Heft 245 Februar 2011
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Fastnachtsposse

Zwei, die gut zusammen passen:

Die Kultkneipe im Fastnachtskult


Heidi Pohl und Katrin Krause
Regisseurin Heidi Pohl und Bühnenbildnerin Katrin Krause arbeiten gemeinsam für »Willis zweiten Frühling«.

Diese Theke hat schon viele angezogen und manchen nicht mehr losgelassen: groß und fast rund, umstellt mit stabilen Hockern, ist das prachtvolle Holzstück Dreh- und Angelpunkt der Babbel-Oase »Andau« am Schillerplatz. Heidi Pohl kennt die Zungenlösenden Wirkungen dieser Rundtheke, die in ihrer zwölften Fastnachts-Posse den Verwirrungen um den verwitweten Willi und seiner neuen Liebe, Barbara Eulalia von Strunzheim als Kulisse dient, sehr gut.

»Für die Scheierborzeler gehört die Andau seit vielen Jahren irgendwie immer zur Fastnachtsposse dazu. Wir feiern dort unseren alljährlichen Possen-Abschluss und Burkhard, der Wirt, lädt uns immer zu einem Imbiss ein.«

Kein Wunder, dass der Kneipe in Possen mal ein Lied gewidmet, mal die Aufforderung »Jetzt gehen wir in die Andau« in den Text geflochten wurde. Für »Willis zweiten Frühling« greifen die Scheierborzeler auf das halbe Interieur der Kneipe zurück: Die Bühnen-Theke stammt von der Bitburger-Brauerei, die außerdem die Zapfanlage (für alkoholfreies! Bier) zur Verfügung stellt. Damit an den Fastnachtstagen die vielen feierwütigen Gäste reinpassen, befreit Wirt Burkhard seine Kneipe sowieso von unnötigem Ballast: Hocker und Bilder wandern so lange in die »Gut Stubb«, das Mainzer Theater.

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Die Ecke hinten links in der »Andau«: originalgetreu »nachgemalt« fürs Possen-Bühnenbild.

Dort hat Bühnenbildnerin Katrin Krause mit viel Liebe zum Detail (und nach etlichen Recherchen nahe des echten Zapfhans) das Kneipen-Innere nachgebaut: »Die Rundtheke ist ein guter Kontrast zum eckigen Wohnzimmer, das macht das Bühnenbild spannend«, blickt sie begeistert auf die Bühne. Dort ist, Dank der Theatermaler, tatsächlich die gesamte Fensterfront um die Rundtheke gemalt - sieht ziemlich echt aus! Jetzt kann Willi, »die alte Scheuer« entflammen und die Familienzwistigkeiten bei den Spitzwingerts nehmen ihren Lauf.

Andau-Wirt Burkhard Geibel-Emden freut sich, dass seine »Kultkneipe« in diesem Jahr den passenden Rahmen für diese Fastnachtstradition l iefert - sind doch die Bindungen zwischen Fastnacht und Andau sehr innig: Von Altweiberdonnerstag bis Fastnachtdienstag ist die Kneipe in ständiger Tanz- und Schunkelbewegung. Im Theater sei das ähnlich, sagt Heidi Pohl: »Kaum wird auf der Bühne gesungen, singt und schunkelt das Publikum mit.« Dass viele Possengäste kostümiert antanzen, versteht sich fast schon von selbst.

Viel Ernst für den Spaß


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Proben und nochmals Proben: Mit viel Einsatz- und Spielfreude bringen die »Scheierborzeler« die Fastnachtsposse auf die Bühne.

900 Zuschauer wollen die Laienspieler in jeder ihrer sieben Vorstellungen begeistern. »Um das zu schaffen, reicht Fastnacht nicht als Hobby«, weiß Pohl nur zu gut. »Einige Darsteller sind schon 20 Jahre dabei, die agieren wie Profis.« Hoch ist der Anspruch, den die Possen-Spieler haben. 50 Probentermine, beginnend im Oktober, stehen auf dem Vorbereitungsprogramm.

Die »ganze Maschinerie« des Staatstheaters übt dabei ihren eigenen Reiz aus: Wer auf dieser großen Bühne steht, will auch agieren wie die »großen« Schauspieler. »Wir profitieren natürlich von diesem professionellen Aufführungsort«, sagt Pohl. Beleuchtungs-, Bühnen- und Tontechnik, Requisiten, Masken, Kostüme, Deko - alles stellt das Theater zur Verfügung. Aber nicht kostenlos. Die Possen-Eintrittsgelder werden zwischen dem MCV und dem Theater aufgeteilt.

Und: Die »größten Laienschauspieler aller Zeiten«, die sich, so Heidi Pohl gerne selbstironisch auf den Arm nehmen, agieren ohne Honorar. Ein anderer Baustein, um die Produktionskosten so gering wie möglich zu halten, ist die Nutzung von abgespielten Sachen und gebrauchten Requisiten anderer Produktionen: »Zur Fastnacht gehört es doch dazu, dass wir an den Kleiderschrank gehen und schauen, was sich wie als Kostüm zusammenstellt lässt, das halten wir in der Fastnachtsposse ähnlich«, findet die Possen-Regisseurin das ganz normal.

Dass die Possen-Darsteller in der langen Vorbereitungszeit auf viel verzichten, ist klar: montags, mittwochs, freitags sind sie abends im Theater. »Es braucht viel Ernst, um sich diesen Spaß zu gönnen«, meint Pohl. Sie selbst bekleide außer der Regisseurinnen-Rolle auch oft die Funktion als interne Entertainerin: »Ich muss die Darsteller einerseits quälen und gleichzeitig dafür sorgen, dass sie beim Spielen ihre Freude haben.«

Dass das klappt mag auch daran liegen, dass sich im Zusammenwirken aller Beteiligten auf und hinter der Bühne in den letzten Jahren manches geändert habe: »Die meisten von uns sind noch berufstätig, manche haben kleine Kinder - darauf müssen wir flexibel reagieren und nicht engstirnig reagieren.«

Heidi Pohl bekennt: »Ich mag Traditionen, aber wir müssen auch mit Veränderungen positiv umgehen.« Die Regisseurin, die im Staatstheater hauptberuflich als Schauspiel-Souffleuse wirkt, nimmt sich und andere ernst: »Dann kommt auch was schönes dabei raus.«



SoS

Infos

»Willis Zweiter Frühling« oder
»Wenn eine alte Scheune brennt«
Fastnachtsposse des MCV in 5 Akten von Karl-Heinz Rieth
Regie: Heidi Pohl.

Termine:
In der »Andau« findet im Februar eine öffentliche Probe des 3. Aktes statt; www.zurandau.de

Termin: In der »Gut' Stubb«, dem Mainzer Staatstheater,
im März am 1., 2., 3., 5, jeweils um 19.33 Uhr;
am 6. um 14.11 Uhr und um 19.33 Uhr,
am 16.3.2011 um 19.33 Uhr

Karten: Theaterkasse Tel. 06131/ 2851222,
Öffnungszeiten: Mo.-Fr. 10-19 Uhr, Sa. 10-15 Uhr
www.mainzer-carneval.verein.de/ Veranstaltungen/Theaterposse