Heft 245 März 2011
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Titelstory

Wirtschaftsdezernent Christopher Sitte:

»Wir dürfen uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen«


Christopher Sitte

Erst knapp drei Monate im Amt, dürfte Christopher Sitte gelingen, worum sich sein Vorgänger als Wirtschaftsdezernent vergebens bemühte: Die Umgestaltung der Ludwigstraße und damit die Lücke im bestehenden Tripol-Konzept zu schließen. Im Gespräch mit dem MAINZER erläuterte der Dezernent für Wirtschaft, Liegenschaften, Ordnung, Kongresse und Tourismus darüber hinaus, wie Tourismus-Förderung und Stärkung des Einzelhandels zusammen hängen und warum ein Weinstand der »Hauptstadt des Deutschen Weins« gut zu Gesicht stehen würde.

Anlässlich seiner Wahl hatte Christopher Sitte angekündigt, er stehe für Kontinuität und Berechenbarkeit. Am 8. März sind die ersten drei Amtsmonate vorüber. Viele Antrittsbesuche hat Christopher Sitte seither hinter sich gebracht und erste Weichen gestellt. Seine langjährigen Kenntnisse und Erfahrungen als Fraktionsvorsitzender der FDP im Mainzer Stadtrat haben den Einstieg in die Dezernenten-Arbeit sicher ebenso befördert, wie die Tatsache, dass sein Amtsvorgänger Franz Ringhoffer ebenfalls ein Liberaler ist. Das 14. Einzelhandelsmonitoring vom Oktober 2010 zeigte, dass sich der Mainzer Einzelhandel trotz der Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise stabil entwickelt. »Die Entwicklungen sind in der Tat positiv, aber wir dürfen und werden uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen«, unterstreicht Sitte.

Die Aufwertung der Ludwigstraße ist zurzeit einer der Aufgabenschwerpunkte des Wirtschaftsdezernenten. Ein Projekt, das den Stadtplanern, Wirtschaftsförderern und den Mainzer Politikern schon lange unter den Nägeln brennt. Ein Projekt, das ohne die Rettung des Karstadt-Konzerns und der Entscheidung, den Standort in Mainz zu halten, aber nicht vorankommen konnte. Die Entscheidung für den Standort ist gefallen, drei Projektentwickler bewerben sich um den Zuschlag.

»Die Ludwigstraße hat ein großes Potential, sie kann sich zu einem Magneten für den innerstädtischen Einzelhandel entwickeln«, ist Christopher Sitte überzeugt und nennt als Zielvorgabe: »Wir wollen zusätzliche Kaufkraft in die Stadt holen, nicht die vorhandene Kaufkraft umverteilen.« Erfahrungen aus anderen Städten zeigten, dass eine attraktive Einkaufspassage den Kaufkraftzufluss stärke und mehr Käufer aus dem gesamten Umland in die Innenstadt locke. »Der bestehende Einzelhandel profitiert von dieser Attraktivitätssteigerung«, hat Sitte u.a. bei einem Besuch in Karlsruhe erfahren.

Noch vor einer Entscheidung, welcher Projektentwickler den Zuschlag erhalte, müssten die Grund­lagen für die Umgestaltung durch Gutachten untersucht werden: »Wie viel Fläche muss ein solches Einkaufszentrum mindestens haben, damit es sich wirtschaftlich trägt, wie groß darf es maximal sein, um den innerstädtischen Einzelhandel nicht zu gefährden«, nennt Sitte Kriterien. Hinzu kommen städtebauliche Gesichtspunkte (»die Pavillons passen nicht mehr ins Stadtbild, die Blickbeziehungen zum Dom müssen erhalten bleiben«), die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung in diesem Bereich und zusätzliche Markenangebote, die es bislang in der Stadt noch nicht gebe: Der Dezernent weiß: »Die Kundschaft wünscht sich insbesondere im Textilbereich mehr attraktive Markenangebote.«

Politische Rückendeckung für das Vorhaben, in der Ludwigstraße ein Einkaufszentrum mit Passage anzusiedeln und zu realisieren, sagte die Ampelkoalition in einem gemeinsamen Antrag im Februar der Verwaltung zu. Daten über die Entwicklung von Kundenströmen aus Städten, die vergleichbare Einkaufspassagen realisiert haben, sollen eingeholt und in den zuständigen Fachausschüssen präsentiert werden, wobei Sitte klarstellt: »Bestandteil dieses Prozesses ist natürlich auch die rechtzeitige und umfassende Bürgerbeteiligung.«

Bündelung von Maßnahmen und Aktivitäten

Die Lu

Als Dezernent ist Christopher Sitte auch für Tourismus zuständig und sieht in diesem Bereich ebenfalls Potentiale für den Mainzer Einzelhandel: »Sowohl von Kongressbesuchern als auch von Wochenendtouristen profitieren nicht nur Hotels und Gaststätten sondern auch die Warenhäuser und Geschäfte.« Wobei insbesondere der Wochenendtourismus ausgeweitet werden könne: »Es muss gelingen die Mainz-typischen Feste besser zu vermarkten und den Reiseveranstaltern zum Beispiel attraktive Komplettpakete für Fastnachtssitzungen oder die Johannisnacht anzubieten.«

Gleichzeitig kennt der Dezernent die altbekannten »Baustellen« wie Anfahrtsprobleme für Reisebusse und die teils unübersichtliche Wegführung für Touristen: »Es gilt zu prüfen, ob weitere Busparkplätze möglich sind, ob die Beschilderung vom Rheinufer in Richtung Altstadt ergänzt werden muss.« Auch das gastronomische Angebot am Wochenende, vor allem sonntags um die Mittagszeit, ließe sich verbessern, weiß der Dezernent. So könnten durchaus vermehrt Gäste des ZDF-Fernsehgartens in den Sommermonaten zu einem Besuch der Mainzer Innenstadt animiert werden.

Neue Möglichkeiten, die Marketing- und Vermarktungsaktivitäten zu bündeln und effizienter zu gestalten sieht der Dezernent in der Zentralen Beteiligungsgesellschaft Mainz: Die direkte Verzahnung von Congress- und Touristik Centrale, dazu noch die Zusammenarbeit mit der Frankfurter Hof Verwaltungsgesellschaft erleichtere passgenaue Angebote für Touristen zu machen. Einen stärkeren Stellenwert als Marketinginstrument will Sitte dem Wein einräumen: »Mainz gehört zu den ,great wine capitals', das eröffnet uns noch viele Möglichkeiten, auch um mehr Touristen in die Stadt zu bringen.«

Sitte verweist auf das Mainzer Marktfrühstück, das von Einheimischen wie Gästen gut angenommen werde. Auch möchte er das Angebot der Mainzer Winzer, am Rheinufer einen Weinstand einzurichten, aufgreifen: »Es kann doch nicht sein, dass wir als Weinhauptstadt Deutschlands keinen Weinstand haben.« Der von den Winzern vorgeschlagene Standort am Fischtor müsse unvoreingenommen geprüft werden: » Wenn es dort gesittet und ruhig zugeht, müssten die Interessen von Anwohnern und Besuchern in Einklang zu bringen sein«, gibt sich der Dezernent optimistisch.

ZENTREN- UND TRIPOLKONZEPT

Das so genannte Tripol-Konzept geht auf den »Rahmenplan Einzelhandel « für die Mainzer Innenstadt von Albert Speer & Partner von 2003 zurück und wird im GFK-Prisma-Gutachten von 2003 unterstützt (Quelle: Zentrenkonzept Einzelhandel« der Stadt Mainz von 2005). Vorgeschlagen wird, nach dem Umbau des Hauptbahnhofs zu einem Reise- und Einkaufszentrum, »eine weitere Konzentrationsstufe als Herz der City anzustreben, indem ein tripoliger Bereich zwischen Ludwigsstraße, Stadthausstraße und Brandzentrum besonders herausgehoben wird.« Die prägenden Einzelhandelsbetriebe mit Magnetfunktion, im wesentlichen Einkaufszentren

oder - galerien und Kauf- und Warenhäuser sowie große Fachgeschäfte sollten in den Bereich Brand, Römerpassage und Karstadt gelenkt werden. Um eine »innovative Attraktivitätssteigerung für das Oberzentrum Mainz und speziell für die City zu erzeugen «, wird im Zentrenkonzept ein innerstädtisches Einkaufszentrum vorgeschlagen. Die Fläche südlich der Ludwigstraße zwischen Weißliliengasse und Gutenbergplatz/Bischofsplatz stelle den »optimalen Standort für dieses Einkaufszentrum « dar. Im vergangenen Dezember hatte das Land 400.000 Euro Fördermittel für das Projekt Karstadt- Sanierung und damit der Umgestaltung der »Lu« bewilligt.



SoS