Heft 244 Januar 2011
Info


BEIMI:
BEIRAT FÜR MIGRATION UND INTEGRATION
Der BEIMI ist die aus demokratischer Wahl hervorgehende Interessenvertretung der Einwohnerinnen und Einwohner mit Migrationshintergrund in einer Kommune und wird für fünf Jahre gewählt. Aufgabe des BEIMI ist die Förderung und Sicherung des gleichberechtigten Zusammenlebens der in der Kommune wohnenden Menschen verschiedener Nationalitäten, Kulturen und Religionen sowie die Weiterentwicklung des kommunalen Integrationsprozesses. Er formuliert die Anliegen der Migrantinnen und Migranten in Mainz und vertritt diese gegenüber dem Stadtrat, der Verwaltung und der Öffentlichkeit. Der BEIMI kann bei kommunalpolitischen Entscheidungen, die den Themenbereich Migration und Integration betreffen, mitreden und auf diese Entscheidungen Einfluss nehmen. Er ist damit ein wichtiger Schritt zur politischen und gesellschaftlichen Partizipation. Die Mitglieder des BEIMI bestimmen die Themen ihrer Beratungen selbst. Sie wählen aus ihrer Mitte eine oder einen Vorsitzenden und dessen Stellvertreter. Im Rathaus ist eine hauptamtliche Geschäftsstelle des Beirates eingerichtet. (Quelle: BEIMI )

Werbung




Mainzer Köpfe

Beruflicher und ehrenamtlicher Einsatz für Migranten

»Alle, die hier leben sind Mainzer«


Salim Özdemir
Salim Özdemir

Salim Özdemir kam nach Mainz um hier zu studieren. Zwei Semester wollte der gebürtige Türke bleiben. Mittlerweile sind es 15 Jahre. »Ich wollte das Leben in Deutschland richtig kennenlernen, das ist in nur zwölf Monaten kaum möglich«, erinnert sich der 38-Jährige an einen der Gründe, die zum Bleiben führten. Beruflich hat sich der Germanist als Projektleiter am Institut für Sozialpädagogische Forschung etabliert. Ehrenamtlich engagiert er sich für die Belange der »Menschen mit Migrationshintergrund«: »Ich wünsche mir, dass wir diesen Zusatz streichen können, dass alle, die hier leben, egal, wo sie her kommen, Mainzerinnen und Mainzer genannt werden.«

Das erste Studienjahr absolvierte Salim Özdemir in Ankara. Dann folgte er der »Einladung« seines in Mainz lebenden Vaters - Einladung? »Mein Vater, ein Migrant der ersten Generation, war der Meinung, dass wir Kinder als Türken in Deutschland keine guten Bildungschancen haben würden, deshalb blieben meine Mutter und wir drei Kinder in der Türkei, gingen dort zur Schule, begannen zu studieren. Erst als unsere Bildungsgrundlagen gefestigt waren, lud uns unser Vater ein, hier weiter zu studieren und finanzierte uns den Aufenthalt.«

Germanistik, Pädagogik und Deutsche Volkskunde waren die Fächer, die Salim Özdemir in Mainz (weiter-)studierte. Deutsch hatte er teils zuvor in der Türkei gelernt und wie alle ausländischen Studierenden vor der Aufnahme an der Mainzer Uni eine Sprachprüfung bestanden. Um Land und Leute hier kennenzulernen, suchte Özdemir auf vielfältige Weise Kontakt zu den Menschen - zum Beispiel verkaufte er während der Semesterferien Kosmetikartikel. »Um deutsches Leben verstehen zu können, muss man die Arbeitsdisziplin aus eigener Anschauung kennenlernen«, erinnert er sich an eine Motivation für diesen Job.

Im »Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz e.V.« arbeitet Salim Özdemir seit 2003 als Projektkoordinator und leitet zurzeit das Projekt »MION« Qualifizierungsnetzwerk für Unternehmen mit Migrationshintergrund. Es gelte die vorhandenen Potenziale von Menschen mit Migrationshintergrund zu nutzen, entsprechen­de Weiterbildungen und Qualifizierungen anzubieten und die Vernetzung voranzutreiben, skizziert Özdemir Ziele. Gleichzeitig arbeitet der Germanist an seiner Doktorarbeit zur »Sprache von Institutionen in der BRD und in der Türkei, am Beispiel der Polizei in beiden Ländern«.

Normaler zwischenmenschlicher Umgang

»Als ich mit 24 Jahren nach Mainz kam, wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, über eine berufliche Perspektive in Deutschland auch nur nachzudenken. Schließlich war auch mein älterer Bruder nach Abschluss seiner Auslandssemester in Mainz zurückgekehrt in die Türkei - wo er auch heute noch lebt, genau wie meine Schwester.« Salim Özdemir ging einen anderen Weg. Er vollendete sein Studium hier, heiratete eine Deutsche mit türkischen Wurzeln, gestaltet sein berufliches Leben, engagiert sich ehrenamtlich. Seine beiden Töchter, 4 und 7 Jahre alt, genießen die Vorteile der zweisprachigen Erziehung.

Befragt nach ersten Eindrücken zum Mainzer Leben vor 15 Jahren, erinnert sich Salim Özdemir daran, dass es in Mainz im Unterschied zu türkischen Metropolen weniger Gehupe im Straßenverkehr gibt, dass es möglich sei, mit einem Buch ganz ruhig auf einer Parkbank zu sitzen. »Ich habe mich schnell wohlgefühlt hier, habe allerdings auch schnell feststellen müssen, dass die Potenziale der Migranten, die hier leben, nicht erkannt und genutzt werden.« Und die Vorurteile auf beiden Seiten - die immer noch bestehen - die stören ihn erst recht. Überhaupt nicht notwendig sei das, meint Özdemir. Würden Deutsche mit und Deutsche ohne Migrationshintergrund einfach gute nachbarschaftliche Beziehungen pflegen, sich gegenseitig respektieren, die jeweiligen Feiertage und Feste zusammen feiern, wäre viel gewonnen. »Es geht um Gegenseitigkeit, denn 'Integration' kann nicht bedeuten, dass sich Deutsche mit Migrationshintergrund an das Mainzer Leben anpassen - ohne dass Deutsche ohne Migrationshintergrund unsere Kulturen respektieren und anerkennen.«

Wie aus seiner Sicht das Zusam­menleben von Allen funktionieren kann (»Integration« bezeichnet Özdemir als problematischen Begriff) versucht Salim Özdemir auch politisch auf den Weg und in die Kommunalpolitik hinein zu bringen: Seit 1999 ist er Mitglied im Beirat für Migration und Integration - der bis 2009 Ausländerbeirat hieß. Özdemir ist bereits in der zweiten Wahl­periode Vorsitzender des BEIMI. »Ich will meinen Beitrag zum Zusammenleben leisten, außerdem helfe ich gerne anderen Menschen.«


SoS