Heft 243 Dezember 2010
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Mainzer Köpfe

Als Philosoph den Menschen zugewandt

Über Religions- und Kulturgrenze hinweg


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Dr. Jacob Tharakan

Dr. Jacob Tharakan war 23 Jahre alt, als er nach Mainz kam um hier zu studieren. Die zufällige Bekanntschaft mit einem Amerikaner, der an der Mainzer Uni Amerikanistik, lehrte, führte ihn direkt von seiner Heimat Kerala in Südindien in die rheinland-pfälzische Landeshauptstadt. Der 60-Jährige ist Initiator und Motor des Mainzer Zweigs der Deutsch-Indischen-Gesellschaft (DIG).

Mallayalam ist die Muttersprache von Jacob Tharakan - die Sprache der Mutter von Hermann Hesse, wie er beiläufig erwähnt. Ebenso beiläufig stellt der promovierte Philosoph fest, dass die beiden indischen Sprachen Hindi und Sanskrit, die er in seiner Jugend lernte, für ihn als Mallayalam-sprechenden Inder Fremdsprachen sind.

1974 hatte sich Tharakan in Mainz die Studienzulassung erarbeitet - für alle Fächer. »Ich hätte sogar Medizin studieren können, aber ich kann kein Blut sehen.« Seine Wahl fiel auf Philosophie, Publizistik und Anglistik. Finanzielle Unterstützung seitens des deutschen Staates erhielt er nie, Studium und Lebensunterhalt verdiente Tharakan u.a. als Nachtportier in Hotels. Als Promotionsthema wählte der gebürtige Inder den Aufklärer Immanuel Kant: »Nein, ich habe mich damals nicht der indischen Philosophie zugewandt«, reagiert er auf die erstaunte Nachfrage.

Dennoch spielt die indische Philosophie in seinem weiteren Leben eine tragende Rolle: Sie war Gegenstand der Lehraufträge an den Unis in Mainz und Frankfurt. Der Hinduismus wiederum stand im Zentrum der Seminare zur interkulturellen Kommunikation, die der Philosoph im Auftrag der Lufthansa durchführte. Ebenso Yoga, allerdings als geistige Lehre. »Grundlage all dieser Tätigkeiten sind meine Kenntnisse der Philosophie, der Weltreligionen, meiner Auseinandersetzungen mit dem Leben überhaupt«.

Interessant, aus der Perspektive der Betrachterin, ist die Tatsache, dass der gebürtige Inder, dessen inhaltlicher Schwerpunkt bewusst auf die Philosophie Europas gerichtet war, in seinem Erwerbsleben zu den Wurzeln seiner Heimat zurückkehren musste.

Kerala - Mainz

Die unvermeidliche Frage nach den Anpassungsprozessen, um mit dem deutschen, dem Mainzer Leben zurecht zu kommen, entlockt Jacob Tharakan jenes feine Lächeln, das viele dieser »unvermeidlichen« Fragen begleitet. Er sei als orthodoxer Christ in einer »Enklave des Urchristentums« erzogen worden, weshalb ihm die Kultur des Christentums nicht fremd gewesen sei. Anders als beispielsweise gläubigen Hindus, die streng vegetarisch leben, hätten ihm auch Ge- und Verbote bezüglich Essen und Trinken nicht die Gewöhnung an hiesiges Leben erschwert.

»Aufgehoben« gefühlt habe er sich zudem im großen Bekanntenkreis des Amerikanistik-Dozenten und: »Ich war sehr offen, sehr neugierig.« Seine Bereitschaft auf Menschen zuzugehen, sieht Jacob Tharakan als eine Voraussetzung, in jedwedem Lebenskontext zu Recht zu kommen. Gleich von welcher Kultur das Alltagsleben geprägt ist. Allerdings lässt er erkennen, dass dem Grenzen gesetzt sind: Das Verhalten der Ausländerbehörde in Mainz empfinde er als unbeschreiblich. Kein Interesse an den Menschen, deren Belange sie zu bearbeiten hätten, zeige diese Behörde. Das entspricht so gar nicht der den Menschen zugewandten Perspektive des Philosophen.

Seine Disputierfreudigkeit, sein Interesse an weltphilosophischen Themen animierte ihn, mit Gleichgesinnten 1994 den Mainzer Zweig der Deutsch-Indischen-Gesellschaft zu gründen. »Die Betonung liegt hier auf Deutsch, es gibt keine Beschränkung auf indische Themen. Wir beschäftigen uns viel mehr mit globalen Themen, multikulturell und überkonfessionell.« Die Organisation des ambitionierten Veranstaltungsprogramms der DIG kostet viel Zeit, Tharakan investiert sie gerne für dieses Ehrenamt.

Von 200 eingetragenen sind immerhin die Hälfte auch zahlende Mitglieder, überwiegend mit akademischem Hintergrund. Das Jahresprogramm folgt jeweils einem Leitmotiv, 2006 war es Albert Schweitzer gewidmet. Im gleichen Jahr brachte eine Ökumenische Friedensandacht Mitglieder der unterschiedlichsten Religionen zusammen: Katholiken, Ahmadiya, Juden und Protestanten u.a. stellten in der Christuskirche multireligiöse, -kulturelle musikalische und tänzerischen Darbietungen vor. »Wir betrachten die Menschheit als Familie und sehen unsere Aufgabe darin, die unterschiedlichen Menschen zusammenzubringen, über Religions- und Kulturgrenzen hinweg«, erläutert Tharakan einen Grundgedanken.

Manche der Veranstaltungsthemen erscheinen im ersten Moment kurios, erhellen aber tatsächlich geschichtliche Kontexte: In Vorträgen begab sich beispielsweise DIG-Mitglied Alfred Stumpf auf die Suche nach »Spuren der Inder in Mainz« um zu klären, wann Mainz erstmals einen Elefanten gesehen hat oder seit wann es in Mainz Pfeffer zu kaufen gibt.

Ein fester Bestandteil im jährlichen Veranstaltungsprogramm ist Diwali, das indische Lichterfest im Frankfurter Hof. In der DIG arbeiten längst unterschiedlichste Nationalitäten zusammen: Iraner, Türken, eine gebürtige Ungarin, natürlich Deutsche und Inder: »Man muss immer bedenken, dass Indien so etwas wie eine zusammen gewürfelte Europäische Union ist. Viele Sprachen, Religionen, Identitäten - die teilweise gar nicht gut miteinander können, aber alle unter dem Dach eines Staates vereint sind. Unsere gemeinsame Sprache hier ist Deutsch, diese Sprache sprechen wir alle. Und hier, wenn Sie so wollen in der Fremde, fällt es uns leichter über trennende Schatten hinweg zu springen.«


SoS
Infos: Deutsch Indische Gesellschaft Mainz: www.dig-mainz.de