Heft 244 Januar 2011
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Reisen

Ich war auch schon da!

Reisebewertungen im Internet


Skifahrer auf der Piste

»Ick bün all dor« rief der Igel dem Hasen in dem bei den Gebrüdern Grimm aufgezeichneten plattdeutschen Märchen immer wieder zu - bis dieser in der 74. Runde ihres legendären Rennens tot zusammenbrach. Das betrügerische Stacheltier hatte den Wettlauf komplett gefaked (neudeutsch ausgedrückt) - und könnte sich damit zum Urahn einer Spezies von Internet-Usern gemacht haben, die den reisewilligen Ratsuchenden manchmal schier zur Verzweiflung treibt - und die Anbieter erst Recht:

Sie waren schon überall gewesen, kennen scheinbar jedes Hotel, jedes Restaurant und jedes Kreuzfahrtschiff und ergehen sich nun darin alles runter zu machen. Es mag ja gut sein, dass das eine oder andere im Urlaub einmal völlig schief gelaufen ist - aber offen­sicht­lich beginnt der Urlaubs-»Spass« für manchen Zeitgenossen erst dann so richtig, wenn er Anbieter, Servi­ce­personal und am besten gleich die gesamte Ferienregion hinterher so richtig schön schlecht reden kann.

Solange das auf privaten Home­pages geschieht, kann man solche Miesmacher geschickt umgehen - ärgerlich ist nur, dass sie auch in vielen Internetportalen ihr Unwesen treiben und damit die dort abgegebenen Bewertungen oft auf Äußerste relativieren.

Vor der Buchung: Ins Netz!

Grundsätzlich gilt: Wer sich heute vor einer Buchung nicht ausführlich informiert, ist selbst schuld. Wer sich dafür zu wenig Zeit nimmt allerdings auch. Reine Punktevergaben (»Ich gebe dem Hotel vier von zehn möglichen Punkten«) sollte man dabei nicht überbewerten, weil der Auslöser für die harsche Kritik oft nur eine Kleinigkeit war, die den zukünftigen Gast schon gar nicht mehr tangiert. Dem einen war die Geräteauswahl im hoteleigenen Fitness-Studio nicht ausgewogen genug, der anderen das Frühstücksbuffet zu fleischlastig und Herr F. aus B. regt sich fürchterlich auf, weil die Zimmermädchen in fernen Landen nicht perfekt deutsch sprechen.

Studiert man die ausführlichen Texte, merkt man sehr schnell, welche Aussagen realistisch sein können und wo Herr Verdrieslich nur seinen Frust über das schlech­te Wetter ablassen wollte. Hätte sich der Autor dieser Zeilen immer auf die »Geheimtipps« und »Warnungen« einiger Mitmenschen verlassen, wäre sein Urlaub oft wesentlich langweiliger ausgefallen. Da waren z.B. die lieben Landsleute im Ägyptenurlaub, die ihre allzu aktive Verdauung auf die Faulheit der einheimischen Angestellten und die Unausgewogenheit des Essensangebotes ernsthaft zurückführen wollten. Vier Wochen später war ich auf der gleichen Kreuzfahrt - und nicht nur vom kulinarischen Angebot völlig begeistert.

Einige Mitmenschen werden eben nie lernen, dass Schnitzel mit Fritten oder Leipziger Allerlei nicht weltweit zum Standardangebot von Clubs und Restaurants zählen. In einem Dilemma steckt auch der Hotelbesitzer in Madeira: Ein Teil der Gäste fand das Unterhaltungsprogramm zu viel und laut »Immer war an der Bar und im Clubraum was los.« Andere beschwerten sich - im gleichen Zeitraum und im gleichen Haus (!) - dass es keinerlei diesbezügliche Angebote gab.

Vorsicht: Kinder!

Da ärgert man sich über die vielen Kinder in einem »familienfreundlichen« Hotel (einige kamen eben schon als Erwachsene auf die Welt), über den Straßenlärm, den man in dem verkehrsgünstig gelegenen Haus hören konnte und über den fehlenden Sand am Felsstrand.

Im benachbarten Portal jammert jemand über einen schlecht gelaunten Busfahrer in Malta, über drei Regentage in Folge und die vielen »älteren englischen Ehepaare«. So etwas soll durchaus einmal vorkommen - aber ist das ein Grund, einem Hotel schlechtere Noten zu geben?

Detailaufnahmen von nicht geleerten Papierkörben halte ich auch nicht für allzu aussagekräftig - andere wohl schon. Da bestätigen sich dann sofort einige Weltreisende gegenseitig, dass es auch bei ihnen schon einmal vorgekommen ist, dass die Leerung des Corpus Delicti vergessen wurde. Wirklich, ein Riesenskandal! Manchmal denke ich bei dem Studium der Einträge in diesen Portalen »Vorsicht Satire!« - aber es ist wohl überwiegend »echt«.

Komm, lob mich mal!

In Einzelfällen, so hört man, sind solche »Kommentare« allerdings auch einmal bestellt: Mach den Konkurrenten runter und lob die eigene Kaschemme in den Himmel: Also wird über Restaurant »A« abgelästert und gleichzeitig das benachbarte Etablissement als »absoluter Geheimtipp« über alle Maßen gelobt. Wenn das die Meinung einer deutschen Reisegruppe sein soll, der Text aber die Qualität einer maschinenübersetzten Anleitung zur Programmierung eines chinesischen Radioweckers hat, werde ich doch etwas misstrauisch.

Klar, Urlaub soll Spaß machen - und ernstgemeinte Hinweise sind da durchaus hilfreich. Nur sollte man den gesunden Menschenverstand bei der Lektüre nicht völlig außen vor lassen: Wenn ich für eine Woche Halbpension inkl. Flug und Transfer 249 Euro bezahle, ist das ein sogenanntes »Schnäppchen« - und ich darf mich nicht wundern, wenn der Kollege im Hotel nebenan (699 Euro für die »gleiche« Leistung) zwei Sorten Wurst mehr zum Frühstück bekommt.

Und noch ein Vorurteil

Es ist übrigens kein Naturgesetz, dass Urlaubsangebote im Internet immer billiger sind als im Reisebüro. Und auch wenn man nach ausführlicher persönlicher Beratung und individueller Anpassung der Reisekomponenten 50 Euro mehr gezahlt hat als der Schlaufuchs nebenan: Wer das wirkliche Schnäppchen gemacht hat, erfährt man oft erst Vorort.

Und wenn Sie dann hinterher Ihre ganz persönliche Kritik im Netz abgeben, bitte beherzigen sie auch diesen Punkt noch: Man sollte die Qualität eines Hotels nicht primär an der Zahl der deutschen Programmen im Free-TV messen.

Und jetzt: Viel Spaß bei Ihrer Ferienplanung für 2011!


(-mdl-)