Heft 244 Januar 2011
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Streitereien

Mobbing - nicht nur an Schulen

Der Ton wird rauer


mobbing_postkarte
Mit sechs Schulen rief Thomas Stock die Initiative ins Leben, deren Ziel es ist, einfache und wirksame Handlungsstrategien für den Umgang mit verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern in den Schulalltag zu integrieren und Methoden zur Förderung positiven Verhaltens zu entwickeln. In diesem Kontext startete im November das Selbstbehauptungstraining »Kick!« für Kinder und Jugendliche, die bereits gemobbt wurden oder aufgrund ihrer Persönlichkeit zu potentiellen Opfern gehören. Der Kurs soll in Mainzer Schulen dauerhaft angeboten werden.

Dass sich Jugendliche und Kinder an Schulen ärgern, beleidigen oder schikanieren, ist nichts Neues. Doch die Täter werden immer jünger und ihre Handlungen aggressiver. Über das Profil von Mobbern und wie man gegen sie vorgeht sprach DER MAINZER mit Diplom-Pädagoge Thomas Stock vom Fachbereich Kinderund Jugendschutz im Haus des Jugendrechts und Roland Hostert, Jugendbeauftragter der Polizei.

Herr Stock, was sind, Ihrer Ansicht nach, die Gründe für mobbende Kinder?

Da zu meinen Aufgaben auch die Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen der Kriminal- und Gewaltprävention gehören, kümmere ich mich um Beschwerden von Bürgern über Kinder und Jugendliche, die im öffentlichen Raum, etwa in Straßen und Parks, beispielsweise durch Lärmbelästigungen oder Vandalismus auffallen. Diese Kinder und Jugendlichen sorgen in der Regel auch in der Schule für Unruhe.

Hier zeigen sie trotz der Lehreraufsicht Verhaltensweisen, die ihre Unfähigkeit, sozial und emotional adäquat mit anderen umzugehen, ausdrückt. Wir bezeichnen das als »Mobbing«. Leider beobachten wir, dass immer häufiger gemobbt wird und es immer mehr Kinder und Jugendliche gibt, die nicht mehr in der Lage sind, sich angemessen zu benehmen.

Dass Mobber außerdem im Laufe der Jahre jünger geworden sind und der Ton rauer, erlebe ich nicht nur in Schulen. Auch Trainer in Sportvereinen beklagen sich, dass es immer schwieriger wird, mit aggressiven Kindern umzugehen. Junge Mobber sind aber meist Spiegel ihrer Familiensituation, die verdeutlicht, dass deren Eltern ihre Erziehungsaufgabe nicht ausreichend wahrnehmen können.

Mein Eindruck ist, dass sie damit überfordert sind, ihren Kindern Werte zu vermitteln, die sie dazu befähigen, sich in sozialen Gemeinschaften zurechtzufinden, denn ihnen mangelt es an Rücksicht, Respekt, Toleranz und Disziplin. Hinzu kommen oft weitere Defizite der Mobber, wie schlechte schulische Leistungen, die sie mit Machtspielen und Unterdrückung anderer zu kompensieren versuchen.

Sie sind Ansprechpartner für Lehrer, Schüler und Eltern, wie sieht Ihre Vorgehensweise im konkreten Mobbingfall an der Schule aus?

Roland Hostert (links) und Thomas
Stock
Roland Hostert (links) und Thomas Stock reagieren sofort bei Mobbingfällen an Schulen.

Vor kurzem bekamen wir einen Anruf von einem Hauptschullehrer, der beobachtet hatte, dass mehrere Mitschülerinnen ein 15-jähriges Mädchen erheblich drangsalierten. Allerdings gab es eine 16-jährige Haupttäterin, die das Opfer verschiedene Dinge erledigen und bezahlen lies und zwang, Zigaretten zu rauchen. Vom Lehrer angesprochen bestätigte die gemobbte Schülerin zwar ihre Lage, zeigte jedoch Angst davor, dass die Täterin sie für ihre Offenheit bestrafen könnte.

Unsere Vorgehensweise begann mit einem Gespräch mit dem Lehrer und dem betroffenen Mädchen. Danach unterhielten wir uns mit Personen aus dem Umfeld der Täterin und mit Jugendlichen aus ihrer Klasse, die nichts mit der Situation zu tun hatten.

Dabei erfuhren wir, dass die Mobberin auch außerhalb der Schule für ihr dominantes Verhalten bekannt war. In der Unterredung mit ihr im Beisein der Schulleitung wurde sie ermahnt, ihr Verhalten zukünftig zu unterlassen, da ansonsten Folgen drohten, etwa eine Strafanzeige wegen Köperverletzung, aber auch hinsichtlich der Schule. Die Täterin war sehr schockiert, dass ihr Handeln so viel Wirbel bewirkt hat und alle darüber Bescheid wussten.

Offensichtlich hat sie noch nie zuvor direkte Konsequenzen erlebt. Ganz wichtig ist für uns, dass am Ende unserer Intervention das Opfer mit der Täterin gesprochen und diese sich entschuldigt hat. Beide müssen sich im Schulalltag wieder in die Augen sehen können. Außerdem vereinbarten wir mit den Lehrern, uns sofort zu informieren, falls die Mobberin wieder Probleme macht.

In welchen Situationen sind Sie, Herr Hostert, in den Schulen dabei?

Insbesondere wenn Täter uneinsichtig bezüglich ihres Verhaltens oder uns bereits aufgrund ihrer Aktenlage bekannt sind, gehe ich mit in die Schulen. Wir legen Wert darauf, dass dort die polizeiliche Anwesenheit bekannt gemacht wird, denn das hat Wirkung. Zum einen verdeutlichen wir Tätern die Konsequenzen ihres Mobbings. Zum anderen, und das ist genauso wichtig, sehen vermeintliche Opfer, dass ihnen über die Schule und unser Eingreifen geholfen werden kann.

Außerdem gehen wir gemeinsam in die Klassen und sprechen offen mit den Schülern über Mobbing.


KH

Infos und Ansprechpartner:
www.haus-des-jugendrechts-mainz.de

Thomas Stock, Tel. 06131 - 5861022
thomas.stock@stadt.mainz.de

Hajo Kunkel, Tel. 06131 - 5861020
hajo.kunkel@stadt.mainz.de

Michael Elsen, Tel. 06131 - 5861040,
Leiter Jugendsachbearbeitung Polizei