Heft 245 Februar 2011
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Patenschaft

Leonie Feldmann:

Die »große Schwester« aus Mainz


Leonie im Haus ihres »Patenkinds« Lovely
Leonie im Haus ihres »Patenkinds« Lovely (links). Hier wohnen auch Lovelys ältere Schwester und ihre jüngeren Brüder.

Es ist das beste Haus am Platz: gut befestigt, sauber, groß, mit Strom und Wasser. Das mag sich für uns nicht nach viel anhören, aber auf den Philippinen ist das eine ganze Menge. Vor allem, wenn es nicht die Heimstatt ausländischer Zuwanderer oder inländischer Erfolgsmenschen ist, sondern die von armen Kindern. Das Waisenhaus in Pandi Bulacan ist ein Ort, an dem Mädchen behütet aufwachsen können, an dem sie genügend zu essen bekommen und an dem sichergestellt wird, dass sie in die Schule gehen können. Alles Dinge, die für viele Kinder in dem südostasiatischen Inselstaat nicht zur normalen Kindheit gehören.

»Viele Familien auf den Philippinen teilen sich die Menge an Reis pro Tag, die bei uns zwei Portionen ergeben«, erklärt Leonie Feldmann. »Bei uns gab es einen Teller Reis für jedes Kind und dazu einen kleinen mit Beilagen: Fleisch, Fisch oder Gemüse.« Die 19-Jährige hat sechs Monate in Pandi Bulacan gelebt, gearbeitet und gegessen. Sie ist nach ihrem Abitur auf die Philippinen geflogen, um dort in dem Waisenhaus zu helfen. »Das Haus wurde von der Rene-Pedrozo-Hilfe erbaut, einem Bret­zenheimer Verein, dem meine Fa­mi­lie und ich schon lange Zeit angehören.« Zu ihrer Firmung bekam Leonie statt eines großen Geschenks eine Patenschaft.

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Neue Schulranzen und Federmäppchen machen den Schulbesuch zur Freude. Der Besuch von »Ate Leonie« - Große Schwester Leonie - auch.

So startete der Kontakt auf die Philippinen. »Lovely war damals in meinem Alter und meine Eltern fanden es eine tolle Idee, mir sozusagen eine weitere Schwester zu ,schenken'«. Über die Jahre hinweg bekam die Mainzerin viele Briefe ihres Patenkindes. »Allerdings hab' ich erst als ich da war, eine echte Beziehung zu Lovely aufgebaut. Sie ist in den sechs Monaten zu einer guten Freundin geworden.« Seitdem schreiben sich die beiden noch mehr, verschicken Fotos und Mails. »Ohne sie hätte mir in Pandi Bulacan etwas gefehlt.« Wobei es Leonie bestimmt nicht an Zuneigung gefehlt hat. »Die ersten Tage waren zwar komisch«, lacht sie. »Aber nachdem sich die Mädchen an mich gewöhnt hatten, ging es richtig los. Wir waren unzertrennlich und ich sechs Monate große Schwester, Teilzeit-Hausmutter, Sanitäterin, Musiklehrerin und Basteltante.« Die letzten drei Jobs hat sie Mitbringseln aus Deutschland zu verdanken. »Ich habe zwei Jahre mit der Planung der Reise verbracht und mir eine Packliste geschrieben«, erinnert sich Leonie. »Und vieles wieder gestrichen. Ich durfte für die sechs Monate nur 20 Kilo Gepäck mitnehmen. Reiseapotheke, Noten und Bastelmaterialien sollten aber auf jeden Fall mit.

Man muss ja auch was bieten können.« Das hat Leonie anscheinend spielend geschafft. Sogar ein bisschen Tagalog hat die Abiturientin gelernt. »Danke, also Salamat, war mein erstes Wort.«

Hilfe aus einem Mainzer Wohnzimmer

Leonie Feldmann mit Crisologo
und Carmelita Pedrozo
Leonie Feldmann mit Crisologo und Carmelita Pedrozo

Dankbar ist Leonie vor allem für die Erfahrung. »Ich bin durch dieses Erlebnis gewachsen. Es war inspirierend zu sehen, wie glücklich die Menschen dort sind, auch wenn sie arm sind.« Wie anders das Leben in und um Manila ist, hat die Mainzerin schon am ersten Tag mitbekommen. »Der Gestank, die Abgase und der Lärm waren unbeschreiblich. Als ich aus dem Flugzeug gestiegen bin, habe ich einen Schock bekommen.« Nach einer Stunde im Auto - für etwa 40 Kilometer - war Leonie am Ziel. Das große Haus mit riesigem Hof und Garten beherbergt zurzeit 22 Mädchen von fünf bis 21 Jahren. Es gibt zwei Schlafsäle, eine Bücherei, eine Küche, ein Bad, das Büro, das Zimmer der Hausmutter, einen Mehrzweckraum, einen Lagerraum und das Zimmer der Praktikanten - also Leonies Zimmer. Viel Platz also, wenn man bedenkt, dass im restlichen Pandi Bulacan oft bis zu zehn Menschen in einer Hütte leben.

Erbaut wurde das Waisenhaus mit der Hilfe und mit Spenden von Mainzer Bürgern - zusammengetrommelt und verwaltet von dem in Bretzenheim ansässigen Verein Rene-Pedrozo-Hilfe. Wobei der Verein nicht vergleichbar ist mit den »großen« wie SOS-Kinderdörfer. Der Verein hat etwa 100 Mitglieder und wird gesteuert vom Wohnhaus der Familie Pedrozo. Alle arbeiten ehrenamtlich, auch auf den Philippinen. Carmelita Pedrozo und ihr Mann Crisologo haben die Stiftung vor über zehn Jahren gegründet - in Gedenken an ihren Sohn Rene, der einige Zeit davor verstorben war. »Wobei wir auch vorher schon viel in meine Heimatstadt geschickt haben. Vor allem gebrauchte Kleidung«, erinnert sich Carmelita Pedrozo, die vor mehr als 37 Jahren nach Deutschland auswanderte.

Hütten in Pandi Bulacan
Viele der über 60.000 Einwohner von Pandi Bulacan wohnen in solchen Hütten.

Die Stiftung sollte damals dem Hausbau dienen, heute wird das Angebot weiter ausgebaut. »Unser neuestes Projekt ist ein Krankenzimmer, in dem sich die Menschen der Stadt einmal im Monat kostenlos von einem Arzt behandeln lassen können«, erklärt die 62-Jährige. Das Geld dafür wurde mithilfe der diesjährigen Sternsinger-Aktion des Bretzenheimer Pfadfinderstammes St. Willigis zusammengesungen. Außerdem werden die vom Verein vermittelten Patenschaften weiter ausgebaut. »So finden vielleicht noch mehr Menschen wie ich ihre eigene Lovely«, hofft Leonie. Genau das liegt den Pedrozos am Herzen. Nicht das erste Haus am Platz zu haben, sondern Bindungen zwischen den Menschen zu schaffen.



Daniela Tratschitt