Heft 242 November 2010
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Spielsucht

Computerspiel- und Internetsucht

Ambulante Gruppentherapie hilft weiter


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»Ich habe zwei Jahre im Internet verloren, an die ich mich kaum erinnere.« Mit diesen Worten stellt sich ein 21-jähriger Gymnasiast wegen Schulversagens in der Mainzer Ambulanz für Spielsucht vor. Die Faszination und Herausforderung unbegrenzter virtueller Welten sind grenzenlos - der Übergang vom Vergnügen zur Sucht ist fließend und für Betroffene und Angehörige oft schwer erkennbar. Seit März 2008 gibt es die Ambulanz für Spielsucht in der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, die als erste Einrichtung in Deutschland auch eine ambulante Therapie für das Störungsbild Computerspiel- und Internetsucht bei Jugendlichen und Erwachsenen anbietet. Im Gespräch mit dem MAINZER erklärt Klinik-Leiter Prof. Dr. Manfred Beutel (Foto) die Behandlungsform und gibt Tipps für Eltern.

MAINZER Wer meldet sich bei Ihnen und fragt um Hilfe?

Prof. Beutel: Der häufigste Fall ist, dass besorgte Mütter, und das sind über 80 Prozent der Anrufe, über unsere Hotline Rat suchen. Über diese geben wir ihnen bereits wichtige Informationen an die Hand, damit sie mit ihren Kindern reden können. Ist das familiäre Gespräch nicht möglich, dann kommen sie in Begleitung ihrer Kinder zu uns, Jugendliche ab 18 Jahren eher allein. Oft lässt sich während der persönlichen Beratung eine Klärung finden, was die Begrenzung des Internet- und Computerkonsums betrifft. Wenn nicht, dann ist eine Überweisung in die ambulante Gruppentherapie erforderlich.

Wie sieht so eine Gruppe aus und was passiert während der Behandlungszeit?

Prof. Beutel: Die Gruppe ist für Jugendliche ab 16 Jahren bestimmt. Vorwiegend behandeln wir männliche Studenten, Auszubildende und arbeitslose Jugendliche. Der Beginn einer Therapie setzt typischerweise die Selbsterkenntnis voraus, das heißt, die Betroffenen merken, dass sie ihre beruflichen Anforderungen nicht mehr schaffen oder soziale Beziehungen vernachlässigen. Ein Mal wöchentlich trifft sich die Gruppe mit bis zu zehn Personen und das 20 Wochen lang. Jede zweite Woche gibt es ein Einzelgespräch. Im Rahmen dieser Therapie lernen die Patienten das eigene Verhalten zu reflektieren und sich mit anderen auszutauschen. Hierbei zeigt sich, wie schwierig es vielen fällt, über emotionales Befinden und über Hintergründe des Suchtverhaltens zu reden. Ein besonders berührender Moment ist, wenn sich in der zweiten Therapiehälfte die Betreffenden von ihrem Avatar trennen, ihrem Stellvertreter in der virtuellen Welt, alle Zugangsdaten löschen und damit dokumentieren, dass sie aus dem Spiel aussteigen. Das ist ein entscheidender Schritt.

Gibt es deutliche Kennzeichen für Computerspiel- oder Internetsucht bei Jugendlichen?

Prof. Beutel: Eine ausufernde Spielzeit ist das, was Eltern oder Betroffenen als erstes auffällt. Wir gehen davon aus, dass weitere Merkmale hinzukommen müssen. Zum Beispiel der Rückzug in die virtuelle Welt, andere Aktivitäten wie Freunde und schulische Anforderungen werden vernachlässigt, und weil zu einem großen Teil nachts gespielt wird, sind die Betroffenen tagsüber unkonzentriert und müde. Wenn Jugendliche das alles bemerken, aber trotzdem ihren Konsum von Internet- oder Computerspiel in gleicher Weise fortsetzen, dann spricht das Gesamtbild für eine Suchtentwicklung. Weitere Hinweise sind zudem, wenn Betroffene schon oft versucht haben, aufzuhören, dabei aber scheiterten oder wenn sie Zeiten ohne das Internet nicht mehr ertragen können und Erscheinungen wie Unruhe oder Schlafstörungen zeigen, die einem Entzug gleichen.

Was raten Sie Eltern, wenn sie Bedenken haben, dass ihr Kind möglicherweise spielsüchtig ist?

Prof. Beutel: Grundsätzlich sollten sich Eltern aktiv für das Computer- und Internetnutzungsverhalten ihrer Kinder interessieren. Schauen Sie es sich an und lassen Sie sich erklären, was Jungendliche konkret am Computer tun, und achten Sie darauf, ob das Verhalten dazu führt, dass andere Interessen in Mitleidenschaft gezogen werden. Wichtig ist auch, dass Eltern ihre Beobachtungen möglichst früh mit ihren Kindern besprechen. Kann innerhalb der Familie mit den Jugendlichen keine Lösung gefunden werden, be stehen Fragen oder Unsicherheiten, dann empfehle ich, unsere Hotline anzurufen. Darüber hinaus klären wir in einem persönlichen Gespräch mit Jugendlichen und ihren Eltern rasch ab, ob eine Suchtgefahr vorliegt. Mein Appell ist es, sich rechtzeitig mit uns in Verbindung zu setzen. Vielfach melden sich Eltern erst, wenn sich eine häusliche Katastrophe ereignet hat. Beispielsweise hat das Reglementieren von Computerzeiten dazu geführt, dass Jugendliche ausgerastet sind, Dinge im Haus zerstört oder familiäre Beziehungen Schaden genommen haben. Wenn sich Jugendliche bereits so verhalten, kann dies auch ein wichtiges Indiz für eine Suchtentwicklung sein.


KH

Infos:
Klinik und Poliklinik
für Psychosomatische
Medizin und Psychotherapie
Untere Zahlbacher Str. 8
55131 Mainz
www.unimedizin-mainz.de/psychosomatik/patienten/behandlungsangebote
Hotline/Terminvergabe:
Tel. 06131 176064, Mo-Fr 12-16 Uhr,