Heft 247 April 2011
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Kult

Die ARD-Sportschau wird Fünfzig:

Samstägliche Pflichtübung für Jung und Alt


sportschau

Samstag, 18 Uhr. Die ganze Familie schart sich vor dem Fernseher, um gebannt die packende Zusammenfassung der Fußballspiele vom Nachmittag in der ARD-Sportschau zu verfolgen. Ein Bild aus vergangenen Tagen? Längst überholt in unseren modernen Zeiten von Premiere und Sky? DER MAINZER wollte es genauer wissen: Gehört die Sportschau mit 50 Jahren langsam zum alten Eisen oder ist sie weiterhin bei den Mainzern angesagt? Die Zahlen sprechen jedenfalls eine eindeutige Sprache - die Sportschau lockt am Wochenende noch immer regelmäßig Millionen Zuschauer vor den Bildschirm.

Vor allem bei den U-30 Leuten genießt die Sportschau einen regelrechten Kultstatus. Für Björn, 25 Jahre, ist die Sportschau »das Beste was es gibt, sie gehört einfach zum Alltag.« Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er zuvor meist durch Sky ein Spiel live gesehen hat. Darauf verzichten will auch Mark, 26 Jahre, trotz Sky, keineswegs: »Wenn meine Mannschaft gewonnen hat, dann versuche ich sogar meine Termine umzulegen, damit ich die Sportschau sehen kann.« Soweit würden Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts zwar nicht gehen, aber entgegen aller Vorurteile zählen zu den Sportschau-Fans auch viele Frauen, die oft durch ihren Partner die Liebe und Leidenschaft zum Fußball und somit auch zur Sportschau entdeckt haben.

Einig sind sich alle Befragten, dass das Konzept der ausführlichen und informativen Spielberichterstattung kaum verbesserungswürdig ist.

Aber auch die älteren Semester können sich immer noch für die Sportschau begeistern und denken gern an die Anfänge zurück. Als die Sportschau am 04. Juni 1961, damals noch um 17.45 Uhr, zum ersten Mal über den Bildschirm flimmerte, stand allerdings noch nicht Fußball im Mittelpunkt. Die Moderatoren der ersten Stunde, Ernst Huberty, Adi Furler und Werner Adler beschäftigten sich eher mit Randsportarten wie »Radfahren Querfeldein«, »Motor- und Pferdesport« oder »Kanupolo«, getreu dem Motto: »Dabei sein ist alles«. Mehr als 50 Sportarten wurden von über 20 Moderatoren dem Zuschauer zu Hause näher gebracht. Zu den berühmtesten Gesichtern der ersten Hälfte der Sportschau zählten, neben dem Mr. Sportschau Werner Zimmer, die Herren Rauschenbach und Faßbender. Letztgenannten verbinden die meisten noch mit der wohl bekanntesten Begrüßungsfloskel des deutschen Fernsehens. Spätestens bei seinem »Guten Abend allerseits« saßen alle Sportbegeisterten auf der Couch. Ende der 90-er durchbrach mit Ines Riedel die erste Frau die Männerriege, es folgten Anne Will und Monica Lierhaus.


Kuriositäten am laufenden Band


Mit der Gründung der Bundesliga 1963 rückte das Thema Fußball immer mehr in den Blickpunkt der Sportreportagen.

Ein Meilenstein gelang der Sportschau 1971 durch die Erfindung der Mutter aller Zuschauer-Votings: Dem Tor des Monats. Insgesamt wurden bis zum heutigen Tag über 435 Torjäger damit ausgezeichnet. Unter dem Publikum rief es eine unglaublich hohe Resonanz hervor, die Postkarten wurden säckeweise ins Studio gekarrt. Herausragend Klaus Fischers Fallrückzieher von 1977, welcher als Jahrhunderttor in die Geschichtsbücher einging. Ebenfalls noch lange in Erinnerung bleiben wird das 61 Meter-Tor von Michael Stahl aus dem vergangenen Jahr.

Heute steht die Sportschau aber auch vor allem am Wochenende für lange Übertragungen von Livesport. Dieter, 67 Jahre, ist ein begeisterter Wintersportler und fiebert nicht nur bei Olympia oder Weltmeisterschaften mit den Ski-Stars mit.

Bei einem halben Jahrhundert Live-Berichterstattung ist es nicht allzu verwunderlich, dass etliche Sendungen mit Kuriositäten gespickt sind. Unvergessen die Moderation von Eberhard Stanjek, der sich 1982 weigerte das Vorrundenspiel Deutschland gegen Österreich weiter zu kommentieren, das als Schande von Gijon betitelt wurde.

Für heftiges Schmunzeln sorgte die »Weizenbier-Attacke« von Rudi Völler gegen Waldemar Hartmann aus dem Jahr 2003. Angesprochen auf das schlechte Spiel der deutschen Mannschaft steigerte sich Völler in eine wütende Rede hinein und ließ seinen Frust vor laufender Kamera am Moderator aus. Genau genommen war Völler damit der erste »Wutbürger« und wahrscheinlich ein ideales Vorbild für alle Schwaben gewesen. Für Waldemar Hartmann hatte das Ganze mit einer Weizenbier-Werbung einen positiven Nebeneffekt.

Aber die Sportschau hat auch schwere Zeiten hinter sich. Besonders hart waren die knapp zehn Jahre ab 1993, in denen die privaten Fernsehsender die Rechte der Fußballbundesliga und damit das Herzstück der Sportschau inne hatten. Die ARD konnte deshalb nur Fotos und Ergebnisgrafiken zeigen. Als der Fußball 2003 zurück in die Sportschau kehrte, brach ein neues Zeitalter in der ARD an. Die Kommentierung wurde euphorischer und emotionaler, bedingt durch den Fortschritt der Technik, den vielen Kameras und Perspektiven.

Um die Zukunft muss man sich bei der Sportschau jedenfalls keine Sorgen machen. Wer so hartnäckig im Geschäft bleibt, wird auch die nächsten 50 Jahre mit Bravour meistern. Fußball wird zwar immer die Nummer 1 bleiben, aber dank der Sportschau werden auch weniger populäre Sportereignisse gewürdigt.

Stefanie Gundel