Heft 244 Januar 2011
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Zivildienst
1961 wurde der Zivildienst für Wehrpflichtige eingeführt, die aus Gewissensgründen den Kriegsdienst verweigern wollten. Zivis wurden, wie Wehrpflichtige, gemustert und konnten erst dann ihre Verweigerung schriftlich beim Kreiswehrersatzamt einreichen. Es gab keine Wahlmöglichkeit zwischen Wehr- und Zivildienst, die Gewissensgründe für die Ablehnung des Wehrdienstes mussten offiziell anerkannt werden. Anfangs dauerte der Zivildienst 15 Monate, Ende der achtziger Jahre sogar 20 Monate. In den Achtzigern legte das Zivildienstgesetz fest, dass er ein Drittel länger dauern musste als der Wehrdienst. Inzwischen haben Wehr- wie Zivildienst die gleiche Länge. Anstelle des Wehr- oder Zivildienstes konnten junge Männer auch einen Ersatzdienst leisten, etwa durch Mitarbeit im Technischen Hilfswerk beim Katastrophenschutz. Rund 1000 Verweigerer jährlich leisteten den »Anderen Dienst« im Ausland, der mindestens zwei Monate länger dauerte als der Zivildienst.

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Titelstory

Ein Leben ohne Zivildienstleistende?

»Da Kommt noch einiges auf uns zu!«


Manfred Herholz
Manfred Herholz

Wir sind gewöhnt an ihren Einsatz. Beim Krankentransport, im Fahrdienst und in der Betreuung von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, in Pflegeeinrichtungen zur Betreuung von alten Menschen und in Kliniken als «Blutläufer«: Zivildienstleistende. Ihre Dienstleistung wurde vielerorts selbstverständlich in Anspruch genommen - auch weil sie geringe Kosten verursachte. Die Abschaffung der Wehrpflicht zum 30.6.2011 beinhaltet die Abschaffung des Zivildienstes. Welche Auswirkungen hat das, wer kann an ihrer Stelle diese Aufgaben übernehmen? DER MAINZER fragte nach: bei der Johanniter Unfall Hilfe und in der Mainzer Uniklinik.

»Auf die Gesellschaft werden hohe Kosten zukommen - sowohl in materieller Hinsicht als auch aufgrund des Abschieds von Selbstverständlichem.« Manfred Herholz, Regionalvorstand der Johanniter Unfallhilfe (JUH) ist seit knapp 30 Jahren mit der Organisation von Hilfsleistungen beschäftigt. Rettungsdienst, Transport von Kranken und von Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, Menüservice (besser bekannt als »Essen auf Rädern«) gehören zum Dienstleistungskatalog der JUH.

«Seit der Verkürzung der Dienstzeit von auf zuerst neun, im Jahr 2010 auf sechs Monate, setzen wir Zivildienstleistende kaum noch ein.« Grund: Die Ausbildungszeiten zum Rettungssanitäter und zum Krankenwagenfahrer stehen in keinem Verhältnis mehr zur Einsatzdauer. Die Ausbildungskosten, von den Hilfsorganisationen selbst zu tragen, rentieren sich nicht mehr.

Der Zeit ganz ohne Zivis blickt Herholz mit einem weinenden und einem lachenden Auge entgegen. «Die Kosten werden steigen. Zum Beispiel im Krankentransport, der konnte bislang so günstig abgewickelt werden, weil wir Zivis eingesetzt haben. Künftig werden das teilweise Hauptamtliche übernehmen, teilweise können wir auf entsprechend ausgebildete 400-Euro-Kräfte zurückgreifen.

Teurer wird es aber auf jeden Fall.« In Verhand­lungen mit den Kostenträgern, z.B. Krankenkassen, ist zu klären, wie viel künftig für die Transporte abgerechnet werden muss.

Gespannt darf man sein, inwieweit die Kostenträger die Mehrkosten an die Versicherten weitergeben werden. Richtig Sorgen macht sich der JUH-Regionalvorstand um die Nachwuchskräfte: «Wir haben einen beträchtlichen Teil unseres Nachwuchses aus den Reihen der Zivis bezogen. Die waren ausgebildet und haben z.B. während des Studiums an den Wochenenden Dienst bei uns geschoben, sind dieser ehrenamtlichen Arbeit bis heute verbunden.

Es gab auch immer wieder junge Männer, die während des Zivildienstes ihre ursprüngliche berufliche Orientierung geändert haben, weil sie feststellten, es macht Spaß, sich um Menschen zu kümmern, ihnen zu helfen. Diese Art der Heranführung an die gesellschaftlich nicht so sehr wertgeschätzten Hilfsaufgaben fällt komplett weg.« Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), von Politikern gerne als Ersatz für den Zivildienst bezeichnet, ist aus Sicht von Herholz nicht geeignet, um die personellen und finanziellen Auswirkungen bei den Hilfsdiensten zu mindern: «Wer sein FSJ bei einem Hilfsdienst leisten will, benötigt eine hohe Motivation, denn bei uns ist Schichtarbeit angesagt.

Sportvereine oder Naturschutzverbände sind für das FSJ attraktiver, schon aufgrund der geregelten Arbeitszeiten.« Ein wirklicher Ersatz für die Zivis könne das FSJ nicht sein: «Das FSJ kann jederzeit abgebrochen werden, wenn z.B. der begehrte Studienplatz frei wird. Für uns ist die Personalplanung mit FSJlern schwieriger und wir müssen die hohen Ausbildungskosten immer mitdenken.«

Als Ersatz für die zurzeit noch eingesetzten 23 Zivis sucht die JUH 400-Euro-Kräfte vor allem im Fahrdienst und im Menüservice. «Es ist nicht einfach, so viel Personal zu bekommen, die Kosten werden auf jeden Fall steigen und ich kann 400-Euro-Kräfte nicht anweisen, mitten in der Nacht einen Rolli-Fahrer aus der Disko abzuholen - es werden auf uns alle noch viele Auswirkungen zukommen, die keiner bedacht hat.«

Norbert Finke
Norbert Finke

Laut dem Kaufmännischen Vorstand der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Norbert Finke, wird sich das Aussetzen der Wehrpflicht - und damit der Wegfall des Zivildienstes - auch in der Universitätsmedizin Mainz auswirken, denn hier sind zurzeit etwa 80 Zivildienstleistende eingesetzt. Diese arbeiten vor allem im Bereich des Hol- und Bringedienstes und hier insbesondere im Bluttransportdienst (die so genannten Blutläufer, Anm.d.Red.).

Als Alternative und um wenigstens teilweise die Lücke zu füllen, setzen wir beispielsweise auf Kooperationen, durch die wir auch junge Menschen im Rahmen eines »Freiwilligen Sozialen Jahres« bei uns einsetzen können. Weitere Maßnahmen zum Ersatz der Zivildienstleistenden sind derzeit noch in Planung.« Foto: Peter Pulkowski


SoS