Heft 241 Oktber 2010
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Familie

Im Fokus der Sozialarbeiter

Das Wohl der Kinder


goebel

Jürgen F. lebt in enger Nachbarschaft mit dem Ehepaar S. und ihren zwei Kindern. Seit einer Weile vermutet er, dass deren siebenjähriger Sohn sich den ganzen Tag allein um den Säugling kümmern muss, während die Eltern Gelegenheitsarbeiten nachgehen. Schließlich ruft Jürgen F. die Sozialarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) beim Jugendamt an, um ihnen seine Bedenken zu schildern. Von dieser so genannten Fremdmeldung über eine mögliche Kindeswohlgefährdung, die anonym oder namentlich erfolgen kann, erfährt die betreffende Familie nichts. »Wenn Kinder allein in der Wohnung sind, insbesondere wenn ein Säugling dabei ist und der von einem Grundschulkind beaufsichtigt wird, was diese Aufgabe gar nicht wahrnehmen kann, dann ist das ein drastischer Anlass für uns, schnell zu handeln. In solch einem Fall gehen wir sofort hin«, erläutert die Leiterin des ASD Hiltrud Göbel (Foto).

Ohne Anmeldung fahren die für den Stadtteil zuständigen Sozialarbeiter zur Adresse, die der Nachbar ihnen genannt hat. Als sie niemanden antreffen und auch keine Stimmen in der Wohnung hören, hinterlassen sie ein Schreiben, in dem die Eltern aufgefordert werden, sich unverzüglich mit dem Jugendamt in Verbindung zu setzen. Hiltrud Göbel erklärt: »Wären die Kinder tatsächlich alleine gewesen, hätten wir sie direkt mitnehmen müssen und sie vorübergehend untergebracht, bis die Eltern sich melden.« Kinder von sechs bis 18 Jahre kommen in eine Schutzstelle, jüngere zu Bereitschaftspflegestellen. Dort bleiben sie oft nur vorläufig, denn der ASD versucht die Situation mit Eltern oder Angehörigen innerhalb eines Tages zu klären, damit weitere Schritte geplant werden können. Bei der Familie S. können Sozialarbeiter in Gesprächen in deren Wohnung herausfinden, dass die Kinder in normalen Verhältnissen leben. Zwar treffen die Angaben des Nachbarn zu, dass der Vater einer Gelegenheitsarbeit nachgeht, hingegen nimmt die Mutter beim Verlassen der Wohnung die Kinder stets mit.

Notwendig: Mehr öffentliche Aufmerksamkeit!


Allerdings stellt sich heraus, dass der Junge nicht zur Schule geht, weil die Familie erst vor kurzem nach Deutschland gezogen ist. Ein harmloser Fall für Hiltrud Göbel: »Obwohl der Nachbar sich nicht sicher war, ob die Kinder allein sind, hat er sich bei uns gemeldet. Das ist völlig in Ordnung, denn lieber ein Mal zu viel sorgen als ein Mal zu wenig.« Die diplomierte Sozialarbeiterin vertritt den Standpunkt, dass mehr öffentliche Aufmerksamkeit zum Wohle des Kindes wichtig ist. Es ginge jedoch nicht darum, Menschen vorschnell zu diffamieren, sondern bei der Reduzierung von Kindeswohlgefährdung mitzuhelfen. Mit dem Begriff ist laut Gesetz die grundsätzliche Sorge um das Kind gemeint, und darunter fällt sexueller Missbrauch, körperliche und seelische Misshandlung, zu der auch das Nicht-Wahrnehmen von kindlichen Bedürfnissen, das vorsätzliche Ignorieren, Demütigen und die Vernachlässigung eines Kindes gehören. »Im Laufe meiner Tätigkeit konnte ich beobachten, dass es eine deutliche Zunahme sowohl im Meldeverhalten als auch bei den Fällen gibt. Das liegt natürlich auch daran, dass das Thema in der Öffentlichkeit viel häufiger angesprochen und somit die Bevölkerung in dieser Hinsicht stärker sensibilisiert wurde«, konstatiert Hiltrud Göbel nach 28 Jahren beim Jugendamt. »Leider zeigt sich dadurch, dass die Fälle schwerer Kindesmisshandlung gestiegen sind und die Kindeswohlgefährdung in psychischer Hinsicht zugenommen hat.« Dabei zögen die von Fremdmeldungen betroffenen Fälle sich durch alle Gesellschaftsschichten. Im Jahr 2009 registrierte der Allgemeine Soziale Dienst 200 Fremdmeldungen, von denen 70 von Verwandten, Bekannten und Nachbarn und 130 von Polizei, Kindertagesstätten, Ärzten und Schulen kamen. In 46 Fällen wurde innerhalb von 24 Stunden bei der Familie interveniert, 31 Fälle wurden vom ASD so eingeschätzt, dass eine akute Kindeswohlgefährdung vorlag.

Der Allgemeine Soziale Dienst nimmt mit seinen 28 nach Stadtteilen zugeordneten Sozialarbeitern tagsüber telefonisch und persönlich im Jugendamt Meldungen entgegen. Diese können auf aktuelle Situationen hinweisen oder auf schon länger zurückliegende. Am Abend, Wochenende und wenn es um Gewalt, Alkholmissbrauch, Aggressionen und Auseinandersetzungen in der Familie geht, ist die Polizei erster Ansprechpartner für Fremdmeldungen. Sie klärt vor Ort, ob eine Bedrohung für ein Kind besteht. Muss es gegebenenfalls im Zuge einer Gefahrenabwehr mitgenommen werden, kommt es zur Schutzstelle, die wiederum die Rufbereitschaft des Jugendamtes informiert. Aufgrund des polizeilichen Einsatzberichtes setzen sich dann die Sozialarbeiter mit dem Fall auseinander. Neben dem Kinder- und Jugendschutz gehören die Mitwirkung bei familiengerichtlichen Verfahren um Sorge- und Umgangsrecht und die Vermittlung von Erziehungshilfen zu den Aufgaben des Allgemeinen Sozialen Dienstes.

Info Allgemeiner Sozialer Dienst/
Amt für Jugend und Familie Mainz
Kaiserstraße 3 - 5
55116 Mainz
Telefon: 06131 / 12-2942
Fax: 06131 / 12-3953



KH