Heft 243 Dezember 2010
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Kulinarische Fesstage

Warum es an Weihnachten auch um die Wurst geht

Kulinarische Festtage


wurstplatte

Will uns ein guter Freund besuchen,
so soll er uns willkommen sein,
wir setzten ihn vor den
allerbesten Kuchen,
und eine Flasche Campanger-Wein.
So setzen wir uns hin,
wohl auf das Cannapé,
und singen dreimal hoch die Wurst, juchhe:
Wurst, Wurst, Wurst



Wir befinden uns irgendwo im Sauerland. Einem jener Teile unseres Landes, in dem die Welt noch relativ in Ordnung ist und Traditionen gepflegt werden. Während sich die Jugend anderenorts am 2. Weihnachtsfeiertag im Badezimmer um den großen Spiegel drängelt um sich für die abendliche Weihnachtsdisco schick zu machen, zieht man hier noch gemeinsam durchs Dorf, klingelt an jedem Haus und singt die oben zitierten Verse.

Schon öffneten sich daraufhin, zumindest in früherer Zeit, die Räucherkammern und die besungenen Würste wechselten den Besitzer. Unser Hausethnologe hat auch hierfür sofort eine passende Erklärung parat: Früher hatte nicht jedes Dorf eine eigene Kirche und man musste in der Christnacht oft weite Wege durch Schnee und Eis gehen bis man die Mette feiern konnte. Da war es praktisch, wenn Freunde am Wegesrand lebten, bei denen man sich die notwendige Zehrung für den Nachhauseweg erbitten konnte.

Zwei Monate später klingeln die Kinder übrigens schon wieder. Jetzt wechselten die Würste zu den folgenden Zeilen den Besitzer:

Lüttecke, Lüttecke, Fastenacht,
wir hab`n gehört,
ihr habt geschlacht,
ihr habt so ne dicke
Wurst gemacht,
gebt uns eine, gebt uns eine,
aber nicht so ne ganze Kleine.
Lass das Messer sinken,
bis in den fetten Schinken,
laß uns nicht so lange stehen,
wir wollen noch ein
Häuschen weitergehen!


Und so futterten sich die lieben Kleinen wohl das ganze Jahr durch, bis die Hausschlachtungen immer mehr nachließen und die braven Sauerländer ihre Wurst beim Metzger um die Ecke kauften. (Wir sollten fairerweise ergänzen, dass die Jugendlichen auch an Sylvester und am Dreikönigstag singend unterwegs waren, ohne um Wurst zu bitten) Heute gibt es am 2. Weihnachtstag meist einen kleinen finanziellen Beitrag für die Gruppenkasse und eine »flüssige Stärkung« für die Älteren.

Zurück zur Weihnachtswurst: In Italien verzehrt man an diesen Tagen gerne die Zampone, ein mit Fleischbrät, Zunge und Pistazien gefülltes Säckchen aus der Haut eines Schweinefußes. Das ganze wird gegart und in Scheiben aufgeschnitten. Die dazu passende Legende sagt, dass man quasi mit der Zampone den Fuß des Teufels verzehrt und so Platz für das Jesuskind macht.

Neunerlei aus dem Erzgebirge

Im Erzgebirge kennt man das traditionelle Gericht »Neunerlei«, das aus (man glaubt es kaum) neun verschiedenen Elementen besteht, von denen jeder essen muss, damit es ihm im nächsten Jahr gut geht. Dies sind im einzelnen:

  • Kartoffelsalat (oder auch Kartoffelklöße), die den Taler und damit das »große Geld« symbolisieren
  • Fisch (oft Heringssalat), der für das Kleingeld zuständig ist: Man hebt sich nach dem Genuss eine Schuppe auf, trocknet sie und deponiert sie im Geldbeutel. Dann sollte dort im nächsten Jahr keine Ebbe mehr herrschen.
  • Linsen verstärken diese pekuniären Effekte noch
  • Sauerkraut verhindert, dass das Leben im nächsten Jahr sauer wird
  • Semmelmilch (Milch mit eingeweichten Semmel-Stückchen) war für die Schönheit zuständig
  • Nüsse garantierten, dass alles »wie geölt« im Alltag läuft
  • Rote Beete standen für Rote Wangen und Gesundheit
  • über die Funktion der getrockneten Pilze gibt es keine Informationen
  • und unsere Bratwurst schließlich war das Zeichen für Stärke und Kraft.

Die Wurst unterm ­Weihnachtsbaum

Es wäre der Wurst unrecht getan, sie nur als »weihnachtlichen Fast Food« zu bezeichnen. In vielen Regionen und Ländern hat sie ihren Platz im klassischen Weihnachtsmenü. Stellvertretend erwähnt seien hier

  • die an Heiligabend servierte Leberwurst in Schweden,
  • die speršil von den Färöer-Inseln (Hauptbestandteile: Innereien und Schafstalg)
  • die boudin blanc (eine spezielle französische Wurst aus Geflügelfleisch)
  • die österreichische »Selchwurst«, eine »Geräucherte«, die meist mit Kartoffeln und Sauerkraut serviert wird; und schließlich
  • die Wollwürste, in Bayern auch »Gschwollne« genannt. Nördlich des Weißwurstäquators sind sie unter dem despektierlichen Namen »Nackerte« bekannt, weil sie keine Wursthaut haben.

Eher neueren Datums ist die »Christbaumwurst«, die keineswegs zum Schmuck der häuslichen Tanne gedacht ist. Es ist eine jener Aufschnitts-Würste auf deren Innenfläche ein Motiv wiedergegeben wird. Bei uns meist als »Bärli«-Wurst bekannt wird sie anderenorts mit den verschiedensten Weihnachtsmotiven - vom Stern bis zum Christbaum - produziert. Ein rein optisches Vergnügen.

Völlig unweihnachtlich und auch unchristlich ist ein Produkt, dass vor einiger Zeit in Nordrhein-Westfalen angeboten wurde und einen Aufschrei in den Medien auslöste: Die Herrgott- bzw. Jesus-Wurst. Eine Salami, die vielleicht geschmeckt hat - aber nichtsdestotrotz völlig geschmacklos war.

Und ein letzter Tipp von mir: Auch an Weihnachten sollte man immer eine gute Mainzer Fleischwurst im Kühlschrank liegen haben. Denken Sie bei Ihrem Feiertagseinkauf daran!


(-mdl-)