Gifty Rosetta Amo-Antwi mit Rassismus konfrontiert: »Wenn mir eine Kundin sagt, ich könne aber fein rechnen, das lerne man in Deutschland bestimmt schnell - dann steckt doch hinter dieser Aussage die Annahme, dass Schwarze nicht rechnen können, oder?«

Es bleibe ihr angesichts solcher Erlebnisse gar nichts anderes übrig, als rassistischen Verhaltensweisen hinterher zu spüren, sich gegen sie zu wehren. Einmal angefangen damit, kann diese Auseinandersetzung nicht einfach wieder zu den Akten gelegt werden: »Das Thema ist ein Lebens- und Leidensthema, das habe ich akzeptiert.« Darauf einwirken, dass unterschwellige Rassismen erkannt und abgebaut werden, ist eines der Anliegen von Gifty Rosetta Amo-Antwi, sowohl privat als auch beruflich: Anti-Rassis­mus­training mit Weltladenmitarbeiterinnen, entwicklungspolitische Bildungsarbeit in Schulen - auch dabei muss sie immer wieder die Frage beantworten, wo sie herkommt.


Eine Frage, die, mit Verlaub, doch eigentlich Interesse an dem Menschen, der Person, signalisiert, oder?


»Ja klar, im persönlichen Gespräch, da habe ich gar keine Probleme mit dieser Frage, aber doch nicht von wildfremden Menschen an der Bushaltestelle, oder im Supermarkt - die fragen mich doch nur, weil ich schwarz bin. Das ist distanz- und respektlos« antwortet die 28-Jährige empört und fragt dann: »Würden Sie fremde, weiße Menschen einfach ansprechen und fragen, wo sie herkommen?«

Nein, das würde ich nicht, das verbietet mir der weit verbreitete Höflichkeitskodex. Der zu gelten hat für alle Menschen, egal welche Hautfarbe sie mit sich herumtragen und mit welchem Akzent ihr Deutsch gefärbt ist.

Im Januar war Gifty Rosetta Amo-Antwi wieder einmal in Ghana, besuchte unter anderem ihre Mutter. Kann sie sich vorstellen, in diesem Land, in dem sie geboren wurde, zu leben? »Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Aber ich kenne mich in Deutschland viel besser aus, hier leben meine Freunde - ich habe eine ziemlich deutsche Kindheit und Jugend verbracht, bin sehr deutsch geprägt - in Ghana gehöre ich nicht dazu.« Sie fühle sich zuerst als Niedersächsin, dann als Mainzerin und dazwischen immer als Ghanaerin.

SoS

Info:
Der Weltladen Unterwegs veranstaltet am 14. April in der Buchbar Lomo (Ballplatz 2 in Mainz) eine ­Lesung: »Vom Ganges zum Rhein« Anant Kumar liest aus seinen Werken.