Heft 247 April 2011
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Aktionswoche

Meistens ein Etikettenschwindel

Bekleidung Made in Germany?


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»Sweat-Shops« werden Fabriken in »Entwicklungsländern« genannt, in denen Menschen unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten: Minimale Löhne, unglaublich lange Arbeitszeiten, kein Kündigungsschutz, . Dieses Foto zeigt eine Näherei auf den Philippinen.

»Geiz ist geil.« Den Slogan kennt inzwischen jeder Deutsche. Ist ja auch nichts schlechtes, seinen Geldbeutel zu schonen. Das Problem ist nur, dass sich viele gar nicht darüber im Klaren sind, woran sie sparen. Denn die Unternehmen sind selten diejenigen, bei denen tatsächlich weniger auf dem Konto landet. »Das Ziel unserer Aktionswoche ist es, die Menschen dafür zu sensibilisieren, unter welchen Umständen ihre Kleidung produziert wird«, erklärt ­Dominic Kloos, Mitinitiator der Veranstaltung »Ethical Fashion«, die vom 2. bis zum 9. Mai in Mainz stattfindet.

Kloos ist voll im Thema. Der Politikwissenschaftler arbeitet heute für pax christi Limburg und war vorher beim Südwind-Institut tätig, wo er sich mit Globalisierungsfragen insbesondere in der Bekleidungsindustrie beschäftigt hat. Heute hält er Vorträge und gestaltet Events - wie eben die Aktionswoche in Mainz. »Deutschland ist Weltmeister im Textilverbrauch«, macht Kloos klar. »Mit 28 Kilogramm Textilien liegt unser Konsum weit über dem weltweiten Durchschnitt von acht Kilo.«

Was für diese 28 Kilo pro Deutschem investiert wird, wissen nur wenige. Das Geld, das man für eine einzige Jeans bezahlt, geht zu 50 Prozent an den Einzelhandel, zu 27 Prozent an die Marke, zehn Prozent entfallen auf Transport und Importsteuer, zwölf Prozent gehen für Material und die Fabrik drauf. Der Arbeiter, der die Hose produziert hat, bekommt etwa ein Prozent von dem, was die Jeans bei uns im Laden kostet.

»Circa 30 Millionen Menschen arbeiten formell in dieser Industrie. Ohne Arbeitsvertrag beträgt die Zahl vermutlich zwischen 150 und 250 Millionen. Mehr als zwei Drittel davon sind übrigens Frau­en«, erläutert Kloos.

8.000 Liter Wasser für eine Jeans

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»Sweat-Shops« werden Fabriken in »Entwicklungsländern« genannt, in denen Menschen unter ausbeuterischen Bedingungen arbeiten: Minimale Löhne, unglaublich lange Arbeitszeiten, kein Kündigungsschutz, . Dieses Foto zeigt eine Näherei auf den Philippinen.

Die von pax christi Limburg ins Leben gerufene Projektgruppe »Global bewegt« will aber auf alle sozialen und ökologischen Probleme in der Textilkette aufmerksam machen. »Es geht nicht nur um die völlig überarbeiteten und unterbezahlten Näherinnen«, so Kloos. »Die Schwierigkeiten fangen doch schon bei den Baumwollpflanzungen an. Alleine die Herstellung einer Jeans verbraucht insgesamt 8.000 Liter Wasser. Der Aralsee in Zentralasien, früher der viertgrößte Binnensee der Welt, ist in den letzten Jahrzehnten um 85 Prozent geschrumpft. Außerdem sind in den 1990ern jährlich bis zu 40.000 Menschen auf den Baumwoll- feldern wegen der Pestizide ­gestorben.«

Die jährlich circa 25 Millionen Tonnen Baumwolle werden nicht selten von Kindern geerntet, beispielsweise in Tadschikistan, wo Baumwolle das zweitwichtigste Exportgut ist. Sind die Fasern gesäubert, gefärbt und gesponnen, wird der Stoff rund um die Erde verschickt - im Extremfall werden bis zur Fertigstellung eines Bekleidungsstücks Entfernungen bis zu 50.000 Kilometer zurückgelegt. Etwa 40 Prozent der Kleidung weltweit werden heutzutage in China hergestellt. »Auch wenn mal ,Made in Germany' draufsteht, heißt das nicht, dass die Klamotte wirklich komplett in Deutschland hergestellt wurde«, erklärt Kloos. »Manchmal wird hier auch nur das Label aufgenäht. Ohnehin gibt es in Deutschland keine Verpflichtung zur Nennung des Herkunftslandes für Textilien.«

Was dann folgt, ist für uns Deutsche nahezu unverständlich. Chinesische Arbeiterinnen arbeiten 12-14 Stunden an 6-7 Tagen in der Woche, im krassesten Fall auch mal 24 Stunden, bekommen einen Hungerlohn, werden teilweise sexuell belästigt und haben nicht einmal eine unabhängige Gewerkschaft. Wobei man sagen muss: In China geht es für die Näherinnen bergauf. Sie haben Lohnerhöhungen von über 20 Prozent durchgesetzt. Grund genug für die Branche sich andere Partner zu suchen: In Bangladesch verdienen die Kolleginnen zur Zeit 32 Euro im Monat. Geiz ist vielleicht eben doch nicht so geil.
www.pax-christi.de

Daniela Tratschitt

Infos

Aktionswoche »Ethical Fashion - Sozial-ökologische Standards in der globalen Textilkette«

Die Aktionswoche startet am 2. Mai in den Räumen der Universität und der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG). Los geht es mit der Vernissage zur Ausstellung »Made In - Made By« in der KHG-Kirche St. Albertus (Saarstr. 20) um 18 Uhr - zusätzlich findet eine Modenschau der Mainzer Weltläden statt. Wer noch mehr über die Ausstellung wissen will, hat dazu bei einer der Führungen dienstags und donnerstags mit Dominic Kloos und mittwochs mit einer Weltladen-Vertreterin die Möglichkeit.

Am Dienstag (3.5., 19 Uhr) wird bei einer Podiumsdiskussion im Senatssaal der Uni intensiver auf das Thema eingegangen. Nach einem Vortrag der Autorin Dr. Kirsten Brodde stehen unter anderem Christiane Schnura (Kampagne für Saubere Kleidung) und Alexandra Perschau (Pestizid Aktionsnetzwerk) für Fragen zur Verfügung.

Am Mittwoch wird im Kulturcafé auf dem Uni-Campus die Dokumentation »China Blue« gezeigt. Der Film über die Schattenseiten des boomenden Kapitalismus in der Volksrepublik begleitet die junge Näherin Jasmin und zeigt ihre Arbeitswirklichkeit.

Außerdem findet in der KHG eine Kleidertauschaktion statt. Die Klamotten dafür können von Montag bis Donnerstag 12 bis 14 Uhr gegen Bons eingetauscht werden, die dann am Donnerstag zwischen 16.30 und 18.30 Uhr gegen »neue« alte Sachen eingetauscht werden können. Am Montag, 9.5., also ein wenig außerhalb der Reihe, findet in der Uni zusätzlich ein Training zu politischen Aktionstheater statt.

Träger der Aktionswoche sind die Projektgruppe »Global bewegt!« sind: pax christi Limburg und Mainz, KHG und ESG Mainz und Frankfurt, die Organisationen MATI und Junge Menschen für Afrika, das Referat Weltmission Bistum Mainz, IG Metall Mainz-Worms und Frankfurt, der Weltladen KHG Mainz, der Weltladen Unterwegs, der DGB Rheinhessen-Nahe und die Hochschulgruppe Kritische Geographie.