Heft 241 Oktber 2010
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Sport

Sportakrobatik muss bekannter werden

»Faszination auf der zweiten Ebene«


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Sie sind erst 14 und 12 Jahre alt und im Mai zum dritten Mal in Folge Deutsche Jugendmeisterinnen im Mehrkampf geworden. Paulina Haas und Nisha Virmani heißen die beiden erfolgreichen Mädchen. Ihre Leidenschaft: Sportakrobatik. Nur wenige dürften sich unter der Bezeichnung etwas vorstellen können, die Übungen allerdings lassen die enge Verwandtschaft zum Bodenturnen erkennen. Dennoch sind die Unterschiede deutlich: So gibt es bei Sportakrobatik grundsätzlich keine Solo-Darbietungen, sondern es treten immer mindestens zwei Personen als Team an. Wurf- und Hebeelemente wie hoch gebaute Pyramiden, die aus einem vertikalen Aufbau aus bis zu vier Personen bestehen können, sind Pflicht. Balance-, Dynamik-, und eine kombinierte Übung als Mehrkampf müssen für maximal zweieinhalb Minuten nach Instrumentalmusik choreographiert sein. »Wo Bodenturner aufhören, fangen wir erst an«, bemerkt Klaus Spengler, Vorsitzender des Sport und AkrobatikVerein (SAV) Laubenheim, dem das Damenpaar Haas und Virmani angehört. »Ich nenne es Faszination auf der zweiten Ebene.« Auf dieser zeigen nicht minder erfolgreich die Damengruppe mit Nadine Schek (25), Julia Patruna (23) und Dana Saiko (14) ihr Können.

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Damengruppe Schek, Patruna, Saiko mit Trainerin Kiselichka bei der WM in Wroclaw 2010.

Die DM-Titelträgerinnen der vergangenen beiden Jahre belegten in diesem Jahr in der Kategorie Junioren Platz 1 beim Internationalen Turnier in der Schweiz. Vier Mal pro Woche trainieren die fünf Mädchen im Leistungsteam unter den professionellen Anweisungen von Antonaneta Kiselichka und ihrem Mann Orlin Kiselichki. Die bulgarische dreifache Ex-Weltmeisterin ist seit elf Jahren Cheftrainerin beim SAV: »Wir hoffen, dass unsere Sportlerinnen bei den Europäischen Mannschaftsmeisterschaften in Polen und den Deutschen Meisterschaften für Junioren und Senioren in Ebersbach in diesem Monat wieder erfolgreich sein werden. Ein weiteres großes Ziel, das wir vor Augen haben, ist die Weltmeisterschaft 2012 in Bulgarien.« Außerdem freue man sich auf den Wettkampf um den Gutenberg-Pokal, der vom 29. bis zum 31. Oktober im Sportzentrum Ried in Laubenheim stattfindet. Über 300 Teilnehmer aus England, Usbekistan, Bulgarien, Spanien und Deutschland werden zum Turnier erwartet, das der SAV bereits zum elften Mal ausrichtet.

1999 wurde der Verein gegründet, in dem 130 Sportakrobaten aktiv sind und der unter anderem Aerobic, Tanz und Kinderturnen anbietet. Neben dem SAV gibt es in Mainz noch den Kunst-Kraft-Sportverein (KKSV) in Finthen, der bereits seit 1954 besteht und 140 Mitglieder hat. Dass die Akrobaten beider Vereine auf den Wettkämpfen regelmäßig gegeneinander antreten, ist für Klaus Spengler kein Problem, denn schließlich bestünde auch innerhalb des eigenen Vereins Konkurrenzkampf. »Wir haben gute Sportler, die national wie international erfolgreich sind. Es ist an der Zeit, dass Sportakrobatik in unserer Stadt bekannter wird, damit es keine Randsportart mehr ist.«

Was ist Sportakrobatik?

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Dreifache Jugendmeisterinnen Paulina Haas (l.), Nisha Virmani (v.) mit Trainer Orlin Kiselichki

Sportakrobatik hat sich aus dem Kunstkraftsport, einer Parterre-, Balance-, Luft- und Sprungakrobatik, unter Einbeziehung von Elementen aus dem Bodenturnen entwickelt. Der Deutsche Akrobatik Bund e.V. beschreibt die Gründung des Deutschen Athletenverbandes 1891 als Beginn der sportlichen Entwicklung für die deutsche Sportakrobatik. Große Impulse für die heutige Sportart kamen nach dem Zweiten Weltkrieg besonders aus den damaligen Ostblock-Ländern wie der Sowjetunion, Polen, Bulgarien und DDR. Sukzessive entstand ein weltweit einheitliches Wettkampfsystem, das sich hauptsächlich am sowjetischen Programm orientierte. Über die Athletenverbände, in denen Kunstkraftsport ausgeübt wurde, organisierten die DDR und Bundesrepublik Deutschland sogar gemeinsame deutsche Meisterschaften, wie 1953 in Mainz-Weisenau und 1954 in Leipzig. Ab 1956 wurden die Sportler im Osten immer mehr dem Turnverband zugeordnet und nannten sich fortan Sportakrobaten. Im Westen löste sich der Deutsche Kunstkraftsportverband bis Mitte der 70er aus dem Athletenverband und änderte daraufhin ebenfalls seine Bezeichnung. Eine vorgesehen Fusion des Deutschen Sportakrobatik-Bundes mit dem Deutschen Turner-Bund kam bisher nicht zustande.


KH

Infos:
Sport und Akrobatik 1999 e.V. Mainz-Laubenheim:
www.sport-mainz-laubenheim.de
Kunst-Kraft-Sportverein 1954 e.V. Mainz-Finthen:
www.kksv-mainz.de