Heft 244 Januar 2011
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Babyalarm

Auch wenn das Baby ständig schreit:

Schütteln verboten!


friedlich schlafendes Baby
Die Bedürfnisse des Babys erkennen lernen, können Eltern mit fachlicher Unterstützung.

(Der folgende Text ist die Zusammenfassung einer Seminararbeit zum Thema »Familienrechtspsychologie/Gewalt gegen Kinder« im Rahmen des Jurastudiums. Recherchegrundlagen sind Literatur und Vorträge insbesondere zum »Schütteltrauma«. ) Nachts halb drei in Mainz. Jäh wird Sabine von einem lauten Schrei aus dem Schlaf gerissen. Mühsam quält sie sich aus dem Bett und schlurft in Richtung Kinderzimmer.

Sie knipst die Nachtischlampe an. Ihr kleiner Sohnemann Jonas steht in seinem Bettchen, umklammert mit seinen winzigen Fingerchen die Gitterstäbe und schreit aus Leibeskräften. Erstaunlich was so ein kleiner Körper für ein Stimmvolumen aufweist. Für Sabine wird es wieder eine schlaflose Nacht werden. Richtig durchgeschlafen hat sie das letzte Mal vor seiner Geburt. Zwar ist Jonas ein absolutes Wunschkind, aber die frisch gebackene Mutter muss sich dennoch eingestehen, dass sie sich das Mama-Dasein bei weitem nicht so anstrengend vorgestellt hat. Ein 24-Stunden-Job, der ihr alles abverlangt.

Sabine ist eine junge Mutter, die, stellvertretend für viele andere Mütter und Väter, allmählich ans Ende ihrer Kräfte gelangt.

Da sich das Baby in den Anfangsmonaten ausschließlich über Schreien mitteilen kann, muss sich die Kommunikation zwischen Eltern und Kind erst einmal einspielen. Instinktiv handeln die meisten Eltern in den meisten Situationen richtig. Aber: Was ist, wenn das Kind weiter schreit, obwohl es satt, gewickelt und mit ausreichend Körpernähe gewärmt wird?

Zuerst sollte beim Kinderarzt abgeklärt werden, ob medizinische Ursachen in Betracht kommen, wie z.B. eine Milchunverträglichkeit, die Bauchkrämpfe hervorrufen kann.

Wenn das Zahnfleisch des Babys dick angeschwollen ist, ist dies ein untrügliches Zeichen für den schmerzhaften Start des Zahnens. Immer mehr Eltern schwören hier auf sanfte Methoden, um die Leiden der Kinder zu lindern und greifen auf homöopathische Mittel wie Globuli zum Lutschen und kühlende Gele zurück.

Stressiger Teufelskreis

Baby am schreien
Jonas ist frisch gewickelt, hat sich satt getrunken, wird liebevoll umsorgt - und brüllt, was die Lungen hergeben. Warum?

Verliefen die ärztlichen Untersuchungen alle negativ, ist das Baby oft unter die Kategorie der Schreibabys einzuordnen. Um als Eltern sicher gehen zu können, dass das Baby nicht nur nach den eigenen Empfindungen überdurchschnittlich viel schreit, hilft die sogenannte Dreierregel: Schreit mein Kind drei Stunden am Tag, drei Tage in der Woche und das über drei Wochen lang?

Schreibabys lassen sich nur schwer beruhigen. Tragen, gut zureden und singen hilft da leider nur bedingt. Dies führt dazu, dass die Eltern immer mehr Stress aufbauen. Unbewusst übertragen sie diesen dann wiederum aufs Kind. Ein regelrechter Teufelskreis beginnt. Erste Anlaufstellen sind hier Hebammen und sogenannte Schreiambulanzen, die in einigen Kinderarztpraxen in Mainz eingerichtet wurden. Hier lernen die betroffenen Eltern die Bedürfnisse ihres Babys besser verstehen. Wichtig bei Schreibabys ist in allererster Linie Ruhe und Entspannung. In den ersten Wochen und Monaten sammelt das Baby wahnsinnig viele Erlebnisse und Sinneseindrücke. Schreibabys können diese nur schwer verarbeiten. Es kommt zu einer Überreizung und permanenten Unruhe, was durch das Schreien unüberhörbar zum Ausdruck gebracht wird.

Auf gar keinen Fall sollten Eltern, wenn sie sich nicht mehr der Situation gewachsen sehen, versuchen alleine damit fertig zu werden. Durch die Überforderung kommt es leider immer wieder vor, dass Eltern sich nicht mehr anders zu helfen wissen und ihr Kind schütteln, um es zum Schweigen zu bringen.

In Deutschland gibt es jedes Jahr bis zu 200 Fälle von Schütteltraumatas. Hierbei wird das Baby am Brustkorb festgehalten und heftig geschüttelt. Der Kopf des Kindes wird dadurch hin und her geschleudert, wobei es zu Verletzungen des Gehirns kommt. Allein die Frequenz des Schüttelns - in 5 Sekunden bis zu 30-mal - lässt schon erahnen, welche gravierenden Auswirkungen das Kind zu befürchten hat, da die Nackenmuskulatur im ersten Lebensjahr noch zu schwach ausgeprägt ist. In 20-25 Prozent der Fälle endet das Schütteln tödlich. In über zwei Dritteln der Fälle weist das Baby bleibende Schäden auf, wie Seh- und Hörschäden, Sprachstörungen, körperliche und geistige Behinderungen. Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht kann auch leichteres Schütteln schon vergleichbare Folgen auslösen.

Die häufigste Art der Verletzungen sind eine Kombination von Gehirn- und Netzhauteinblutungen, Knochenbrüche und Atemstillstände. Das tückische aber ist, dass oftmals keine äußeren Verletzungen sichtbar sind und die Symptome, die häufig auch erst Monate später auftreten, leicht mit denen eines grippalen Infekts verwechselt werden können. Wer denkt bei Schlappheit, Apathie, Erbrechen, Krampfanfällen und Atemaussetzer gleich an Schütteltrauma? Zumal erschwerend für die Ärzte hinzukommt, dass viele Eltern aus Scham und Angst vor Strafe bei Einlieferung des Kindes ins Krankenhaus keine oder nur unvollständige Angaben zum vorausgegangenen Geschehen machen. Sollte das Kind die Misshandlung überlebt haben, liegt der Fokus aber ganz klar auf der konkreten Hilfe durch Jugendamt und Amtsvormund statt auf der Strafe. Sabine geht mit Jonas jetzt regelmäßig ins Thermalbad. Beim Planschen können beide wunderbar entspannen. Jonas schreit immer weniger und die Nächte sind schon deutlich ruhiger.


Stefanie Gundel