Heft 243 Dezember 2010
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Sport

Lacrosse

Vom indianischen Spiel zum modern Sport


Lacrossespiel
Laufen, passen, rufen: Bei Lacrosse ist Tempo angesagt.

Es ist ein schneller Sport mit viel Dynamik: Sprints, Körperkontakte, laute Zurufe, wahlweise auf Deutsch oder Englisch, ein Schläger, mit dem der Ball geworfen und gefangen wird. Hört sich für manch einen ungewöhnlich an, aber auch wenn Lacrosse hierzulande kaum bekannt ist, findet es immer mehr begeisterte Anhänger. »Die Vielseitigkeit des Sports, zu dem Technik, Koordination und die enorme Schnelligkeit beim Laufen gehören, ist groß«, äußerst Tobias Bastinger seine Begeisterung. Der ehemalige Leichtathlet trainiert seit anderthalb Jahren das 30-köpfige Herrenteam der Mainzer Musketeers, zu denen ebenfalls eine Mannschaft mit 22 Frauen gehört. Erst 2006 gründeten sich die Musketeers im Verein Sport-Netz Mainz und stellen in diesem mit über 50 Mitgliedern bereits die größte Abteilung.

So funktioniert Lacrosse: Zwei Mannschaften versuchen auf einem Spielfeld, vergleichbar mit einem Hockey- oder Fußballfeld, einen Ball aus 140 Gramm Vollgummi in das gegnerische Tor zu befördern, das nur 1,80 mal 1,80 Meter groß ist. Als Spielgerät dient den Sportlern ein Schläger, auch »stick« genannt, der aus Holz oder Metall besteht, ein Meter lang ist und an dessen Ende sich ein Netz befindet. Damit wird der Ball getragen, geworfen, gefangen, gepasst und vom Boden aufgehoben.

Das alles in einem unglaublichen Tempo. Allerdings ist das Berühren des Balls mit den Händen verboten. Trotz der gemeinsamen Grundregeln unterscheiden sich Damen- und Herren-Lacrosse deutlich voneinander: So stehen elf Frauen und ein Torwart pro Team zweimal 30 Minuten auf dem Feld und spielen ohne jeglichen Körperkontakt. Lediglich Checks auf den gegnerischen Schläger sind erlaubt, um in Ballbesitz zu kommen. Dahingegen zählt die Männermannschaft nur zehn Spieler plus Torwart und deren Spielzeit beträgt vier mal 20 Minuten. Außerdem sind bei ihnen Eishockey-ähnliche Körperkontakte mit Angriffen oberhalb der Hüfte erlaubt, gegen die sie sich mit Helm, Ellenbogen- und Schulterschoner schützen.

Ein »Bischofsstab« als Schläger

Das Leistungsteam der Frauen
Das Leistungsteam der Frauen besteht zwar erst seit diesem Jahr, spielt aber schon in der Bundesliga.

Lacrosse, Kanadas Nationalsport, ist ursprünglich ein altes, indianisches spirituelles und zugleich kämpferisches Spiel namens »Baggataway«, was übersetzt »kleiner Bruder des Krieges« heißt. Im 17. Jahrhundert beobachteten französische Missionare in Ontario, wie sich zwei indianische Volksstämme mit einem Stock, an dessen Ende ein Netz befestigt war, einen Ball kämpferisch streitig machten. Die Schläger erinnerten an einen gekrümmten Bischofsstab, auf Französisch: »La Crosse«. Schließlich kam es ungefähr 1830 zu den ersten Wettspielen zwischen Indianern und Weißen, verbindliche Spielregeln wurden erst später entwickelt. In Kanada entstand 1867 der erste nationale Lacrosse-Verband, kurz darauf wurde in den USA der erste Lacrosse-Club gegründet. Über England kam der Sport nach Aus­tralien und Neuseeland, danach verbreitete er sich langsam in Europa. Lacrosse war 1904 und 1908 Wettkampfdisziplin bei den Olympischen Spielen, verlor ab den 50er Jahren aber an Bedeutung.

Nach Deutschland kam der Sport Anfang der 90er Jahre über ein paar Studenten, die ihn in den USA während ihres Schüleraustauschjahrs kennen gelernt hatten und in München und Berlin die ersten beiden Mannschaften ins Leben riefen. Seitdem wächst die Nachfrage in den deutschen Vereinen und auch an der Mainzer Universität gibt es eine Sportgruppe, die mit den Musketeers kooperiert. Mittlerweile gibt es vier Herrenligen, drei Damenligen und eine Juniorenliga, die unter dem Dachverband, dem Deutschen Lacrosse Verband (DLaxV), organisiert sind.

Obwohl sich Lacrosse weltweit zu einer modernen Sportart entwickelt hat und nicht mehr den für die Indianer ursprünglichen Wert verkörpert, kommen im Spiel weiterhin der traditionelle, kampfbetonte Charakter und die taktische Prägung zum Ausdruck. Vor allem aber ist sie technisch sehr anspruchsvoll, insbesondere der Umgang mit dem Schläger erfordert einiges Geschick.

Doch stellt Claudia Nowak immer wieder erstaunt fest, wie schnell Anfänger und Anfängerinnen den Sport erlernen. Sie hat bereits 1996 mit Lacrosse während ihres zweijährigen Aufenthaltes in den USA begonnen und ist Trainerin der weiblichen Musketeers: »Die meisten Frauen entwickeln nach sehr kurzer Zeit ein Gefühl für den Stick. Dabei hat fast keine Erfahrungen mit Lacrosse mitgebracht.« Die zügige sportliche Leitungssteigerung schlägt sich längst auch in Erfolgen nieder, denn sowohl die Damen- wie auch die Herrenmannschaft spielen inzwischen in der Bundesliga. Damit auch in Zukunft Turniersiege nicht ausbleiben, suchen beide Teams interessierte Mitspieler jeder Altersgruppe. Das gilt auch für die ganz Kleinen. Für sie wurde letztes Jahr eine Jugendgruppe aufgebaut, die Mädchen und Jungen ab zehn Jahre aufnimmt und für die laut Tobias Bastinger noch »händeringend Nachwuchs« gesucht wird.


KH

Infos: www.mainz-lacrosse.de