Heft 242 November 2010
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Titelstory - Glosse

Billiger als in Mainz:

Fassenachter können in Wiesbaden feiern


Die Wiesbadener Rhein-Main-Hallen
Die Wiesbadener Rhein-Main-Hallen sind empfangsbereit für Mainzer Fastnachter (Foto: Rhein-Main-Hallen GmbH)

Es ging hoch her. Nachdem Günter Beck, Finanzdezernent, Bürgermeister und »Obe-Drecksack« ganz nebenbei bemerkt hatte, dass die Saalmieten in Mainzer Hallen auch auf den Prüfstand der Sparbemühungen gehörten, tobte das Fastnachtsvolk. Beziehungsweise die Obernarren. Diejenigen, die in jeder Kampagne dafür sorgen, dass die Rostra gut bestückt und die Säle gut gefüllt sind. Es ist schon lange Usus, dass den Mainzer Fastnachtsvereinen ein Nachlass auf die Saalmiete gewährt wird. Damit die Gäste nicht zusätzlich zu den teils horrenden Getränkepreisen ebensolche Eintrittspreise zahlen müssen.

Jedenfalls ist das Veto der Fastnachtsheroen eindeutig: Höhere Saalmieten können wir uns nicht leisten, respektive unseren Gästen nicht zumuten. Zumal mit der Meenzer Fastnacht uraltes Brauchtum gepflegt und die Kassen von Hoteliers und Gastronomen zusätzlich gefüllt würden.

Andererseits ist klar, dass dringend Ausgaben reduziert, bzw. Einnahmen erhöht werden müssen, will die Stadt in ihrem Schuldensumpf nicht gänzlich untergehen. Ob die Subventionen für das Fastnachtsbrauchtum über reduzierte Hallenmieten gerechtfertigt sind, darf zumindest geprüft werden. Das dauert ein wenig. Wie üblich.

In der Zwischenzeit, so dachten sich die MAINZER-Macher, erkunden wir das Terrain und begeben uns dazu auch auf abseitige Wege: Auf die »ebsch Seit«. Dort hat es reichlich Hallen und Säle, die in Kampagnen-Zeiten nicht so ausgiebig genutzt werden und Dank eines rigiden Sparkurses in vergangenen Jahren ist die Haushaltslage in der hessischen Landeshauptstadt so gut, dass in gut nachbarschaftlichem Einvernehmen, den notleidenden Fastnachtern aus Mainz bestimmt unter die Arme gegriffen werden kann.

Gedacht, angerufen und siehe da: Dr. Helmut Müller war sofort angetan: Natürlich helfe er den Mainzern gerne. Der CDU-Politiker ist als Wiesbadener Oberbürgermeister sozusagen Wiesbadens oberster Hallen- und Saalhüter. Allerdings musste Müller in diversen politischen Zirkeln doch ein wenig antichambrieren, manch einer sei gar nicht gut auf die dämlichen Sprüche gegen die Wiesbadener bei allen Sitzungen zwischen Finthen und Weisenau gewesen. Des OBs Argument gegen diese Widersacher wirkte Wunder: Auf Wiesbadener Rostra stehend, werde wohl kaum ein Mainzer Fastnachter gegen Wiesbadener hetzen! Ausgemerzt wäre damit, zumindest in der bevorstehenden Kampagne, dieser schwarze Fleck in der weißen Weste der Wiesbaden-ist-besser-Gewissheit.

Dann legte OB Müller noch einen drauf: Die ganze Republik, samt dem deutschsprachigen Ausland werde mit Überraschung zur Kenntnis nehmen, dass die Fernsehsitzung »Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht« live aus dem Wiesbadener Kurhaus übertragen wird. In den ersten Reihen die beiden OBs Müller und Beutel, dazu noch die beiden Ministerpräsidenten Bouffier und Beck, die gesamte Wiesbadener Fastnachts-Hotvolee Arm in Arm mit den Mainzern: Wenn Wiesbaden schon nicht mit seinem (Wehener) Fußballverein in der ersten Liga mitspielen könne, dann könne es doch wunderbar als Fastnachtshochburg punkten.

Offensichtlich waren die letzten Bedenkenträger von diesen Aussichten hingerissen und stimmten der Vorlage zu, den Mainzer Fastnachtsvereinen ein preisgünstiges Komplettpaket anzubieten.

Das kann sich sehen lassen!

Kurhaus Wiesbaden

Das Wiesbadener Kurhaus eignet sich hervorragend als Ersatzspielort fürs Mainzer Schloss und wird an den Wochenenden in der gesamten Kampagne den Meenzer Fastnachtern zur Verfügung stehen; ebenso die Rhein-Main-Hallen, die der Mainzer Rheingoldhalle in nichts nachstehen. Die beiden Veranstaltungshallen bietet Wiesbaden zum Preis von einer an - darauf ein dreifach donnerndes Helau und einen Narhalla-Marsch gleich dazu.

Die großen Vereine, MCC, MCV etc. sind damit unter, auch den Prunksitzungen der Prinzengarde dürfte dieses Ambiente gut zu Gesicht stehen. Bleiben die kleineren, vor allem die in den Stadtteilen emsigen: die Mombacher Bohnebeitel nach Biebrich, die Gonsenheimer Eiskalte Brüder nach Schierstein und der Weisenauer Carnevals Club passt gut ins Kostheimer Bürgerhaus.

Und weil der Wiesbadener OB ein großes Herz hat für die vielen Ehrenamtlichen, die sich in den kleinen Vereinen Beine ausreißen, bietet er ihnen die Hallen zum halben Mietpreis an. Wer dazu nein sagt, muss zu viel Geld haben!

Sogar für die Meenzer Drecksäck, die einen irgendwie alternativen Standort brauchen, hat OB Müller einen Saal in petto: Die Reduit in Kastel, die wäre doch optimal als Heimstatt für Ober-Drecksack Günter Beck. Ob OB Müller den Mainzer Finanzdezernenten richtig gut leiden kann, ist nicht bekannt. Aber die Meenzer Drecksäck sollen für die Festungsräumlichkeiten ebenfalls nur 50% der üblichen Miete zahlen müssen.

Falls nun irgendein Meenzer Fastnachter meint, diese Wiesbadener Angebote seien irgendwie unmoralisch, so möge er sich an den Vorschlag des ehemaligen Mainzer Finanzdezernenten, Kurt Merkator, in einer Mainzer Tageszeitung erinnern: Damit die Sitzungen nicht so teuer werden für die Vereine, müssten halt statt bezahltem Personal die Familienmitglieder unentgeltlich ran: Sohn und Tochter bedienen, Mann und Frau stehen abwechselnd auf der Bühne oder schmieren in der Küche Brötchen. Dann ließe sich auch eine ganz normale Hallenmiete verkraften. Und die ganze Aufregung um Saalmieten hätte sich von selbst erledigt.


Glosse: SoS