Heft 242 November 2010
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Knodderer

Kampfplatz Bürgersteige

»Aus'm Weg!«


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Er murrt gern, nörgelt sich durch alles, was ihm quer kommt und brummelt am liebsten halblaut vor sich hin. Deshalb nennen wir ihn »Knodderer«. Dieses Mal beobachtet er »Belästigungen« auf den Bürgersteigen.

Wir treffen auf der Straße Menschen, die aus der Feder eines denkfaulen Autors stammen könnten. Reingeschrieben in unser Drehbuch, um das Szenario »Beschissener Tag« mit Beispielen auszumalen: Sie schwanken über den Bürgersteig, der Blick streift irre durch die Luft wie einst bei Klaus Kinski und wenn es zum unvermeidbaren Zusammenstoß kommt, dann motzen sie. Ist ja auch eine Sauerei. Okay, der andere mag zur Seite gewichen sein, den Bauch auf einen Umfang von zehn Zentimetern eingezogen haben und das bei einer Reaktionszeit von 0,7 Sekunden. Aber das reicht nicht. Weil sich die anderen weigern, sich in Luft aufzulösen, müssen sie selber tatsächlich auf die Straße gucken. Repressives Schweinesystem!

Andere suchen den Zusammenstoß bewusst. Sie machen eine Religion daraus, auf Bürgersteigen grundsätzlich nicht auszuweichen. Entgegen kommen sie einem mit einem Blick - eine Mischung aus Django, James Dean und Bushido. Der Gang: als ob sie von einem Fußball in die Eier getroffen worden wären, getreten von Michael Ballack. In der kulturellen Evolution oft benachteiligt sucht diese Spezies ihren darwinistischen Erfolg im Verdrängen anderer vom Bürgersteig und schon eine ausweichende Schwangere reicht ihnen als Bestätigung, zu Auserwählten zu gehören.

Andere Dinge auf dem Bürgersteig werden uns nicht als Belästigung in den Weg gestellt, sondern um für eine Sache zu werben. Allerdings funktionieren sie als Belästigung in der Regel besser. Händler bauen sie nach dem Prinzip auf: Umso unerwünschter das Produkt ist, um so schwerer muss es dem Fußgänger gemacht werden, an den Schildern vorbei zu kommen. Die Mai-Demonstranten in Berlin sollten die Betreiber Mainzer Tattoo-Studios anheuern. Mit deren Werbeschildern könnte man die Polizei effektiv aus Kreuzberg aussperren.

Andere verlagern ihr Geschäft nach draußen. Ein Radhändler in der Nackstraße macht sich so sehr auf der Straße breit, dass es wundert, warum SWR1 ihn im Radio nicht unter Verkehrsbehinderungen meldet. Auch Wirte entdecken den Bürgersteig für die Erlebnis-Gastronomie. Zu diesen Erlebnissen gehören die Hundebesitzer, die das Gassigehen nicht wegen solcher Petitessen wie essende Menschen umleiten. Auf dezente Hinweise, der Hund könne doch woanders hinscheißen, reagieren sie nur mit Knurren. Ein Beweis, wie Halter und Tier sich doch mit der Zeit ähnlich werden. Zum Glück bleibt die Hose oben - noch!

Ein Engpass ist auch die Große Bleiche (Foto). Auf der einen Seite des Bürgersteigs eine Bushaltestelle und ein Radweg - auf der anderen ein Kleiderladen für Frauen, die im Wettstreit liegen, ob sie weniger Geld oder Geschmack haben. Dazu ein halbes Dutzend Aufsteller. Das ist kein Bürgersteig. Das ist ein Szenario. Hersteller vom Computerspielen müssten es nur abfilmen und mit Sound unterlegen und könnten es sofort verkaufen. »Passier die Höllen-Bleiche« wäre auch ein hübscher Titel. Als Spiel und in Echt. Nur hat man dort leider nur ein Leben.


Knodderer