Heft 242 November 2010
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Mainzer Köpfe

Es gilt in der Heimat Mainz und in der Heimat Ruanda

Auf die Menschen zugehen


Annonciata Mukamurenzi Haberer
Annonciata Mukamurenzi Haberer

Zu Hause ist sie in Mainz genauso wie in Ruanda: »Es gibt im Deutschen keine Mehrzahl für Heimat, aber ich habe zwei davon«, sagt Annonciata Mukamurenzi Haberer. Seit 1988 lebt die 58-Jährige in ihrer Heimat Mainz und engagiert sich auf vielfältige Weise für ihre Heimat Ruanda.


Butare heißt die ruandische Heimatstadt, in der Annonciata Mukamurenzi Kindheit und Jugend verbrachte, an der Nationalen Universität Naturwissenschaften studierte. Kinyaruanda heißt ihre Muttersprache, französisch wurde in der Schule gesprochen und im kanadischen Montreal, wo sie einen Teil des Studiums absolvierte. 1983, als Annonciata Mukamurenzi ihren späteren Mann Peter Haberer kennenlernte, war sie Marketingchefin in einem ruandischen Versorgungsunternehmen. Seither ist ihre Lebensgeschichte eng verbunden mit der Geschichte der Partnerschaft Rheinland-Pfalz/Ruanda.

Peter Haberer, der 2004 verstarb, kam 1983 nach Ruanda, um für die Konrad-Adenauer-Stiftung zu arbeiten und gleichzeitig nebenbei und ehrenamtlich die Weichen für die Partnerschaft zu stellen. Annonciata Mukamurenzi lernte den ehemaligen Landtagsabgeordneten über eine ruandische Freundin kennen, die als Sekretärin auch in Diensten der KAS stand. 1987 heiratete das ruandisch-deutsche Paar, ein Jahr später kam ihr Sohn Wolfgang zur Welt. Als Umubano, so der ruandische Name des Sohnes, zwei Monate alt war, zog die Familie nach Mainz um: »Ich wusste, seit dem ich meinen Mann kannte, dass ich irgendwann in Mainz leben werde.« An Startschwierigkeiten oder Ablehnung aufgrund der dunklen Hautfarbe, kann sich Annonciata Mukamurenzi Haberer nicht erinnern: »Wenn ich mit dem Kinderwagen unterwegs war, fand sich immer jemand, der mir half.« Auf die Leute zugehen, sei ihre Devise damals wie heute, den Mund aufmachen - auch um etwaige Unsicherheiten direkt auszuräumen: »Woher sollen die Leute wissen, dass ich die gleiche Sprache spreche, wie sie? Wenn ich anfange zu sprechen, reagieren die Angesprochenen immer.« Es gehe, meint Annonciata Mukamurenzi Haberer, nicht um unterschiedliche Hautfarben, wenn Menschen zurückhaltend bis abweisend auf andere reagieren: »Es geht um das Fremde, das Unbekannte. Die Scheu davor lässt sich am besten ausräumen, wenn man miteinander spricht.«

Es braucht Generationen, den Genozid zu verarbeiten

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Imigongo Reliefbilder - Anfang des 19.Jahrhunderts soll Prinz Kakira in der Provinz Kibungo im Süd-Osten Ruandas eine spezielle Art Hauswände zu dekorieren erfunden haben. Mit dem Dung von Kälbern wurden Reliefs an den Wänden strukturiert. Diesen Dung verwenden die Frauen der Kooperative KAKIRA heute noch. Auf einem Holzbrett zeichnen sie die klassisch geometrischen (Foto rechts) oder modern abstrakten Linien (Foto links) vor, strukturieren mit den Fingern die Reliefs und bemalen sie mit Naturfarben: Rot wird aus einer bestimmten Erde gewonnen, Weiß aus Kaolin und Schwarz kochen sich die Frauen aus der Asche verbrannter Bananenblätter, die sie mit dem Saft von Aloe- und Solanumaculeastrum Pflanzen vermischen.

Ungewöhnlich fand sie damals das Verhältnis vieler Deutscher zu ihren Hunden: »Sie behandeln sie wie Kinder.« Nicht von Heute auf Morgen gelang die »Annäherung« an Mainz: »Rheinhessen ist so flach, Ruanda dagegen ist bergig - mir fehlten die Ausblicke.« Schnell lieben lernte sie den Rhein, dessen Uferpromenaden, die Landschaft im Mittelrheintal: »Daran kann ich mich immer noch nicht satt sehen.«

Privatunterricht half die deutsche Sprache fundiert zu lernen, die Familiensprache im Hause Mukamurenzi-Haberer wechselte rasch von Französisch in Deutsch. »Dass man sich in Mainz nicht einfach so, spontan gegenseitig besucht, sondern dass wochenlang im Voraus Termine vereinbart werden, fand ich anfangs sehr ungewöhnlich. In Ruanda stehen die Türen immer offen, man kommt einfach so vorbei, spricht viel miteinander, im Grunde sind die Menschen nie wirklich alleine.«

Dieses Jahr will Annonciata Mukamurenzi Haberer erstmals mit ihrem Sohn Weihnachten in Ruanda und mit der über 90-jährigen Mutter verbringen: »Mein Vater ist im Genozid-Jahr verschwunden, wir wissen bis heute nicht, was mit ihm passierte. Einer meiner Brüder, dessen Frau und Tochter wurden umgebracht - es gibt in Ruanda keine Familie, die nicht direkt vom Genozid betroffen ist.« Schrecklich sei es 1994 gewesen, in Mainz auf Nachrichten von der Familie aus Ruanda wartend, dabei die Greuel in den Medien zu verfolgen. »Wenn ich jetzt in Ruanda bin, ist nichts mehr zu sehen, blühende Landschaften überall, aber in den Köpfen, in den Herzen ist alles präsent. Es gibt viele traumatisierte Kinder, die so viel gesehen haben und kaum jemand, der sich um sie kümmern kann. Diese Traumata werden uns noch Generationen begleiten.«

Im Juni, bei ihrem letzten Besuch in Ruanda, nahm Annonciata Mukamurenzi Haberer erstmals an einer offiziellen Bestattungszeremonie teil: Die Überreste von 1.500 Leichen, in Massengräbern verscharrt, waren identifiziert und im Beisein ihrer Angehörigen beerdigt worden. Von offizieller Seite, so Annonciata Mukamurenzi Haberer, werde eine Erinnerungskultur gepflegt und versucht, so viel wie möglich aufzuarbeiten. Letztlich müsse aber jeder auf seine Weise mit dem Genozid und dessen Folgen fertig werden.

Ihren Teil zum Wiederaufbau der alten Heimat trägt die Mainzer Ruanderin auf unterschiedliche Weise bei. Einige Jahre verkaufte sie in der Mainzer Altstadt in ihrem Afroshop Umubano (Freundschaft) afrikanisches Kunsthandwerk, darunter Flechtarbeiten von einer Kooperative aus Butare: »Die meisten Leute kamen, um mit mir über Ruanda und über Afrika insgesamt zu plaudern, gekauft wurde weniger, letztes Jahr musste ich aufgeben.«

Mittlerweile nimmt sie die ruandischen Waren nur noch mit zu Vortragsveranstaltungen, referiert über die wirtschaftliche Bedeutung des Flechthandwerks oder über die ruandische Kultur allgemein. Sie plant für nächstes Jahr einen Vortrag über »Kinder-Familien«: Familien, in denen das älteste Kind als Familienoberhaupt die Verantwortung trägt, weil die Eltern umgebracht wurden oder an Aids starben.

Aktiv ist Annonciata Mukamurenzi Haberer auch im Verein »Kulturen Afrikas« und stellvertretende Präsidentin im Verein »Ruandische Diaspora in Deutschland«: »Wir pflegen unter uns unsere Kultur, unsere Sprache, unterstützen wirtschaftliche Projekte in Ruanda. Jeder trägt auf seine Weise dazu bei, die Entwicklungen in Ruanda zu fördern.«


SoS

INFOS:
KULTUREN AFRIKAS e.V. lädt zum Vortrag von Dr. Félissime Dominique Zinflou »Voodoo (Vodoun) eine Kulturveranstaltung? Oder der Versuch ein afrikanisches kulturelles System kennen zu lernen« ein.
Am 5. November, 20 Uhr, im »Hof zum Gutenberg«, Große Bleiche 29, Eingang Neubrunnenplatz. Eintritt frei.