Heft 242 November 2010
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Liebesschlösser

Ein alter Brauch schwappt nach Deutschland:

eisernes Liebesversprechen


Liebesschlösser an einer Eisenbahnbrücke
Foto: Rheinisches Volkskundearchiv, Bonn

»Komm sei die Königin in meinem Königreich, mein Reich ist eine Brücke, die führt in's Glück hinein

Sehr spärlich bestückt ist das Gitter der Eisenbahnbrücke zwischen Mainz und Gustavsburg. Noch. Denn bestens geeignet. Die Abstände zwischen den Gittern sind groß genug. Vorhängeschlösser lassen sich recht einfach daran befestigen. Auf einem der Schlösser, die bereits hängen ist zu lesen: »Eric & Anika, 17.9.2010«. Was sich die beiden mit dem Schloss versprochen haben, bleibt ihr Geheimnis. Gut so. J & V, H & R verraten noch nicht einmal ihre Vornamen. Ob alle den Schlüssel für ihr Schloss in den Rhein geworfen haben? Damit das Schloss nimmermehr geöffnet werden könne? Auch ein Geheimnis.

Das Schloss ist nicht so groß, symbolisch eben nur, eiserner Liebestreueschwur, der unsere beiden Namen trägt und diese Verse hier

Mache Brückengänger wundern sich: Was das wohl soll? Ein Schloss an einer Eisenbahnbrücke? Komisch! In der Tat. Aber es hat einen Sinn. Ist sogar ein alter Brauch. Der allmählich in Deutschland ankommt. Seit dem die Hohenzollernbrücke in Köln im Spätsommer 2008 zum Ziel der Schloss-Aufhänger wurde.»Liebesschlösser« werden diese Vorhängeschlösser genannt.

In Dresden, Berlin, Hamburg und nun auch in Mainz wird der wahrscheinlich von Florenz und Rom stammende Brauch mittlerweile »nachgemacht«. So gut bestückt, wie die Kölner Hohenzollernbrücke (Foto unten) ist sonst noch keine. Die Deutsche Bahn dürfte froh drum sein. In Köln wollte sie die Vorhängeschlösser »entfernen«. Man stelle sich vor, wie Bahnmitarbeiter mit Seitenschneidern tagelang Schlösser aufschneiden.

So weit kam es nicht. Aufgrund der Berichte in Kölner Tageszeitungen pilgerten noch mehr Kölner zu ihrer Hohenzollernbrücke und hängten Schlösser ins Gitter. 40.000 sollen jetzt da hängen. Die Bahn entschied, sie hängen zu lassen - solange die Verkehrssicherheit nicht gefährdet sei. Klar, die Bahn denkt immer voraus: Tonnen von Schlössern könnten vielleicht die Gitter zum Einsturz bringen. Oder gar die ganze Brücke?

Liebesschloss

»Es ist ein neuer Brauch, er bringt uns beiden Glück, so ein Schloss kann jeder seh'n, und der Dom gibt Acht darauf, Züge kommen und geh´n, Ich schließe unser Schloss, am Brückengitter an, und es ist doch nicht allein, Gemeinsam werfen wir den Schlüssel, in den Rhein hinein«

Zwischenzeitlich haben die »Höhner« die Liebesschlösser vertont (siehe Liedtext auf dieser Seite), Köln gilt als Mekka der Liebenden und die Hohenzollernbrücke als Touristenattraktion. Was es mit diesem Brauch auf sich hat, vor allem, über welche Wege er nach Köln kam, hat das Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte des Landschaftsverbands Rheinland erforscht. »Es ist spannend, einen Brauch im Entstehen zu beobachten«, sagt Dr. Dagmar Hänel vom LVR dem MAINZER. Mit ihrem Kollegen Mirko Uhlig begab sie sich auf Spurensuche nach den Ursprüngen und der Symbolik dieses Brauchs. Einem Aufruf in Kölner Tageszeitungen folgend, berichteten weit gereiste Rheinländer von Liebesschlössern in Kaliningrad, Moskau, Meran, Bruneck, Bozen, Neapel, Odessa, Pécs, Riga, Vilnius, in China und Sibirien. In Deutschland käm­pfen vor allem Dresdner Ordnungshüter gegen den Brauch auf der Augustusbrücke - mit Seitenschneidern.

Besonders beliebte Orte zum Anbringen der Liebesschlösser seien Brücken, schreiben Hänel und Uhlig in einem aktuellen Beitrag (»Ein Vorhängeschloss für die ewige Liebe. In Köln etabliert sich ein neuer Brauch«, www.rheinische-landeskunde. lvr.de). Denn Brücken an sich seien Orte des Übergangs, sie verbinden zwei Ufer miteinander, sie überwinden die trennende Grenze eines Flusses oder eines Tales. Diese Funktion mache sie zum idealen Ort, um ein Beziehungsritual zu praktizieren. Besonders attraktiv würden solche Übergangsorte für Menschen, die selbst in einem Prozess des Übergangs stecken: Jugendliche.

Liebesschlösser

»Ich trage dich auf Händen, ich bleib' dir ewig treu, im Zweifel hab´ ich immer nen Zweitschlüssel dabei«

»Die Symbolik, die mit diesen Liebesschlössern verbunden ist, spricht an. Gleichzeitig sind Interessenkonflikte vorprogrammiert, denn sie findet im öffentlichen Raum statt«, sagt Prof.Dr. Micha­el Simon. Der Kulturanthropologe an der Mainzer Uni kennt das Phänomen der Liebesschlösser aus dem Alltag, wissenschaftlich beschäftigt er sich nicht damit, aber: »Es ist anzunehmen, dass Studierende in ihren Abschlussarbeiten das Phänomen aufgreifen werden.« Simon beobachtet außerdem, dass die Liebesschlösser zu einer Geschäftsidee mutieren. In der Tat: Für die Verbreitung des Brauchs mit Gewinnabsichten sorgen diverse Internetplattformen.

Dort wird beispielsweise dazu aufgefordert, »Liebespunkte« anzulegen, Orte auszuwählen, um den ganz privaten Liebesschwur ganz öffentlich zu verorten - die Kommerzialisierung springt direkt ins Auge: Um die weltweiten »Liebespunkte« in 3-D-Kartenansicht besichtigen zu können, bedarf es entsprechender Plugs, Links führen direktemang zu den entsprechenden Graveuren und einer Liste mit entsprechenden Shops. Wer einfach »Liebesschloss« in die Suchmaschinen tippt, hält das begehrte Stück fast direkt in Händen: Ein bekannter Hersteller von Schlössern bietet gravierte Exemplare unter dem Titel »Verliebt - Verlobt - Verheiratet« an - auch mit Herzchen umrandet. Vorausgesetzt, das nötige »Kleingeld« ist zur Hand. Im Oktober erschien sogar ein Bildband über die 40.000 Kölner Schlös­ser (Callwey-Verlag München: Ein Schloss in der Stadt). Dagegen erscheinen die einfachen Schlösser mit den Filzstift-Initialien richtig herzerwärmend.


SoS

»Schenk mir heut' Nacht dein ganzes Herz, und bleib'´bei mir dann schenk ich dir mein ganzes Herz, und zeige dir, was dir gefällt - na na na na na na na, die ganze Welt -- na na na na na na na, und wenn du willst, auch noch ein bisschen mehr«