Heft 245 Februar 2011
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Gedenken

Tausendster Todestag von Erzbischof Willigis

Heiliger, Politiker und Dombaumeister


Wiligis-Büste
Das Büstenreliquar von St. Stephan aus dem Jahr 1899 enthält unter anderem den Kopf des schon im 12. Jahrhundert als Heiligen verehrten Willigis.

Am 23. Februar 1011 starb Erzbischof Willigis - ein Mann, der die deutsche Geschichte in der Hand hielt. »Wäre der Dom damals nicht abgebrannt, hätte es Berlin so nie gegeben«, da ist sich der Historiker Dr. Winfried Wilhelmy sicher. »Unter Willigis stand fast ganz Mitteleuropa unter Mainzer Herrschaft.«

Vor über tausend Jahren war Mainz der Sitz des Erzkanzlers des Heiligen Römischen Reiches, einem Gebiet das von Kiel bis Rom, von Lüttich bis Brünn reichte. Und es war die Heimat des mächtigsten Erzbischofs Mitteleuropas, dem Stellvertreter des Papstes nördlich der Alpen.

Viele Menschen waren an das Wohlwollen des Mainzer Bischofs gebunden. »Wobei man nicht vergessen darf, dass wir von einer Einwohnerzahl von 15 bis 20 Millionen Menschen ausgehen. In ganz Europa.« Also ungefähr so viele Menschen, wie heute in Peking wohnen. »Mainz hatte damals etwa 5000 Einwohner.« Gemeinsam mit dem Kaiser regierte Willigis über das Heilige Römische Reich. »Im Endeffekt haben sich beide gebraucht, um dieses riesige Gebiet zu kontrollieren«, erklärt der Historiker. »Willigis war kein Seelsorger. Er war Politiker.«

Turm des Mainzer Doms
An den Flanken der Osttürme des Doms erkennt man noch Reste des ursprünglichen Willigis-Domes: Im oberen Teil treffen die alten, hubbeligen Steine auf die neuen, glatten.

Das erkennt man auch an seinem ereignisreichen Leben. Willigis wurde um 940 geboren. Wo genau weiß man nicht, auf jeden Fall aber in Niedersachen. Er entstammte einer nichtadligen Familie. Dass sein Vater Wagenbauer war und Mainz so zu seinem Wappen gekommen ist, entstammt einer Legende.

Eine weitere Legende um Willigis wurde von dem Chronisten Thietmar von Merseburg geschildert: Angeblich habe Willigis Mutter im Traum gesehen, wie ein Sonnenleuchten aus ihrem Schoß die Welt mit Licht erfüllte. Ein von Gott gesegnetes Kind also, das zu Großem berufen war. Und eine Geschichte, die den späteren Generationen erklären sollte, warum dieser Mann so mächtig wurde. Dr. Wilhelmy sieht das nüchterner: »Willigis war hochgebildet und durchsetzungsfähig. Der König brauchte gutes Personal - da war die Standesfrage nicht so wichtig.«

Das erste, was man tatsächlich von Willigis weiß, ist dass er seine Ausbildung von Kaplan Folkold erhielt, dass er Domherr in Hildesheim war und 969 Mitglied der Hofkapelle wurde - ein zentrales Organ der geistigen und weltlichen Ordnung des Kaiserreiches von Otto dem Großen. Zwei Jahre später wurde er zum Kanzler berufen und blieb dies auch unter Otto II.

Seinem Kanzler verhalf Otto II 975 auf den Bischofsstuhl von Mainz. Im März des gleichen Jahres erhielt er von Papst Benedikt VII. das Pallium, eine ringförmige Stola. Zusammen mit diesem Amtsabzeichen übergab der Papst Willigis das Recht, als sein Stellvertreter bei allen kirchlichen Amtshandlungen eine überragende Stellung einzunehmen. Das hieß, Willigis war derjenige, der Kaiser und König krönen durfte.

Portal des Mainzer Doms
Die Bronzetüren des Willigisportals wurden extra für den »neuen« Dom angefertigt. Noch heute kann man den Namen des Auftraggebers und des Handwerkers, Berengars, dort lesen.

Mit der Zeit wurde Willigis dem Papst zu mächtig. Nach dem Tode von Otto II. übernahm dessen dreijähriger Sohn Otto III. die Königswürde. Weil aber ein Kleinkind nicht das Heilige Römische Reich beherrschen kann, teilten sich dessen Mutter Theophanu, seine Großmutter Adelheid und Erzbischof Willigis die Verantwortung.

Mit der Volljährigkeit Otto III. und einer vordergründig liturgischen, letztendlich aber kirchenpolitischen, Regelung des Papstes zu Gottesdienstbestimmungen in Aachen, verlor Willigis an Macht. Wobei der Mainzer Erzbischof das nicht einfach so hinnahm. »Willigis hatte ein übersteigertes Herrschaftsverständnis. Das zeigte sich auch in seinem Dom.«

Denn wenn er schon keine Könige mehr in Aachen salben konnte, dann würde sich Willigis eben seinen eigenen Krönungsdom bauen. Es gibt zwei Versionen, wann Willigis anfing, den neuen Dom bauen zu lassen: zum Amtsantritt 975 oder nach der Entscheidung des Papstes 997. Klar ist, dass der Bauherr Willigis seinen Dom nach dem Vorbild des alten Petersdom in Rom bauen ließ.

»Er wollte damit sagen: Ich bin der Papst des Nordens.« Das dreischiffige Langhaus, die Ausrichtung des Hauptaltars nach Westen, die Königsempfangsanlage - all dies ist exakt wie in Alt Sankt Peter. Außerdem hatte der Mainzer Stadtherr pompöse Bronzetüren anfertigen lassen. In der Inschrift der Tür am Marktportal ist zu lesen, dass erstmals seit dem Tode Karls des Großen wieder solche gegossen worden sein.

Willigis Erklärung warum er einen neuen Dom bauen ließ und nicht einfach den alten - die Johanniskirche am Leichhof - umbaute. 1009 war der Bau beendet. Doch am Vorabend der Weihe, am 30. August 1009, brannte der Dom ab. Nur einige Teile blieben erhalten: die ersten Stockwerke der Osttürme, einige Mauern in der Gotthard-Kapelle, das Bronze-Portal, . Der Nachfolge-Dom wurde erst 1036 eingeweiht. Also lange nach dem Tode Willigis am 23. Februar 1011. Sein Grab befand sich deshalb in der von ihm gegründeten Stiftkirche St. Stephan und nicht wie es einem so großen Mann gebührt hätte, im Mainzer »Petersdom«.

Während seiner Herrschaft erblühte Mainz zu einer wichtigen Stadt. Auf dem Markt bekam man indischen Ingwer oder Münzen aus Samarkand, berichtete der spanische Kaufmann Ibrahim Ibn Yakub. Im Bischofspalais am Höfchen - »etwa genauso bedeutend wie heute das Kanzleramt« - wurde über das Wohl und Weh tausender Menschen beraten, und im alten Dom wurden Könige gekrönt. Und »wenn sein Dom nicht abgebrannt wäre, dann wäre die deutsche Geschichte anders verlaufen.«

Feierlichkeiten


Geplant sind eine Vigil, eine Nachtwache zum tausendsten Todestag am 22. Februar in St. Stephan sowie ein Pontifikalamt mit Kardinal Lehmann am 23.2. im Dom. Über das Jahr hinweg gibt es eine Ausstellung im Dommuseum »Der verschwundene Dom - von Willigis bis Ketteler« (15. April bis 16. Oktober) und verschiedene kleine Veranstaltungen zum Thema Willigis in St. Stephan.

Daniela Tratschitt