Heft 243 Dezember 2010
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Knodderer

Durch die Schwimmbrille gesehen:

Ordnung muss sein!


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Er murrt gern, nörgelt sich durch alles, was ihm quer kommt und brummelt am liebsten halblaut vor sich hin. Deshalb nennen wir ihn »Knodderer«. Dieses Mal ging er baden. Im Wortsinne. Auf beiden Seiten des Rheins.

Erwin Osiack ist 71 Jahre alt und er lebt im Kostheimer Hallenbad - auf Bahn fünf. Dort steht er jeden Morgen ab 7 Uhr. Und ärgert sich. Über die Jungen - und das sind aus seiner Sicht fast alle. Sie schwimmen respektlos um ihn herum, als gebe es im Kostheimer Hallenbad nicht das ungeschriebene Gesetz, das da lautet: Auf Bahn eins steht Emma Pohl, auf zwei Erich Juskowiak. insgesamt sieben Rentner, sieben Bahnen - eine gottgewollte Ordnung. Frevler, wer da unerlaubt dazu stoßen will.

Auf die Rentnergang ist Verlass. Aber 6.30 Uhr belagert sie das Kassenhäuschen. Und wenn das unterbezahlte Fräulein um 7 Uhr und 20 Sekunden aufschließt, muss es schon um den Job fürchten. Innerlich sind die Protestbriefe schon längst geschrieben. Auf grimmigen Faltengesichtern sind sie auch schon zu lesen. Und wer den mit dem Stock drohenden Rentner für ein Klischee hält, der wisse: Die schönsten Klischees schreibt das Leben. Jetzt sollte man die Alten in Frieden alt sein lassen. Schließlich hat nur etwas so unsympathisches wie Thilo Sarrazin Probleme damit, wenn ökonomisch unrentable Menschen ihrem Leben nachgehen. Doch das Problem: Rentner haben im Schwimmbad immer Recht. Wenn sie am Seitenrand ohne zu gucken ins Wasser springen, blind rücklings quer durchs Becken schwimmen und dabei Kinder versenken, dann steht das sicher so in der Badeordnung - sagen sie. Und sie beharren auf ihrem Recht. Schnell melden sie dem Bademeister, wenn jemand nur zwei Kinder versenkt hat. Der hat es dann anders als sie selbst gemacht - also falsch.

Aber im Schwimmbad nerven nicht nur Alte, sondern auch Kinder und die dazwischen - also alle. Deswegen gehe ich am liebsten ins Taubertsbergbad, morgens um 10 Uhr. Für die Rentnerguerilla ist das zu spät, für die Pubertierenden-Horde zu früh. Obendrein gönne ich mir den teuren Bereich. Rutsche, drei Becken und einen Whirlpool jetzt Therme zu nennen, ist maßlos übertrieben. Aber darum geht's auch nicht. Cannes ist auch nicht viel schöner als Antalya. Aber wer sich Cannes leisten kann, leistet sich das gerne, weil er mit den Menschen, die nach Antalya fahren, nichts zu tun haben will.

Das Taubertsbergbad ist Cannes für den kleinen Mann. Der teure Bereich kostet für zwei Stunden elf Euro - in Sarrazins Hartz-IV-Währung sind das 14 Flaschen Lagerbier. Eine kleine Separierung in der Therme. Luxus sieht aber anders aus: Das fängt schon mit den Schränken an. Um deren Prinzip zu verstehen, muss man vier Semester Schlossologie studiert haben. Hilft aber auch nicht viel, denn viele Schlösser sind bereits in die ewigen Jagdgründe gewechselt, so dass man sich vorkommt wie auf dem Ikea-Friedhof: ein kaputtes Sperrholzmöbel neben dem anderen.

Wenn das knappe Zeitfenster gegen 12 Uhr vorüber ist, hält die Pubertät schreiend Einzug. In Deutschland ist jedes vierte Kind arm. Dem Schnöselvolk in der Therme möchte ich das als Therapie mal empfehlen. Wobei ich die Manierenverweigerer auch irgendwie verstehe. Wenn meine Eltern mir immer das Gefühl gegeben hätten, ich sei das einzige was fehlt, dann hätte ich den mir entgegen Schwimmenden auch nicht auf der Rechnung. Und wenn dem kleinen PISA-Versager dann noch das Gesetz der physischen Masse unbekannt ist, zwei feste Körper können nicht auf dem gleichen Platz sein, dann knallt's eben. Ich hab aber eine Taktik dagegen entwickelt: Ich stell mich einfach auf die Bahn und lass die an mir vorbei schwimmen.