Heft 241 Oktber 2010
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Mainzer Köpfe - Iwona Derecka-Weber

Iwona Derecka-Weber

Polen und Deutsche ins Gespräch bringen


Iwona Derecka-Weber

In Polen zur Germanistin ausgebildet, unterrichtet Iwona Derecka-Weber am Mainzer Polonicum Polnisch. Seit 32 Jahren lebt die Warschauerin in Mainz und trägt ihren Teil dazu bei, Polen und Deutsche miteinander ins Gespräch zu bringen. »Ich war schon während meines Germanistik- und Linguistik-Studiums in Polen oft in Deutschland«, erzählt die 55-Jährige. Anders als in der DDR herrschte in Polen Reisefreiheit - außer während des Kriegsrechts unter General Jaruzelski 1981-83. Was für Ostdeutsche damals als unerfüllbarer Traum erschien, lag für die Polin im Bereich des Möglichen: Sie verdiente sich als Reiseleiterin in der Heimat was dazu und bereiste während der Ferien ganz Europa. Die Tatsache, dass viele Polen Deutsch lernten und studierten, erklärt Derecka-Weber ganz pragmatisch: Während des Kalten Krieges bedeutete West-Deutschland für viele Polen das Fenster in die Welt, das sich mithilfe der deutschen Sprache leichter öffnen ließ.

Dass sie selbst statt in Polen Deutsch in Mainz Polnisch unterrichtet, ist ein Produkt der Liebe - zu ihrem deutschen Mann. Bei einer Deutschlandreise am Bodensee kennengelernt, zog Iwona Derecka-Weber direkt nach dem Studium 1978 um, nach Mainz-Laubenheim, wo der Ehemann als Ingenieur bei Opel arbeitend sein Domizil aufgeschlagen hatte. Auch die offizielle Ausreise aus Polen war, anders als in der DDR, kein Problem. Allerdings erhielt Derecka-Weber den Konsularpass, der ihr jederzeit den Besuch in Polen ermöglichte, nur, da ihr Vater nachträglich ihr Studium bezahlte. »Schließlich haben wir auf Staatskosten studiert und wer das nicht zumindest teilweise zurückgab, in dem er in Polen arbeitete, musste eben die Ausbildungskosten tragen«, kann Derecka-Weber diese Regelung noch heute nachvoll- ziehen.

Die berufliche Etablierung in Deutschland begann für Iwona Derecka-Weber mit der Anerkennung des polnischen Diploms und, um die Zeit zu nutzen, mit dem Besuch von Volkshochschulkursen. Dabei stellte sie fest, dass es keinen Polnisch-Unterricht an der vhs gab. Mit dem Vorschlag, polnische Sprachkurse ins vhs-Programm aufzunehmen stieß sie auf offene Ohren: Die Grundlagen für ihren eigenen weiteren beruflichen Werdegang waren gelegt, wenn auch unbeabsichtigt. Die nächste Gelegenheit, in der die polnischen Sprachkenntnisse der Germanistin gefragt waren, wurde seitens des »Mainzer Polonicum« an sie herangetragen. Gegründet im März 1980 stehen die Sprachkurse heute noch Studierenden aller Fachbereiche offen. Innerhalb von sechs Monaten wird so intensiv polnisch gelernt, dass die Absolventen eine gute Ausgangsbasis für ihre spätere Arbeit als Anwälte, Betriebswirte oder Deutschlehrer in Polen erhalten.

Das Interesse an den Polnisch-Kursen war von Anfang an sehr groß, wiederum war Iwona Derecka-Weber als Lehrerin gefragt und 1986 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mainzer Polonicum fest angestellt. Zwischenzeitlich, 1984, war ihre Tochter Veronika auf die Welt gekommen: »Es war selbstverständlich, dass ich weiter arbeiten ging«, so das klare Bekenntnis zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auf diese Selbstverständlichkeit angesprochen, meint Derecka-Weber: »Es hängt wahrscheinlich mit den Vorbildern zusammen - in Polen ist es üblich, dass die Frauen ihren Teil zum Familieneinkommen beitrugen. Meine Mutter zum Beispiel fing an zu studieren, als ich bereits geboren war und hat immer gearbeitet. Ich habe erst in Deutschland erlebt, dass gut ausgebildete Frauen freiwillig zuhause bleiben - was für mich nicht vorstellbar ist.«

Vom Segelboot aufs Pferd

Von Anfang an begeistert war Derecka-Weber vom Rhein, der zu Mainz gehört, wie die Weichsel zu Warschau. »Die Weichsel hat aber einen ganz anderen Charakter, sie ist nicht beschiffbar, daher ist auch das Landschaftsbild ganz anders.« Für ihren Lieblingssport, das Segeln, ist der Rhein leider nicht geeignet: »Wissen Sie, ich war mit meinem Vater immer auf der Masurischen Seenplatte unterwegs, ich bin beim Segeln diese Weite gewohnt und kann mich an die Begrenzungen des Rheins nicht so recht gewöhnen.« Der Tochter sei Dank kam die passionierte Seglerin aber zu einem neuen sportlichen Hobby: »Als Veronika zum Studieren nach Aachen gegangen war blieb offen, was mit ihrem Reitpferd geschehen sollte. Da sah ich eines Tages vor unserem Haus in Finthen, wohin wir zwischenzeitlich umgezogen waren, Pferde vorbeilaufen - welch ein Glück, unser Nachbar war bereit, das Pferd unterzustellen. Seither reite ich selbst mit großem Vergnügen.«

Abgesehen vom ausgefüllten Berufsleben ist Iwona Derecka-Weber in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Mainz-Wiesbaden aktiv. Gegründet 1992 von deutschen Studierenden, die am Mainzer Polonicum mit Sprache und Kultur Polens in Kontakt kamen und einigen in Mainz und Wiesbaden lebenden Polen, ist das Anliegen der DPG, Polen und Deutsche miteinander in Kontakt zu bringen - um Vorurteile und Klischees abzubauen. Davon hat es reichlich auf beiden Seiten, wie sowohl unsere Alltagsblicke auf die jeweils Anderen zeigen, als auch die Berichterstattung beispielsweise zum Jahrestag der Charta der Vertriebenen. »Gratwanderer«, die wie Iwona Derecka-Weber Vergangenheit und Realität des Lebens in beiden Ländern kennen und sich damit auseinandersetzen, sind bestens in der Lage die unterschiedlichen Facetten zu vermitteln. «Der Austausch über Literatur, Musik, Kunst und natürlich über Geschichte ist eine sehr gute Möglichkeit miteinander ins Gespräch zu kommen und falsche Vorstellungen zu korrigieren«, weiß Derecka-Weber aus ihrer 32-jährigen Erfahrung.


SoS

Info: Vortrag von DPG und Studium Generale: »Polnisch-jüdische Beziehungen der letzten zwölf Jahre« von Leif Murawski am 1. Dezember, 18.15 Uhr im ehemaligen Fakultätssaal 01-185, (Philosophicum Uni Mainz)