Heft 245 Februar 2011
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Literatur

Ein Jahr Stadtschreiber-Dasein geht zu Ende:

Josef Haslinger zieht von dannen


Josef Haslinger
Josef Haslinger: ein aufmerksamer Zuhörer, der in Mainz ankam.

Zum Abschied durchlief Josef Haslinger noch einen kurzen Veranstaltungsmarathon. Drei Tage im Januar am Stück Fragen beantworten, erklären, vorlesen. Und Auf Wiedersehen sagen den Vielen, die er in seinem einjährigen Stadtschreiber-Dasein schätzen gelernt hat.

»Mainz hat einiges mit mir gemacht, in mir in Bewegung gesetzt, mich auf vielerlei Weise beteiligt« rekapituliert er. Die Voraussetzungen dazu hat er mitgebracht: Offen, neugierig, bereit sich einzulassen. Persönlichkeitsmerkmale, die es erleichtern, von Mainzern angenommen zu werden.

Bewegt und beteiligt


Fußball - eigentlich nicht sein Ding. In Mainz ist das Interesse des Österreichers erwacht: »Der Mainzer Fanblock ist etwas besonderes.«

Fastnacht - unangenehme Erinnerungen an die Fernsehsitzungen der 70er Jahre: »Die haben sich lustig gemacht, über alles, was damals mein Leben ausgemacht hat, was meine Identität war, das hat mich abgestoßen.« Trotzdem oder deshalb wird sich Haslinger ein Stück Fastnacht zu Gemüte führen - eine Trunksitzung der Meenzer Drecksäck.

Lesungen - gerne. Aber Schulen sind dafür nicht sein Lieblingsort: »Dort ist das Publikum zwangsverpflichtet, die Aufmerksamkeit oft gering, das ist eine ungute Ausgangssituation.« Die mit dem Anspruch Haslingers, Begegnungen müssen funktionieren, nicht in Einklang zu bringen ist.

Kanu fahren - Ja klar. Eingeladen auf offener Straße von einer wildfremden Frau in einen unbekannten Verein: »Das ist doch kein Problem.«

Kritik - Sowieso. Aber nicht an der Mainzer Gesellschaft: »Ich habe mich lange mit der Mainzer Republik beschäftigt, in das aktuelle Geschehen habe ich zu wenig Einblick, das zu kritisieren, dem fühle ich mich nicht gewachsen. Allerdings gefällt mir, wenn protestiert wird - eine gewisse Streitkultur, die ist gut.«

Mit dem Dom in ständigem Kontakt: »Ich war oft darinnen, vom Fenster meiner Stadtschreiber-Wohnung erblickte ich ihn sofort.« Haslinger bezeichnet sich als einen »kulturellen Katholiken«, erzogen in einem Kloster, zutiefst katholisch geprägt in seinem ganzen Habitus: »Der Glaube, der ist mir aber verlorengegangen.«

Wohnort - »Wer nur einen Wohnort hat, der tut mir leid, weil er festgenagelt ist.« Josef Haslinger pendelte ein Jahr lang zwischen drei Wohnorten: als Familienvater in Wien, als Literatur-Professur in Leipzig, als Stadtschreiber in Mainz.

Schreiben


Annette Ludwig und Josef Haslinger
Nachbarn, die sich verstehen: Annette Ludwig und Josef Haslinger. Die Direktorin des Gutenberg-Museum hat ihren Arbeitsplatz im Römischen Kaiser, der Stadtschreiber hat dort unterm Dach gewohnt. Als Hausherrin öffnete die Museums-Direktorin ihrem »Mitbewohner« bereitwillig den Gutenberg-Vortragssaal zur Präsentation von »Nachtasyl, die Heimat der Heimatlosen.«

Mainz als Rückzugsort, um in Ruhe schreiben zu können? »Das funktioniert nicht.« Nachvollziehbar: Haslinger lässt sich gerne ein. Geht er morgens eine Semmel kaufen, trifft er am Weinstand auf dem Wochenmarkt die ersten Menschen, die mit ihm reden wollen - das geht den ganzen Tag so weiter und am Ende hat er nichts geschrieben, jedenfalls nichts selbst. Denn über Haslinger wird viel geschrieben. In lokalen und überregionalen Medien: »Selbst im Wiener Standard fand ich einen Hinweis, dass ich Stadtschreiber von Mainz bin.« Dem Mainzer Theaterregisseur Helmut Köpping erzählt er von dieser Zeit. Im April wird im TIC zu sehen und zu hören sein, was Köpping aus diesen Erzählungen macht.

Mainz als literarische Vorlage? »Das ergibt sich, ich plane das nicht. Die Erinnerung formt und trifft ihre Auswahl.« Haslinger bezeichnet sich als »einfachen« Autor, der sich nicht sprachlich in Szene setzen wolle: »Mich interessiert die literarische Erfahrung des Lesers, ich möchte Geschichten so erzählen, dass der Leser beschäftigt ist, will ihm nicht vorgeben, was er zu denken hat. Meine Weltsicht muss darinnen sein, Figuren ohne moralische Kategorien - das geht nicht. Ich bin ein Kopfmensch, brauche ein klares Konzept, dem ich so lange folge, bis sich meine Figuren nicht mehr um meine Konzepte kümmern, bis sie zu leben beginnen - dann läuft der Roman, dann bin ich glücklich.«

Reise in die Vergangenheit


Das elektronische Tagebuch mit dem ZDF: »Ich habe zwar den Aufwand unterschätzt, aber es hat mir viel Freude gemacht.« Zwei Monate widmete sich Haslinger nur den Filmarbeiten. Durch Zufall geriet er an ein Thema, das ihn packte: »Nachtasyl, die Heimat der Heimatlosen.« In der Wiener Kneipe »Nachtasyl« treffen sich noch immer die Immigranten der 80er, die Unterzeichner der »Charta 77«, denen Bruno Kreisky den Weg durch den Eisernen Vorhang frei machte: Musiker, Schriftsteller, Maler.

»Sie haben ihre Jugendkultur in der Tschechoslowakei gelebt, machten nichts anderes, als ich in Österreich. Ich, nur wenige Kilometer von der tschechischen Grenze aufgewachsen, hatte deshalb ein paar Konflikte mit Autoritäten und die, nur weil sie auf der anderen Seite der Grenze lebten, mussten ihre Heimat verlassen - ich wollte diesen Menschen meine Referenz erweisen.« Interessant am »Nachtasyl« findet Haslinger auch die Mischung: zu den Immigranten und deren Abkömmlingen gesellten sich im Laufe der Zeit Hausbesetzer, Punks und ihre Abkömmlinge. Entsprechend vielstimmig ist die Live-Musik, findet der Schriftsteller, der sich nach dem Ende seines Mainzer Stadtschreiber-Daseins zuerst voll und ganz dem nächsten Romanprojekt widmet.

Grundlagen dieser Zusammenstellung: Das Interview von Hermann-Josef Berg im Mainzer Presseclub am 10. Januar und die »Nachtasyl«-Präsentation im Gutenbergmuseum am 11. Januar

SoS