Heft 244 Januar 2011
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Strasse

Einmaliges Beispiel für »Beförderung der Straßenzier«

Weihergarten und Weihergartenstraße


Weihergarten und Weihergartenstraße

In einer Stadt, die im Krieg zu 80 Prozent zerstört wurde, ist es schon ein echter Glücksfall auf Straßenzüge zu stoßen, die seit rund 220 Jahren nahezu in ihrer ursprünglichen Form erhalten geblieben sind. Ein solches Beispiel sind der Mainzer Weihergarten und die Weihergartenstraße, die sich vom Bischofsplatz zur Heringsbrunnengasse ziehen.

Nach dem Ende der Römerzeit waren große Flächen innerhalb der Mainzer Stadtmauern erst einmal unbebaut geblieben - zum Teil Jahrhunderte lang. So auch der so genannte Weihergarten. Er lag im Bereich des Hauses »Zum Hering«, das bis zum 2. Weltkrieg an der Heringsbrunnengasse stand. In früherer Zeit war dieser Garten tatsächlich noch mit Wasser bedeckt gewesen - daher der Name.

Der Weihergarten wurde bis ins 18. Jahrhundert vom Domkapitel als Bleichplatz benutzt. Ab 1788 wurde das Gelände dann bebaut. Die Planung übernahm der Ingenieur-Oberleutnant Emanuel Josef von Herigoyen, Architekt und Bauingenieur unter Friedrich Karl Joseph von Erthal, Kurfürst und Erzbischof von Mainz.

Herigoyen hatte einige Jahre zuvor auch den Dalberger Hof in Mainz gestaltet. Während dieser noch im Barock-Stil gehalten ist, gelten die Straßenzüge Weihergarten und Weihergartenstraße bis heute als einmalige Zeugnisse frühklassizistischer Baukunst. Mit ihren geraden und klaren Formen sind sie ein direkter Gegenentwurf zu der schmuck- und schnörkelreichen Pracht des Barock. Die planmäßige Bebauung stand unter strengen Gestaltungsvorgaben. »Zur Beförderung der Straßenzier« nannte man das damals.

Als erstes wurde an der Weihergartenstraße die Häuserzeile Nr. 14 bis 20 hochgezogen. 1790 folgten die drei Kurienhöfe Weihergarten 10, 11 und 12 (10 und 12: auf dem Foto, linke Straßenseite, die beiden Häuser rechts vom Quartier Mayence).

Im Rahmen der Altstadtsanierung wurden die Häuser zwar zum Teil etwas verändert und hintere Anbauten wurden abgerissen. Dennoch: die beiden Straßenzüge sind ein echtes Dokument der Stadtplanung und Baukunst der damaligen Zeit, und das auch durchaus über die Grenzen von Mainz hinaus. Ein Glück: So haben die Gebäude entgegen immer wiederkehrender Abrisspläne bis heute überlebt.


Ilona Hartmann