Heft 245 Februar 2011
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Telefon-Seelsorge

Ökumenische Kooperation auf beiden Rheinseiten

Ratsuchenden »Raum geben«


Martina Patenge
Martina Patenge hört sich seit fast drei Jahrzehnten die Ängste und Nöte der Menschen an.

Was tun, wenn man sich in einer Krise befindet, sich alleine fühlt und niemanden zum Reden hat? Bei der TelefonSeelsorge Mainz-Wiesbaden gibt es die Möglichkeit, sich anonym in einem Gespräch einem Menschen anzuvertrauen, und das Tag und Nacht, an 365 Tagen im Jahr.

Die Einrichtung wurde 1973 gegründet und gehört damit zur zweiten Generation von TelefonSeelsorge-Stellen in Deutschland. Sie entstand aus unabhängigen Initiativen der Landeshauptstädte: In Mainz war es die Glaubensinformation der Karmeliterpatres, in Wiesbaden der evangelische Dekanatsverband und der katholische Stadtdekan.

Ein Trägerverein ermöglichte die ökumenische Kooperation links und rechts des Rheins, die abwechselnd den Service mit 90 Ehren- und sechs Hauptamtlichen anbietet.

DER MAINZER sprach mit der katholischen Theologin und Pastoralreferentin Martina Patenge, die seit 29 Jahren für die Mainzer TelefonSeelsorge arbeitet und zum Leitungsteam gehört, über das Beratungs- und Gesprächsangebot.

fragezeichen Frau Patenge, das nasskalte Wetter und die Dunkelheit in den ersten Monaten des Jahres schlägt vielen Menschen aufs Gemüt. Hat die TelefonSeelsorge derzeit mehr zu tun als etwa im Frühling oder Sommer?


Nein, wir konnten noch nie einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von Anrufen und bestimmten Monaten feststellen. Kummer und Depressionen halten sich nicht an Wetter oder Jahreszeiten. Da kann es den blausten Himmel geben am ersten Mai und trotzdem rufen uns ganz viele Menschen an, die Hilfe suchen und sich mitteilen möchten.

Jedoch merken wir zwischen Weihnachten und Neujahr oder an Ostern und Pfingsten eine stärkere Nutzung unserer Beratung, also immer, wenn mehrere Feiertage hintereinander liegen. Dann kommt die Familie zusammen und es entsteht Streit oder Enttäuschungen machen sich breit, weil Erwartungen nicht erfüllt wurden.

fragezeichen Welche Menschen melden sich bei Ihnen am häufigsten und um welche Themen geht es in den Gesprächen schwerpunktmäßig?


Die unter 20-Jährigen sind mit 9,5 Prozent die größte Gruppe. Die Verteilung der Geschlechter unter den Anrufern insgesamt ist eindeutig. Ungefähr 66 Prozent sind weiblich und 31 Prozent männlich. Die Zahl der Männer ist in den vergangen Jahren gestiegen und ihre Probleme unterscheiden sich nicht von denen der Frauen.

So stehen bei allen Themen rund um die Partnerschaft und Partnersuche an oberster Stelle, und außerdem wie man in Beziehungen lebt, das heißt, mit Kollegen, Freunden oder innerhalb der Familie, aber auch wie gehe ich mit mir als Person um. Danach folgen psychische Erkrankungen wie Süchte und Depressionen, Psychosen und Essstörungen. Manchmal ist das Problem der Anrufer aber noch gar nicht klar.

Oft geht es darum, dass die Seele angeschlagen ist, Belastungen und Störungen werden geäußert, also nicht unbedingt signifikante Krankheiten, die einen Namen haben. Grundsätzlich geben wir allen Ratsuchenden im Gespräch ganz viel »Raum«, damit sie sich öffnen und machen ihnen Mut, dass sie mit uns über alles reden können.

fragezeichen Die Telefon-Seelsorge hat ihre Erreichbarkeit und das Beratungsangebot erweitert. Wie sieht dieses aus?


Für 2009 haben wir 13.581 Gespräche registriert, über 2 000 mehr als 2008. Damit noch mehr Menschen unsere telefonische Beratung wahrnehmen können, wurde vorletztes Jahr eine Kooperation mit den Telefonseelsorgestellen in Darmstadt und Kaiserslautern vereinbart, die Anrufe entgegennehmen, wenn die Leitungen in Mainz oder Wiesbaden besetzt sind.

Zudem haben wir gemerkt, dass viele Menschen, insbesondere solche in suizidalen Situationen, auch gerne ein persönliches Gespräch führen möchten. Dieses findet in den Räumen unserer beiden Geschäftstellen statt und wendet sich an erwachsene Einzelpersonen und Paare. Da wir eine Kriseneinrichtung sind, können Termine dafür kurzfristig vereinbart werden. Im Jahr 2009 haben dies 121 Frauen und 57 Männer wahrgenommen und es kam insgesamt zu 1028 Gesprächen.

Auf unserer Website bieten wir an, sich für einen Privat-Chat und eine Mailberatung anzumelden, ohne dass die Adresse des Ratsuchenden gefordert ist. Diese beiden Formen der Seelsorge werden genauso anonym und vertraulich behandelt wie die telefonische Beratung. Chat- und Maildienst werden momentan von ganz bestimmten Stellen in Deutschland übernommen, denn trotz der bundesweit 105 Telefonseelsorgen gibt es nur etwa 40 Einrichtungen, die Mailberatungen übernehmen. Für den Chat sind dies noch weniger.

Daher werden Anmeldungen dafür über eine Zentrale in Berlin verteilt. Wir sind mit unseren Mitarbeitern im Chat zwar noch nicht aktiv, aber die Mailseelsorge betreuen wir bereits teilweise mit und wollen diesen Bereich stärker ausbauen. Dennoch, das Telefon wird von allen Angeboten immer noch am meisten genutzt und ist im Übrigen für die Ratsuchenden immer kostenfrei.

KH

Telefonhotline:

0800 / 111 0 111
0800 / 111 0 222
Vereinbarung von persönlichen Gesprächsterminen:
Tel. 06131 / 220511
Fax 06131 / 232673
E-Mail: info@telefonseelsorge-mz-wi.de
Internet: www.telefonseelsorge-mz-wi.de